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Die Wahrheit des Wortes

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Zweite Leiche in Köln geborgen

13. März 2009

Nun ist es traurige Gewissheit, der Einsturz des historischen Stadtarchivs in Köln vom 03. März 2009 hat auch noch ein zweites Todesopfer gefordert. Der 24 Jahre alte Student Khalil G. wurde am gestrigen Abend gegen 18.20 Uhr in einer dreistündigen Rettungsaktion tot aus den Trümmern geborgen. Er wurde im Laufe des heutigen Tages von seinem Vater eindeutig identifiziert. Der Leichnam wird heute noch zur Beisetzung nach Marokko überführt werden. Alle Beteiligten sind der Überzeugung, dass es nun keine weiteren Toten mehr geben wird. Diese Vermutung basiert auf der Tatsache, dass es keine weiteren Vermissten mehr gibt. So schlimm dieser zweite Todesfall auch ist, so positiv ist die Sicherheit die nun für alle Beteiligten besteht. Nun kann auch die Feuerwehr in einem anderen Stil als bislang arbeiten, was die Situation zum ersten Mal seitdem Einsturz etwas entspannt. Wobei es ungemindert eine riesige Katastrophe für die Opfer, die Angehörigen und natürlich auch für das Gedächtnis der Stadt Köln bleibt.

Oberbürgermeister Fritz Schramma und das Moratorium

So makaber es auch sein mag, hatte die Stadt Köln, aber vor allem auch die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) nun zwei Tage lang eine gewisse Ruhepause, was die Medienpräsenz im Kontext zu dieser Katastrophe anging, da natürlich das Hauptaugenmerk der Medien seit Mittwoch auf dem baden-württembergischen Winnenden lag, wo der 17 Jahre alte Tim K. insgesamt 16 Menschen tötete. Trotzdem wollen wir hier in der Kölner Redaktion natürlich nicht aufhören, auch von dieser Katastrophe in Köln zu berichten. Denn nach und nach beginnt nun auch mehr und mehr die Aufarbeitung des Geschehenen und da tun sich erst ein Mal unendlich viele Fragen auf, was sich auch in den verschiedenen Pressekonferenzen in dieser Woche darstellte. Die wohl interessanteste Frage ist, warum sich Oberbürgermeister (OB) Fritz Schramma (CDU) mit seinem Moratorium scheinbar nicht vollumfänglich durchsetzen kann? Obwohl es ganz offensichtlich auch weiterhin zu Erdbewegungen kommt und noch immer Häuser abgestützt bzw. abgerissen werden müssen, baut die KVB weiter. Da stellt sich die Frage, was in dieser Stadt noch geschehen muss, bis dieser Wahnsinn ein Ende hat.

Walter Reinarz, Vorstand der KVB, räumte selber auf Nachfrage auf einer Pressekonferenz ein, dass es im Rahmen des U-Bahn-Baus zu über 1.000 Schäden kam, wobei es in 300 bis 400 Fällen um die Beschädigung von Gebäuden ging. Wenn man sich alleine nur ein Mal die Anzahl der beschädigten Gebäude vor Augen hält und sich dann überlegt, wie viele Menschen hier sehr wahrscheinlich über all die Jahre gefährdet wurden, kann man entweder Angst bekommen oder sich glücklich schätzen, dass außer der Katastrophe von vor gut anderthalb Wochen noch nicht mehr passiert ist. Erschreckend ist in jedem Fall die Tatsache, wie eingeschränkt ganz offensichtlich der Einfluss des OB ist. Seit beginn der Katastrophe lässt sowohl die Stadt Köln durch OB Schramma, wie auch durch Stadtdirektor Guido Kahlen immer wieder verlauten, wie stark man sich für die Hilfe der Opfer einsetzt. Sieht man allerdings Interviews mit diesen Opfern, machen diese zum Teil einen hilflosen und alleingelassenen Eindruck. Ein weitere Aspekt der unstimmig scheint und nicht gerade für die Fürsorge der Stadt Köln spricht. Auch die Summen, der so hochgelobten Hilfsgelder muten eher wie ein Tropfen auf den heißen Stein an. Stellen sie sich vor, sie haben alles verloren, ihr gesamter Hausrat, ihre Wäsche, ihre Elektrogeräte, ihre Einrichtung etc. wäre einfach weg und nun erhalten sie 10.000 Euro. Ein Hohn.

Sicherheit ist immer relativ

Wenn wir von dem verschütteten Kulturgut, welches zum Teil über 1.000 Jahre alt war, reden oder auch von dem gerade angesprochenen Hausrat, sprechen wir natürlich immer von Sachwerten, dessen Vernichtung schon eine Katastrophe darstellt aber noch schlimmer ist natürlich der Verlust von Menschenleben. Dies bedeutet, die höchste Priorität sollte spätestens seitdem Einsturz des Stadtarchivs das Leben der Menschen in dieser Stadt haben. Wenn man nun den Worten von Herrn Reinarz von der KVB folgt, stellen sich allerdings auch in diesem Kontext einige Fragen, wie zum Beispiel die, nach der allgemeinen Sicherheit des Bauvorhabens der Nord-Süd-U-Bahn-Trasse und hier reden wir nicht nur von der Unglücksstelle in der Severinstraße, wo man die Woche über häufiger das Gefühl erlangte, es sei noch lange nicht alles sicher. Letztendlich bekommt man immer das Gefühl, dass ein gewisses Restrisiko bleibt und Sicherheit immer etwas relatives ist. Ohne den Ermittlungsbeamten vorgreifen zu wollen, scheint aber natürlich eine hohe Wahrscheinlichkeit vorzuherrschen, dass die Katastrophe in der Severinstraße mit den dortigen Bauarbeiten zu tun hatte. Was sollen die Menschen aber nun tun, die in ihren rissigen Häusern Leben müssen und die Folgen der Geschehnisse des Einsturzes quasi immer vor Augen haben. Sie können beantragen, dass ihre Häuser vom TÜV-Rheinland geprüft werden. Eine Prüfung des eingestürzten Stadtarchivs, kurz vor der Katastrophe hat ergeben, dass dort keine Gefahr bestand, wem soll man da nun am Ende des Tages noch glauben.

Die KVB räumte durch Herrn Reinarz auch ein, dass es kein kurzfristiges Warnsystem geben würde. Natürlich stehen die Baustellen in gewissen Abständen unter Beobachtung und es gibt diverse Messungen die Veränderungen, gerade auch im Erdreich, aufzeigen aber, wie gesagt, ein kurzfristig warnendes System gibt es offensichtlich nirgendwo in der Stadt. Man sagt es würde auch nicht helfen, denn ein Gebäude kollabiert nun ein Mal in Sekunden. Die Frage die sich an diesem Punkt stellt ist allerdings, was sich in der Baugrube tat und dazu führte, dass die dort beschäftigten Bauarbeiter noch aus der Tiefe hinauskamen und sogar noch Zeit hatten anderen Menschen das Leben zu retten? Was immer sich da unten getan hat, muss in irgendeiner Form messbar gewesen sein, denn sonst hätten es die Bauarbeiter wohl kaum wahrgenommen. Wenn man also nun diese massive Veränderung hätte elektronisch festgestellt, hätte man auch ab dem Moment, wo die Bauarbeiter die Grube verließen, ein akustisches Warnsignal auslösen können. Also scheint ein solches Warnsystem technisch durchaus möglich zu sein. Auch hier wird man das Gefühl, wie an vielen anderen Stellen auch, nicht los, dass es wohl eher eine finanzielle Frage als eine technische Frage ist, ausreichende Warnmechanismen zu installieren. Sollte sich irgend etwas in dieser Richtung jemals bewahrheiten, wäre und wird hier, so krass es klingen mag, der Verlust von Menschenleben mindestens billigend in Kauf genommen. Letztendlich wird man sehen was die Ermittlungen bringen werden und muss hoffen, das der Klüngel in diesem Sachverhalt keinen schädigenden Einfluss auf die Ergebnisse hat.

Zum Ende möchten wir noch darauf hinweisen, dass am nächsten Dienstag, den 17. März, um 14 Uhr, also fast auf die Minute genau 14 Tagen nachdem Einsturz des historischen Stadtarchivs, eine Gedenkstunde im Kölner Gürzenich stattfindet.

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Kategorie: Gesellschaft · Kultur · Medien · Politik · Technik

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