fairschreiben

Die Wahrheit des Wortes

fairschreiben header image 2

Wie Städte sterben

23. November 2010

Stellenabbau in Deutschland, Stellenaufbau in den Schwellenländer, so sieht die Philosophie deutscher Unternehmen angepasst an eine globalisierte, raubtierkapitalistische Welt in diesen Tagen aus. Natürlich hat eine solche Philosophie Folgen aber man ist an mancher Stelle überrascht, was die Folgen sind bzw. eben auch nicht sind. Es gibt Unternehmen die haben nur die reine Gewinnmaximierung vor Augen, soziale Verantwortung oder ähnliches sucht man oftmals vergeblich. Diese Art des Kapitalismus ist erst einmal rein rechtlich natürlich zulässig, ethisch und moralisch wird die Bewertung dann schon wesentlich kritischer und politisch gesehen, sollte es eigentlich eine klare Linie geben, die diese Art unmöglich macht. Immerhin pocht zum Beispiel der Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) immer wieder darauf, dass dieses Land eine Soziale Marktwirtschaft sei, dass ist sie aber nur, wenn die Markteilnehmer sich auch so verhalten. In Deutschland zeigt sich mehr und mehr, dass dem nicht so ist, also sollte die Politik dafür sorgen, dass alles wieder in die richtigen Bahnen gelenkt wird.

Eine Werkstadt?
Leverkusen ist weltweit nicht nur durch sein Kopfschmerzmittel von Bayer bekannt, es gibt auch noch viele andere Produkte oder auch Produktbausteine, die aus dieser Stadt am Rhein kommen. In Leverkusen wurde geforscht, entwickelt und natürlich auch produziert. Noch vor 30 Jahren galt ein Arbeitsplatz beim Chemieriesen als etwa so gut, wie eine Beamtenstelle, gerade auch was die Arbeitsplatzsicherheit anging aber auch hier griff bald schon ein schleichender Wandel, den viel zu viele Menschen ignorierten. Der Konzern wurde mehr und mehr aufgesplittet, was natürlich auch arbeitsrechtlich ganz andere Möglichkeiten schaffte und die Arbeit in der Stadt wurde immer weniger. Abwanderung und eine gewisse Verarmung sind bis zum heutigen Tage ein großes Thema in der Stadt und darüber kann auch ein riesiger neuer Einkaufstempel, der in der Mitte der Stadt entstanden ist, nicht hinweg täuschen. Leiharbeit und Frührente sind die Begriffe die man in diesen Tagen überall hört. Natürlich hat dieser Prozess auch Auswirkungen auf die restliche Wirtschaft in der Stadt, so sterben die Individualisten immer mehr aus und stattdessen schaut man in die immer gleichen Fassaden der Discounter, die nicht gerade für ein Land voller Individualisten sprechen.

So etwas noch als normale Zeichen der Zeit hinzunehmen ist nicht möglich, denn man hätte früher, und vor allem massiver, dagegen angehen müssen, denn mittlerweile ist es eigentlich schon fast zu spät. Man scheint gezielt zu versuchen mit einer neuen Innenstadtarchitektur, ein Versuch der in Leverkusen übrigens schon häufiger scheiterte, oder auch einer Vergrößerung des Fußballstadions über den Kern des Problems hinweg täuschen zu wollen. Bäder, Galerien und ähnliches werden dicht gemacht und die Stimmung sinkt auch hier. Wenn ein Unternehmen, wie zum Beispiel Bayer, diese Stadt so im Stich lässt, Gewinne einfährt und dabei zuschaut, wie eine ganze Stadt ausblutet, sollte sich die Politik überlegen, welchen Anspruch solch ein Unternehmen gegenüber dem Land und dem Bund überhaupt noch hat, denn schließlich sprechen wir, wenn man von Staatsgeldern spricht, von nichts anderem als von Steuergeldern und die könnte man wohl durchaus besser einsetzen, als auch nur einen Cent Zuschuss für Unternehmen mit einer solchen Grundeinstellung auszugeben. Wieso sollte man ein solches Verhalten auch nur im Ansatz unterstützen, da gibt es kleinere Unternehmen und Unternehmer die dieser Stadt wirklich verbunden sind und man sollte diese dann wohl wesentlich eher unterstützen, als den Chemiegiganten.

Das Kreuz mit dem Kreuz
Man muss sich natürlich in Leverkusen auch fragen, ob es in den letzten Jahrzehnten so klug war, sich auf ein einziges Unternehmen in der Hauptsache zu fixieren, weil man so natürlich ein wenig am oft zitierten Fliegenfänger hängt. Erst in der letzten Woche gab die Bayer AG bekannt 4.500 Arbeitsplätze weltweit abbauen zu wollen und davon 1.700 in Deutschland, wovon natürlich auch Leverkusen betroffen sein wird. Hiermit möchte man an die 800 Millionen Euro einsparen, wovon die Hälfte reinvestiert werden soll und als Highlight stellte man in den Medien den Aufbau von 2.500 neuen Arbeitsplätzen dar, nur am Rande sei erwähnt, dass diese nicht in Deutschland entstehen, sondern in Schwellenländern. Man fühlt sich an Nokia oder ähnliches erinnert, denn man muss immer berücksichtigen, dass Stellenabbau nicht immer bedeutet, dass die Stellen danach komplett weg sind, sie sind nur oftmals woanders. Es verhält sich hier wie mit dem lieben Geld, welches in der Finanzkrise verschwunden ist, denn verschwunden ist hier auch nicht wirklich was, es hat nur den Besitzer gewechselt. Man sieht hier, wie sich die Spielregeln auch an dieser Stelle ähneln und auch hier schaut die Politik wieder tatenlos zu und scheut sich auch nicht noch immer von sozialer Marktwirtschaft zu sprechen.

Man braucht es eigentlich kaum erwähnen aber dieser Schritt des Chemiekonzerns sorgte natürlich für ein ordentliches Kursplus bei der Aktie und auch da merkt man wieder, wie kurzsichtig sich die Menschheit doch verhält. Weniger Personal oder eine Verlagerung in Länder, wo man preiswerter produzieren kann, führt erst einmal zu mehr Gewinn aber was sind die Folgen? Die Menschen, die nun zum Beispiel in Leverkusen weniger Geld zur Verfügung haben, weichen auf preiswertere Nachahmerprodukte aus, da sie sparen müssen. Genau diese Nachahmerprodukte waren es aber zum Beispiel diesmal auch, die es der Bayer AG so schwer machten. Überträgt man dieses Beispiel nun auf die gesamte Wirtschaft, was durchaus zulässig ist, merkt man warum der völlige Kollaps dieses Systems vorprogrammiert ist und es nur eine Frage der Zeit ist, bis der richtig große Knall kommt. Man sollte diese Zeichen erkennen, was man bestimmt zum Teil auch tut aber man sollte diese dann vor allem auch ins Handeln mit einbeziehen und dies gilt natürlich für die Wirtschaft, wie auch für die Politik, denn hier sind alle in der Verantwortung. Vor allem ist es jetzt aber auch wichtig, dass all dies schnell geschieht, denn der Schaden der hier täglich entsteht, wird immer schwerer rückgängig zu machen sein.

Freude teilen: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • email
  • Facebook
  • Fark
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • LinkedIn
  • Twitter


Kategorie: Gesellschaft · Kultur · Politik · Wirtschaft

Bis jetzt 1 Kommentar ↓

  • 1 peter // 23. Nov 2010 at 11:52

    Der “Witz” von Freiheit, Marktwirtschaft und Kapitalismus ist doch gerade, dass jeder einzelne Akteur das große Ganze nicht verstehen muss – was gut ist, weil er es nicht verstehen KANN. Ob Planwirtschaft oder Altruismus, diese Konzepte funktionieren in großen Zusammenhängen einfach deswegen nicht, weil niemand die Wirkmechanismen durchschaut. Man schaue sich nur die Resultate gut gemeinter, globaler Interventionen an, z.B. bei der Entwicklungshilfe. Gigantische Summen verschwinden in den Taschen korrupter afrikanischer Politiker. Gleichzeitig sorgt die moderne Medizin dafür, dass Menschen vor Krankheiten gerettet werden – dann aber die Ressourcen zu deren dauerhafter Ernährung fehlen. Diese Liste könnte ich stundenlang fortsetzen.

    Was die Unternehmen anbelangt, die auf ihren “Heimatstandort” keine “Rücksicht” nehmen: Man muss sich immer fragen, WARUM sie das tun. Genauso wichtig ist, ALLE Wirkungen anzuschauen. Wenn in Deutschland Arbeitsplätze gestrichen und dafür in “Billiglohnländern” neue geschaffen werden, so ist das zwar für die deutschen Arbeitnehmer unerfreulich, an “globaler Gerechtigkeit” interessierte Zeitgenossen müssen aber anerkennen, dass die Arbeitsplätze im Ausland für die Menschen dort ein mindestens ebenso großer Gewinn sind – und die Bilanz damit mindestens ausgeglichen ist.

Schreib was dazu