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Die Wahrheit des Wortes

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Wir sind Papst oder Jedem den Seinen

3. Februar 2009

Die aktuellen Probleme zwischen der jüdischen Glaubensgemeinde und dem Vatikan belegen ein Mal mehr, dass Religion immer wieder ein Anlass für schwerwiegende Auseinandersetzungen auf dieser Welt ist. Der Glaube ist etwas, was jeder braucht, es ist wie mit der Hoffnung. Ob man allerdings zwingend eine Religion als Mantel des Glaubens braucht, ist eine andere Frage. Keine Frage ist es, dass Religion auch in diesem Jahrtausend wieder zu Krieg, Tod und Leid führen wird, was die Existenzberichtigung natürlich in Frage stellt. Es ist unglaublich, wie viele Millionen Menschen im Kontext zur Religion ums Leben kamen. Aktuellste Beispiele sind die Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Christen in Indien oder auch die aktuelle Krise im Nahen Osten. Immer wieder gerät man an Religion als Grund oder Subgrund solcher Kriege und Auseinandersetzungen. Ob da der aktuelle Zwist zwischen Christen und Juden förderlich für ein friedliches Zusammenleben ist, darf  mehr als bezweifelt werden.

Juden und Christen

Das Thema Judentum ist auf Grund der deutschen Vergangenheit in Deutschland natürlich immer ein besonders sensibles Thema, wobei man sich natürlich ganz offen die Frage stellen muss, welche Verantwortungen Menschen die Jahrzehnte nachdem Holocaust geboren wurden, für diesen noch tragen? Es scheint als sei die Antwort auf diese Frage ganz einfach, es gibt an dieser Stelle keine Verantwortung im direkten Kontext zu diesen Taten. Aber dieses Thema sollte man an einer anderen Stelle behandeln, denn es bringt uns zu weit vom aktuellen Kontext ab. Erst ein Mal stellt sich als nächstes die Frage, wie zum Beispiel die aktuellen Diskussionen, um die Mitte Januar gestoppte Kaffeewerbekampagne von Tchibo und Esso, die an 700 Tankstellen mit dem Slogan `Jedem den Seinen` geworben hatten, zu beurteilen ist. Es ist anzunehmen, dass der Slogan in Anlehnung an `Soweit es an mir liegt, soll jeder das Seine nutzen und genießen dürfen` (suun cuique per me uti atque frui licet) des römischen Philosophen Marcus Porcius Cato, genannt Cato der Älteren, entstanden ist. Man muss allerdings festhalten, dass diese Aussage von den Nationalsozialisten missbraucht wurde, in dem sie über das Tor des Konzentrationslagers Buchenwald `Jedem das Seine` (suun cique) geschrieben wurde. Diese Negativbelegung führt natürlich zu Problemen. Aber was muss es uns sagen, dass dieser Satz nun in dieser Werbung wieder auftauchte. Vor allem, dass wohl eine ganze Menge Kontrollsysteme versagt haben. Denn man muss annehmen, dass verschiedene Abteilungen und wahrscheinlich auch Abteilungsleiter von der Werbeagentur bis zu den beiden Werbetreibenden Großkonzernen, diesen Werbeslogan historisch nicht ausreichend geprüft haben. Dies würde ein Mal mehr ein miserables Licht auf die deutsche Wirtschaft im Allgemeinen werfen. Eine andere Möglichkeit wäre es, dass es Menschen in diesem Land gibt, die die Meinung vertreten, dass es an der Zeit ist wieder zu einem normaleren Umgang mit Menschen jüdischen Glaubens zu kommen. Dieser Versuch wäre dann kläglich gescheitert und das ist bedauernswert.

Denn Genau dieser Zwiespalt ist es, der einiges so wahnsinnig erschwert. Auf der einen Seite wollen viele Juden ganz normal in der Mitte der Gesellschaft in diesem Land leben, auf der anderen Seite, legen sie auch gerade im Kontext zur deutschen Vergangenheit immer wieder ihren Sonderstatus dar. Etwas Besonderes entspricht allerdings niemals der Norm, denn sonst wäre es letztendlich nichts Besonderes mehr. Dieser Kommentar sei an dieser Stelle gestattet. Nicht jeder Christ ist Deutscher und auch nicht jeder Deutsche ist Christ, auch hier wird gerne ein Mal verallgemeinert. Allerdings ist es immer ein Anstoß für Kritik, wenn man gerade auch als Deutscher sagt, dass alle Juden Israelis seien oder eben alle Israelis Juden, was inhaltlich etwa genauso ein Nonsens ist, wie die erste These. Wo liegt der Unterschied? In beiden Fällen sprechen wir zum einen von der Nationalität und zum anderen vom Glauben bzw. der Religionszugehörigkeit. Es ist richtig, dass es viele Menschen gab oder wahrscheinlich auch noch immer gibt, die sagten `Wir sind Papst`. Aber es gibt auch sehr viele Menschen die bestimmt nicht Papst sein wollen und sogar ein Problem mit dieser massiven Verknüpfung von Nationalität und Religion haben. Das Verhalten, welches Papst Benedikt der XVI. der Zeit an den Tag legt, wirkt auf manchen wohl, wie ein völliger religiöser Amoklauf. Einen Holocaust-Leugner, wie Richard Williamson von der Piusbruderschaft wieder zurück in Amt und Würden bei der katholischen Kirche zu holen ist genauso falsch, wie im österreichischen Linz mit dem Erzbischof Gerhard Maria Wagner einen Menschen zu platzieren, der meint das der Wirbelsturm Katrina Gottes Strafe für New Orleans gewesen sei und Harry Potter in einem direkten Kontext zum Satan stehen würde. Solche Zeichen sind ebenso wenig positiv für ein friedliches und harmonisches Zusammenleben der Religionen, können aber nicht kollektiv Deutschland angelastet werden.

Nicht vergessen und vor allem lernen

Wir leben in der Zeit des großen Umbruchs, dies dürfte mittlerweile auch der Letzte verstanden haben. Die Weltwirtschaftskrise ist wirtschaftlich und wahrscheinlich bald auch schon gesellschaftlich gesehen das Schlimmste was diese Welt seit langem erlebt hat und wir erinnern uns alle noch daran, was nachdem letzten Zusammenbruch des Weltwirtschaftssystems die Folge war. Zu diesen Folgen heißt es immer wieder und überall `Nie wieder`. Allerdings ist auch diese Aussage allzu oft an eine bestimmte religiöse Gruppe gekoppelt und dies muss sich ändern. Es ist richtig, dass den Juden nie wieder ein solches Unheil geschehen darf aber es geht auf dieser Erde nicht nur um Juden, denn die Welt ist nicht ein- oder zweifarbig sondern bunt. Dieser Tage zeichnet sich etwas Beängstigendes ab. Es gibt Staaten, wie zum Beispiel die Islamische Republik des Irans, die ganz offen mit der Vernichtung Israels drohen. Es gibt viele Kräfte, gerade auch in der westlichen Welt, die alle Muslime gleich zu Terroristen machen und natürlich gibt es auch viele Menschen islamischen Glaubens die Christen und Juden vernichten wollen. Wenn man sich einen solchen Hass zwischen den einzelnen religiösen Gruppen auf dieser Welt anschaut, mag die Vermutung aufkommen, jeder solle glauben an wen oder was auch immer er mag aber Religionen gehören abgeschafft. Man darf auch nicht vergessen, dass es immer Kräfte gab und geben wird, die versuchen Religion zu instrumentalisieren und genau dies scheint in dieser Weltwirtschaftskrise auch an mancher Stelle wieder der Fall zu sein. In diesem Zusammenhang spricht nichts dagegen Dinge nicht zu vergessen aber bei allem sollte man auch beweisen, dass man aus der Geschichte wirklich gelernt hat und zwar was Menschlichkeit angeht und die sollte erst ein Mal unabhängig von der Religion sein. Nicht zu vergessen ist wesentlich mehr, als das Errichten von Gedenkstätten und Museen.

Es ist traurig mit anzusehen, auf was für Banalitäten auch in der aktuellen Diskussion zwischen dem Vatikan und Vertretener des jüdischen Glaubens zurückgegriffen wird. Dies gilt im übrigen auch sehr massiv für die Medien. Norbert Blüm äußerte unlängst auf der ARD die These, dass eigentlich kein Christ ein Antisemit sein könnte. Diese Aussage ist religionshistorisch betrachtet absolut richtig, allerdings hat sie auch, wie so vieles im Kontext zur Religion, mit der Realität nichts zu tun, wie die Geschichte gezeigt hat. Genau mit solchen Banalitäten wird natürlich mit Vorliebe von den wirklichen Problemen abgelenkt. Während ein öffentlicher Zwist zwischen der christlichen und der jüdischen Glaubensgemeinschaft hohe Wellen schlägt, gehen ganz andere Probleme scheinbar unter. So zum Beispiel, dass der Zeit sehr gerne auf das niedrige Bildungsniveau von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund hingewiesen wird. Was letztendlich bedeutet, dass sie wahrscheinlich niemals sehr produktiv für dieses Land sein werden. Laut Medienberichten ist dies bei türkischstämmigen Menschen extrem stark ausgeprägt, bei Aussiedlerkindern ist es kaum ein Problem. Was soll uns die Verbreitung solcher Zahlen zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise sagen? Haben wir Angst, dass die Türken nun in Köln sind und nicht mehr vor den Toren Wiens stehen und machen uns Mut damit, dass viele mit deutschen Wurzeln nun wieder zurück in Deutschland sind? Sollten wir nun mit Russlanddeutschen anders umgehen, als mit Deutschen türkischer Herkunft? Den Holocaust vergessen ist das eine Problem, nicht aus der Geschichte gelernt zu haben und nach den gleichen Schemata, nur mit anderen Menschen weiter zu machen, ist wohl das viel größerer Problem.

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Medien · Neues aus Österreich · Politik · Wirtschaft

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