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Die Wahrheit des Wortes

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Wir sind Klitschko. Wir sind Ukraine. Wir sind Kasachstan.

11. Juli 2008

Hamburg. Das Wetter ist eher nasskalt und das Mitten in einem Jahrhundertsommer. Trotzdem hielt dies zwei Kerle nicht davon ab, sich Mitten in der Stadt auszuziehen. Nein, es geht nicht um eine Geschichte über irgendwelche Exhibitionisten oder ähnliches, es geht um den morgigen Boxkampf im Schwergewicht zwischen Wladimir Klitschko und Tony Thompson. Denn es trifft der Stahlhammer aus der Ukraine auf den Tiger aus den USA. So eben konnte man auf dem Nachrichtensender n-tv das Wiegen der beiden Protagonisten beobachten. Dieser Teil des großen Boxspektakels in der Hansestadt hatte etwa soviel Sinn, wie sich in diesem Jahrhundertsommer raus in die Sonne zu legen.

Kiew liegt Mitten Deutschland

Das Wiegen zeigte aber auch ein Mal mehr, dass rein prozentual gesehen der sportliche Anteil im Vergleich zum Unterhaltungsprogrammanteil verschwindend gering ist. Das Gewicht von Tony `Tiger` Thompson erfuhr man hier erst gar nicht. Klitschko lag bei 109,3 Kilogramm und all dies ist in dieser Gewichtsklasse völlig irrelevant, denn man muss nur über 90 Kilogramm Körpergewicht haben und nicht mehr. Nun müsste schon ein Wunder geschehen, dass Klitschko den morgigen Kampf verliert, also ist davon auszugehen, dass wir alle Klitschkos sind. Denn nachdem wir jetzt zwei Tage `gelb` waren, da der deutsche Radprofi Stefan Schumacher vom Team Gerolsteiner zwei Tage lang das gelbe Trikot des Führenden bei der Tour de France hatte, geht es nun im Boxen weiter. Immerhin benötigt dieses Land scheinbar ständig irgendwelche Banalitäten, um von wesentlichen Dingen, wie politische oder wirtschaftliche Fehltritte, abgelenkt zu sein. Denn zum Beispiel hat der Dax so eben ein neues Jahrestief erreicht.

`Der Champ kommt heim`, lautet die Kampagne von RTL, die diesen Boxkampf live übertragen. Erstaunlich ist bei soviel nationaler Freude über die Triumphe großartiger deutscher Sportler, dass zum Beispiel Wladimir Klitschko aus Kiew in der Ukraine kommt und in Kasachstan geboren wurde. Sind wir jetzt Ukraine? Sind wir jetzt Kasachstan? Natürlich ist ein Herr Klitschko ein positives Beispiel für multikulturelles Leben in Deutschland und da sind wir sehr offen für. Wie offen konnte man abseits vom Sport in dieser Woche sehr schön in München beobachten. Es wurden die Urteile gegen die so genannten U-Bahn-Schläger verkündet. Hier werden dann die Begriffe Ausländer, Türke, Grieche ganz hoch gehalten. Dies ist doch sehr erstaunlich, oder? Man hat das Gefühl, dass im Kontext eines multikulturellen Zusammenlebens in Deutschland sehr oft mit zweierlei Maß gemessen wird. Dies kann allerdings nicht im Sinne einer positiven Integrationsstrategie liegen, die scheinbar der Richtlinie `guter Ausländer, böser Ausländer` folgt.

Das ganz große Geld

Man darf natürlich auch gerade im Kontext des Kampfes von Herrn Klitschko nicht unterschätzen, dass es für ihn um sehr viel geht. Natürlich werden sich jetzt viele denken, dass es um einen fairen Boxkampf und um drei Weltmeisterschaftstitel geht. Dies ist soweit auch erst ein Mal richtig. Aber wie so oft am Ende des Tages, geht es um den schnöden Mammon und der ist etwa so gerecht verteilt, wie die Chancen des Kampfes. Der Herausforderer Thompson erhält 500.000 Euro und Klitschko laut n-tv `gefühlte 8 Millionen` aber hier geht man auch davon aus, dass Thompson spätesten in der fünften Runde zu Boden geht. Man wird bei diesen Berichten das Gefühl nicht los, dass es doch nur Show ist und weniger eine knallharte sportliche Auseinandersetzung. Natürlich ist all dies ein genialer Schachzug des Nachrichtensenders von all dem live zu berichten, schließlich wird der Kampf selbst am morgigen Tag auf RTL übertragen und damit von der gleichen Senderfamilie. Besser kann man die Quote im eigenen Haus nicht erhöhen.

Unterm Strich bleibt der Fakt, dass wir uns am morgigen Tag wieder alle Stolz fühlen können, was auch immer zu sein. Aber wir müssen auch bangen, so zum Beispiel, dass der eben angesprochene Radprofi Stefan Schumacher, auch wirklich nicht gedopt war als er im gelben Trikot unterwegs war, denn sonst müssten wir alle einräumen, wir sind gedopt. Auch hier kann man festhalten, dass auch dies nicht allzu schlimm wäre, denn unterm Strich trifft man damit genau ins Schwarze. Die Gesellschaft ist informell so gedopt und mit Banalitäten ruhig gestellt, dass Spritpreisexplosionen bei niemanden mehr Fragen nach dem Verbraucherschutz durch die Regierung aufkommen lassen. Wem fällt denn noch auf, wo sich die Wirtschaft in diesem Land hin bewegt? Wo sind die Proteste gegen das Ende der Sozialen Marktwirtschaft? Bei aller legitimer Freude über den Sport und ähnliches, sollte man nur immer aufpassen, dass es nicht irgendwann ein Mal heißt: `Wir sind am Ende`.

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Medien · Sport

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