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Die Wahrheit des Wortes

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Wie heiß sollte der Herbst werden?

19. November 2009

In dieser Woche flammten in der griechischen Hauptstadt Athen aber auch in Thessaloniki wieder Unruhen auf. In Deutschland und Österreich hat sich eine geschlossene Front an demonstrierenden Studenten gebildet, die unzählige Universitäten besetzt haben. Die Fronten zwischen Systembefürwortern und Systemgegner scheinen sich immer mehr zu verhärten, allerdings scheint es auch so, als seien die Systemgegner bei weitem nicht so gut organisiert, wie die die den Weg in eine Zukunft mit noch weniger Solidarität, Ethik und Moral bestreiten wollen. Denn das es Probleme für die vermeintlichen Eliten auf dieser Welt geben würde, kann man nicht wirklich behaupten. Die Börsen laufen weltweit immer besser auf den nächsten Crash zu und man weiß wer die Kosten tragen wird. Außerdem fließen die Boni auch lustig und munter weiter, egal wie viel der Steuerzahler zuvor für manch Unternehmen zahlen musste. Nachdem scheinbar alle großen Systeme mit dem Ende des Kalten Krieges zusammengebrochen sind, ist ein großes Vakuum entstanden und scheinbar wird dieses gezielt genutzt, um nun ganz schnell neue Fakten zu schaffen.

UN-Soldaten beschützen Fußballer
Sportlich gesehen war diese Woche natürlich auch noch von der Trauer um den Selbstmord des Nationaltorhüters und Keeper von Hannover 96 Robert Enke geprägt aber auch von den Relegationsspielen, um die letzten Plätze der Fußball-WM in Südafrika im nächsten Jahr. So musste die portugiesische Nationalmannschaft in Bosnien-Herzegowina antreten, wo sie bei ihrer Ankunft bespuckt und auf andere Weise attackiert wurde. Die Folge dieser Anfeindungen war, dass die Mannschaft von eigenen Blauhelmsoldaten beschützt wurde. Auch ein Zeichen dafür, dass der Friede im Herzen Europas noch sehr frisch ist und man wohl kaum von einem durchgehend und nachhaltig befriedetem Europa sprechen kann. Dies ist auch nicht verwunderlich, überlegt man sich, dass wir gerade erst den 20. Jahrestag des Mauerfalls feierten, in dessen Folge das Ende des Kalten Krieges Fahrt aufnahm und erst in Folge dieses Ereignisses wurde Europa vom letzten großen Krieg, dem Jugoslawienkrieg, heimgesucht. Auch dies sind Beispiele dafür, dass man hier in Europa erst am Anfang eines langen Prozesses steht, dessen letztendliches Ergebnis wohl niemand vorhersagen kann.

Freute man sich jahrelang auf Seiten des Westens darüber, dass der Sozialismus, wie auch der Kommunismus gescheitert waren, hat sich das Blatt auch an dieser Stelle gewendet und die Siegesfeiern des Kapitalismus über die anderen System waren verfrüht. Denn in der Gegenwart sprechen immer mehr Menschen davon, dass auch der Kapitalismus, zu mindestens in der aktuell angewendeten Form, gescheitert ist. So entsteht natürlich ein riesiges ideologisches Vakuum, welches nun schnellstens gefüllt werden muss, denn diese Verunsicherung in der Gesellschaft schadet zum einen den Märkten und zum anderen sorgt es auch nicht gerade für mehr Stabilität in der Gesellschaft. So spricht man auch in Deutschland immer häufiger von Sozialen Unruhen. Während die Studentenproteste in Deutschland und Österreich doch noch gewohnt geordnet ablaufen, wie man es auch von den Protesten im Kontext der Schließungen von zum Beispiel Quelle her kennt, brennt in Athen schon wieder die Luft und so stießen diese Woche in Athen gut 1.200 Demonstranten mit rund 6.000 Polizisten zusammen. Auch hier zeigt sich ein weiterer großer Unterschied in den einzelnen Protestkulturen in Europa.

Facebook vs. Straßenschlachten
Während es also in Athen, nachdem Jahrestag der blutigen Niederschlagung der Studentenproteste des Jahres 1973, zu schweren Protesten kam, lieferten sich in Thessaloniki verfeindet Studentengruppen schwere Straßenschlachten. Natürlich ist auch die Front im Kontext der Studentenproteste in Deutschland geteilt, wobei man sich hier aber lieber gegenseitig auf Facebook mürbe macht. Egal welche Art der Konfrontation man sich betrachtet, dürfte diese Aufsplitterung vor allem die erfreuen, die für noch viel mehr Raubtierkapitalismus stehen. Es scheint im Moment gar so, als würden sie auch den Kampf um das zu Beginn beschrieben Vakuum der Ideologien gewinnen. Die auf staatliche Hilfe angewiesene Citigroup zahlt ihren Topmanagern 7,6 Millionen Euro in Aktienoptionen als Bonifikation. Eine Kleinigkeit, betrachtet man sich, dass laut Angaben aus den Medien, Goldman Sachs 13 Milliarden Dollar an Bonifikationen an ihre vermeintliche Elite auszahlt. Währenddessen kämpft man in Deutschland und Österreich um bessere Studienbedingungen und danach wartet auf die meisten wohl eine lange Zeit an gar nicht oder minder bezahlten Praktika. Wenn man sich aktuell in Sozialen Netzwerken, wie zum Beispiel Xing umschaut, fällt einem ein Satz auf, der immer häufiger auftaucht `Ich suche neue Herausforderungen ` und dies oftmals gekoppelt mit Lebensläufen, die zum Teil über ein Jahrzehnt an Praktika aufweisen. Es scheint schon so als würde es mehr als nur eine `Generation Praktikum` geben. Vielleicht sollten die heutigen Studenten langsam damit beginnen, ein wenig mehr über den Tellerrand schauen.

Die Welt teilt sich mehr und mehr in zwei Teile auf, dies zeigt sich auch gerade in Deutschland und Österreich, wo die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht und um so schöner ist es, dass es zu mindestens auf der Ebene der Studenten hier eine sehr gute Vernetzung gibt. Man muss sich nur auch vor Augen halten, dass diese Vernetzung noch viel weitergehen muss, die Solidarität muss sich auf viel mehr Länder in Europa ausweiten und auch andere Bereiche, wie zum Beispiel die Opfer der Gier von Arcandor bis Opel mit einschließen. Denn nur mit einer solch geschlossenen Front kann man sich gegen die raubtierkapitalistischen Ansätze der Wirtschaft angemessen verteidigen. All denen die meinen es sei einfacher angepasst und stromlinienförmig in eine ungewisse Zukunft zu kommen und jetzt bloß nicht aufzufallen, sei gesagt, dass sie sich auf dünnen Eis bewegen, denn sollte ihr Plan nicht aufgehen, dürfen sie sich später auch nicht beschweren, schließlich haben sie sich für ein System entschieden und man muss voraussetzen, dass ihnen die Spielregeln bekannt sind. Egal was einem in den heutigen Tagen alles in den Medien verkauft wird, sollte man sich immer vor Augen halten, dass die Welt gerade dabei ist sich neu zu ordnen und jeder hat es in der Hand dafür zu sorgen, dass dies in menschlichen Bahnen geschieht und um hier Zeichen zu setzen, wird ein warmer Herbst, nachdem es im Moment nicht nur wettertechnisch aussieht, nicht ausreichen. Es sollte schon einen heißen Herbst geben, um ein ausreichendes Zeichen zu setzen gegen das was sich im Moment in der Wirtschaft aber natürlich auch in der Politik abspielt.

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Medien · Neues aus Österreich · Politik · Sport · Wirtschaft

Bis jetzt 1 Kommentar ↓

  • 1 Andrea Bondi // 19. Nov 2009 at 10:31

    Es wundert nicht weiter, dass die Systemgegner nicht so gut organisiert sind, wie die Befürworter. Sind doch die Gegner in der Position reagieren zu müssen! Das Vorgehen der Systembefürworter ist über lange Zeit akrebisch vorbereitet worden und agieren ist im Gegensatz zu reagieren immer die aktivere Position.
    Das System spielt gekonnt mit Ängsten und – durch die Lawinen von Werbung, künstlich erzeugten – Bedürfnisse der Massen! Massen zu bewegen ist immer schon eine sehr schwierige Aufgabe gewesen. Was nach den sehr dichten, wirtschaftlichen Vorkommnissen der vergangenen Monate immer noch wundert, ist die schier grenzenlos scheinende Leidensbereitschaft der Völker!
    Die Veränderung des Systems wird ganz sicher nicht “oben” beginnen.
    Die Veränderung des Systems wird ihren Anfang an der Basis nehmen müssen!

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