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Die Wahrheit des Wortes

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Wer fürchtet sich vorm Schwarzen Mann

17. November 2008

Klaus Emmerich, der ehemalige ORF-Korrespondent und Musterknabe unter den ORF Journalisten tut das. Sein Verbalausrutscher anlässlich des Wahlsieges von Barack Obama sorgt jetzt für einen offenen Brief des US-Botschafters in Wien, David Girar-diCarlo, an den Chef des ORF, Alexander Wrabetz. Entschuldigung und Distanzierung sei jetzt höchst gefragt, denn Emerich habe offenen Rassismus gezeigt und sich dazu auch noch mehr oder weniger direkt bekannt. Und 1,2 Millionen Zuseher waren im ORF-TV live dabei.

Der 1928 geborene österreichische Journalist und Auslandskorrespondent sorgte am Tag des Wahlsieges von Obama für Aufregung: er wolle sich “nicht von einem Schwarzen in der westlichen Welt dirigieren lassen.”Klaus Emmerich begründete seine Aussage vor laufender Kamera damit, dass “die Schwarzen in ihrer politisch-zivilisatorischen Entwicklung noch nicht so weit” seien. Das führte zu Protesten in Washington, unter Kollegen, aber weniger in Österreich und dem ORF selbst. Nun wird eine Distanzierung durch ORF und Politik vom österreichischen US-Botschafter eingefordert.

Die Frage nach der “geistigen Bühne” hinter dieser Kulisse erscheint aber viel interessanter. Woher kann es kommen, dass ein Journalist, Auslandskorrespondent und Buchautor auf seine alten Tage noch derartige Verbalattacken fährt? Die Presse vermutet, es wäre eine Art Pensionsschock und der Mangel an öffentlicher Aufmerksamkeit gewesen. Denn Emmerich relativiert seine Aussage im Presse-Interview und meint, er sei kein Rassist, weil auch er in der Schulzeit einen Schwarzen gekannt hatte, den er nachhause begleitet habe. So und jetzt wird es lachhaft. Klaus Emmerich “funktioniert” nach dem Lehrbuch in der Rassismusforschung: man kennt einen, gegen den man sich ausspricht, also kann man kein Rassist sein.

Was hier wirklich am Werken zu sein scheint, ist der Umstand, dass man als MitteleuropäerIn die Mentalität der US amerikanischen Gesellschaft und wohl auch die eigene nur schwer versteht. Die mitteleuropäische Gesellschaft ist nicht als “melting pot” gegründet worden und versteht sich auch nicht als solcher. Hier sind die regionalen und lokalen Identitäten stark ausgeprägt. Dies kann man in den USA mit den Identitäten der Religionszugehörigkeit vergleichen. Die Dimension ist hier einfach größer: da gibt es statt “Wiener” und “Steirer” halt die “Schwarzen” und “Weißen”, die “Katholiken” und “Baptisten”. Und warum? Weil zum Beispiel die Kirche in den USA viel mehr als nur Messe und Gottesdienst darstellt. Die Kirche verfügt in den USA über ausgezeichnete Organisationsstrukturen. Und wenn gewählt wird, dann geht man in die Kirche. Wenn man soziale Dienste in Anspruch nimmt, dann geht man in die Kirche. Dadurch entsteht ein WIR-Gefühl, dass unsere Gesellschaft in dieser Form nicht kennt. Wohl aber im Kirchturmdenken, denn hinter so manchem bösen Witz zwischen Kärntnern und Steirern und anderen BewohnerInnen dieses Landes versteckt sich im Grunde eine klare Aussage: Wir sind Wir.

Doch gehen wir nochmal zu Obama. Da die amerikanische Gesellschaft einfach empfänglich für diese besondere Mischung aus religiösem Wir-Verständnis ist, wundert es nicht, wenn man heute auf der Webseite von Barack Obama einen siegreichen “Fürsten und Erlöser” sieht. Das aber ausgrenzend zu verstehen, ist blankes Unwissen, wie die amerikanische Gesellschaft funktioniert. Da gibt es den Archetypen des Amerikanischen Helden. Und dieser Heldenmythos spiegelt sich im Cowboy mit Ehrenkodex, Machogetue und konservativer Strukturen: der Mann im Haus kennt den Weg und führt seine Familie stark und beschützend in die Zukunft. So eine Einstellung versteht man erst, wenn man darüber mit einem echten Texaner spricht. Klar, dass da ein Schwarzer nicht ins Konzept passt. Denn es hat nie schwarze Cowboys gegeben, eher schon die schwarzen Baumwollpflücker im Old South. Und was hier in der amerikanischen Gesellschaft von Emmerich als “Rassismus” bezeichnet wurde ist ein Umstand, den jede Gesellschaft auf dieser Welt kennt: die Erinnerungskultur oder auch “cultural memory” genannt. Das heißt, dass man sich an das erinnert, was salonfähig oder mehrheitsfähig ist, und die dunklen Seiten der Geschichte lässt man außen vor. Ja, ein Teil der amerikanischen Gesellschaft kennt diese Ausgrenzung von Schwarzen und Weißen. Auch das ist Realität, genauso wie wir hier Afrikaner, Türken, Kasachen, Roma oder andere Migranten dezent ausgrenzen. Der ORF tut das übrigens geschickt. Man gibt den Migranten einen Sendeplatz am Sonntag Mittag – zu einer Zeit, in der niemand zusieht. In der Hauptsendezeit wird man “Heimat, fremde Heimat” nicht finden. Wohl eher Diskussionen in der “Orientierung” um Mitternacht. Also wieder ausserhalb der Hauptsendezeit. Und viele meinen hier, einen Türken als Chef der Grünen wird es in Österreich nie geben. Das ist gelebte Erinnerungskultur oder besser gesagt kollektiver Gedächtnisverlust infolge eines WIR-Gefühls genährt durch Xenophobie.

Klaus Emmerich hat sich einen Ausrutscher erlaubt, der einem Journalisten unwürdig ist. Er hat jedoch damit gezeigt, selbst nicht frei von Xenophobie zu sein. Etwas zutiefst Menschliches ist da in ihm hochgekommen. Und auf Fremdenhass und Angst vor dem Anderen gibt es keine logischen Antworten. Auch die Geste Obamas auf seiner Webseite hätte in Österreich einem Haider gut gestanden – zumindest für die Medien, die darin wieder eine pubertierende Provokation eines Rechtspopulisten gesehen hätte. Im Grunde sind es wir Medienleute, die die Verantwortung tragen, WIE etwas transportiert wird. Und wir dürfen auch damit leben, dass es in unseren Kreisen “Schwarze Schafe” gibt.

AMW

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Kategorie: Europa · Medien · Neues aus Österreich · Politik

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