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Die Wahrheit des Wortes

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Was ist das für eine verrückte Zeit!

27. November 2008

Ich will hier einen persönlichen Kommentar zum Zeitgeschehen abgeben. Denn was jetzt vor sich geht, lässt mich zweifeln, ob der Hausverstand der  Entscheidungsträger beim Portier des Parlaments abgegeben wurde. Wie gesagt, es ist ein persönliches Statement und darf hier subjektive Eindrücke wiedergeben.

Wir hatten vor drei Wochen noch darüber gesprochen: Rezession werde es in Österreich keine geben. Seit gestern weiß Österreich, dass die Wirtschaft schrumpfen wird. Man prognostiziert – selbstredend, schönredend – ein Minus von 0,1 Prozent. Die OECD Staaten fallen 2009 in eine tiefe Rezession, die bis Ende 2010 vermutlich anhalten wird. Diese Entwicklung zeigt, dass man in diesem Land Mut machen will. Mut machen in Angelegenheiten, die der Wahrheit und der Aufklärung zur Sachlage bedürfen, aber nicht des Schönredens.

Ich habe vor ein paar Wochen ein Interview mit einem Bankvorstand geführt. Ich sagte ihm damals, dass ich die Raiffeisenbank als nächsten Anwärter für das Bankenhilfspaket erwarte. Seit gestern wissen wir: Raiffeisen nimmt dieses in Anspruch! Ich hatte damals nur ein Bauchgefühl. Sollte sich dieses in anderen Themen ebenfalls bestätigen?

Marode Finanzen

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass dieses Österreich maroder ist, als nach außen hin getan wird. Marod in Sachen Kredit- und Bankwesen, weil man auf den letzten Cent des Mittelstandes aus ist. Woran ich das zu sehen glaube? Ganz einfach: mit Sparbucheinlagen kommt man an diese letzten Reserven heran. Marod ist dieses Land auch, indem immer mehr Gemeinden mit ihren Geldspekulationen auffliegen. Hartberg in der Steiermark hat Millionen in den Sand gesetzt. Zuerst verkauft man die Sparkasse und dann wird auf Teufel komm raus spekuliert. Heute steht in der Kleinen Zeitung, dass 800 000 Euro im Sand von Südseegeschäften versunken sind. Das waren Steuergelder, und der Bürgermeister von Hartberg, Karl Pack, meint süffisant: ” Andere Städte wären froh, Millionen zum Veranlagen zu haben.” (Kl. Zeitung v. 26. Nov. 2008, s. 19.) Und den Hut nimmt so einer nicht. Vielmehr wird prozessiert. Die Veranlagungsberater sind jetzt schuld. Ach ja, von denen hat Hartberg vier verbraucht, und alle waren ein Missgriff. Der Bürgermeister legt sein Amt nicht zurück. Warum auch? Er hat keine Schuld, denn “der Absturz kam unerwartet”. Man habe da den rechtzeitigen Ausstieg aus der Risikoveranlagung – übrigens hat Hartberg auch auf die marode Constantia gesetzt! – verabsäumt. Klug ist es jedenfalls, dass die Hartberger Unwissenden jetzt ihr restliches Geld sogar selbst verwalten. Ich habe den Eindruck, wir sind in Schilda. Übrigens ist das der Bürgermeister, der mich eine Woche nach erfolgreichem Vortrag, bei dem wir uns persönlich kennen gelernt haben, am Telefon nicht mehr kannte, und sich auch nicht erinnern konnte, wer ich war. Scheinheiligkeit und Oberflächlichkeit par excellence, die regiert in Österreich und vor allem in der Steiermark!

 Demokratie-Defizit

Johannes Kübeck, Redakteur bei der Kl. Zeitung, meint sogar, die neue Regierung sei ein Verlust an Demokratie. Die nun starke Sozialpartnerschaft liese Verhandlungen hinter geschlossenen Türen zu, die Einbindung des Volkes wäre kaum gewährleistet. Auch ich habe diesen Eindruck. Denn wenn ich mir die letzte Woche während der Regierungsverhandlungen vor Augen führe, dann frage ich mich, um welchen Streit es am Sonntag vor der Regierungsbildung ging. Da taten sie auf Spinne feind, und waren eine Woche später ein Herz und eine Seele! Ich habe wieder das Bauchgefühl, die wesentlichen Dinge wurden überhaupt nicht diskutiert. Man beschränkt sich auf oberflächliches Regieren, und in Wahrheit steuern wir auf einen wirtschaftlichen Abgrund zu. Da wird hinter geschlossenen Türen Postenschacher fürs Parlament betrieben. Was die Menschen draußen wollen, dringt nicht zu den neuen Regierungsmitgliedern vor. Übrigens, guter Populismus ist, zuzuhören, was die Menschen beschäftigt, und daraus dann das Arbeitsprogramm einer Partei zu machen! Der verstorbene Helmut Zilk konnte das! Aber da wir seit einem der letzten Club2 (?) im ORF wissen, dass die österreichische Elite einen Mangel an Selbstreflektion hat und sich nichts sagen lässt, ist dieser Parlamentarismus hinter geschlossenen Türen nur um so verständlicher. Die Selbstverliebtheit der Elite möge man einfach in Interviews des Herrn Molterer nachsehen und hören. Kommentar erübrigt sich dazu.

Industrie und Filmkulisse

Höre ich genau hin, muss ich erkennen, dass Österreich zu Industrie lastig ist. Das wird uns 2009 das Genick brechen! Höre ich genau hin, sind wir zusätzlich zu Tourismus lastig. Auch das wird uns in Zeiten der Rezession das Genick brechen, wenn der Gast ausbleibt. Nur Wien glaubt noch immer, wir könnten dann im Extremfall das Land als Filmkulisse an Hollywood verkaufen. Nicolas Cage war jetzt am Loser in Altaussee und in Salzburg (Salzkammergut) zum Dreh und Wien eignet sich auch bestens als Filmstadt! Ich bin jetzt dafür, dass wir um Österreich einen Zaun errichten und alle, die rein wollen, dürfen uns beim Tümpeln zusehen. Und die Arbeitslosen bekommen vom AMS (Arbeitsmarktservice) eine Umschulung zum Filmstatisten. Jenen,  die filmen wollen, ziehen wir das Geld aus dem Sack. Nur zu blöd, dass Hollywood auch das Geld ausgeht. Wo sind die neuen Produktionen? Ich sehe lauter alte aufgewärmte TV-Shows auf ORF, ATV, Pro7 usw. – da läuft “Hört mal wer da hämmert” aus den 90ern und die uralten Folgen von “Seventh Heaven” (=Eine himmlische Familie). Kommt da nichts nach? Ach ja, es geisterte vor einigen Wochen die Meldung durch die Medien – nur einen Tag lang -,  dass Schwarzenegger Gehälter für Krankenhauspersonal, Feuerwehr etc. nicht mehr zahlen kann. Und wenn Californien bankrott ist, zieht das Hollywood mit sich! Österreich, eine Filmkulisse ohne Schauspieler, nur mit ausgebildeten Statisten bestückt. So ein Theater!

 Dunkle Wolken ziehen auf

Mein Ausblick für Österreich 2009 ist: tiefe Rezession gepaart mit einer Deflation, die zwei Drittel der Bevölkerung bis Mitte des nächsten Jahres vermutlich nicht realisieren und schönreden bzw. schönsaufen wird; dazu kommt eine Inflation mit erhöhter Arbeitslosigkeit im Mittelstand und in den Branchen Industrie und Dienstleistung (Teritärsektor und Quartärsektor); dafür werden wir unsere Eisenbahnstrecken ausbauen und eine Railway-Bauoffensive starten (in den 30ern waren es die Straßen) – dort arbeitet dann jeder, der zwei Hände hat und aufrecht stehen kann; hohe Akademikerarbeitslosigkeit und Jugendarbeitslosigkeit; ein um sich Schlagen der Banken, weil die um ihre Gelder fürchten und keines mehr haben werden, das sie am Aktienmarkt in den Sand setzen können; ein “Hartz IV Kochbuch” für die Österreicher, das der Renner am Buchmarkt werden wird;  viele Hochbeete und Gemüsebeete in den Heimgärten, auf Balkonen und Terrassen (ich werde dann die Bilder hier gerne veröffentlichen); die selbstangebaute Kartoffel wird boomen; eine Zunahme an Xenophobie, weil die Uninformierten glauben werden, Ausländer nehmen ihnen die Arbeit weg; Billigläden boomen und holen den letzten Cent aus dem Mittelstand heraus; und eine Regierung, denen die Zügel völlig entgleiten wird. Hurra!

Wie ich darauf komme? Gut, wir bekommen die schärfste Richterin Österreichs als Justizministerin. Die Kleine Zeitung hat ein Logo entwickelt, mit dem sie positive Artikel trotz der Wirtschaftskrise optisch im Blattinnern hervorheben will. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind bereits gefallen. Die Anmeldungen von Arbeitslosen sind bereits eklatant gestiegen, Baubranche inklusive. Erste Meldungen vom Bauboom Koralmbahn und Bahnstrecken kursieren. Die prognostizierte Jugendarbeitslosigkeit zeigt ebenfalls steigende Zahlen. Das rechte extreme Lager (FPÖ) verzeichnet Zulauf – ich bemerke hier nochmals, dass die FPÖ bei rund 19 % der Wählerstimmen am 28.09.2008 lag! Im Gegensatz dazu betone ich, dass das BZÖ und die Grünen gleich stark sind in Österreich, nämlich bei rund 10 %! Die Gemeinden sind pleite und mit Millionenbeträgen verschuldet (ich habe darüber bereits geschrieben, siehe dazu u.a. Graz, jetzt Hartberg). Und ich glaube, dass diese dunkelgraue Zeit auf uns zukommt, weil so viel schöngeredet wird. Das Glücksspiel nimmt statistisch ebenfalls zu, und wenn es den Leuten schlecht geht, spielen sie: ich wurde gestern angerufen, ob ich denn um 59 Euro mit über 100 Lottotipps spielen möchte. Gewinn wird garantiert. Übrigens, der Alkohol ist auch billig, und vielleicht sogar billiger geworden. Wenn es den Leuten schlecht geht, saufen sie. Ich kann mich nicht erinnern, dass man Wein um 1,99 Euro die Flasche früher permanent bekommen hat. Auch die Aktionen an Bier um 0,49 die Dose haben zugenommen. Mein Studienkollege in Ungarn bringt es auf den Punkt: “Das Leben ist unerträglich teuer in Budapest, doch der Alkohol ist spott billig!” – das war vor dem Staatsbankrott Ungarns. Tu felix Austria spiele und saufe dich schön!

AMW

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Neues aus Österreich · Politik · Wirtschaft

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