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Die Wahrheit des Wortes

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Was heißt denn schon Zynismus?

9. April 2009

Eine Zeltstadt mit Ärzten, die als Clowns verkleidet für Stimmung sorgen, so schön ist es im Moment in Mittelitalien in der Gegend um L´Aquila. Es hat etwas von Pfadfinderlager oder Campingurlaub. So ähnlich sieht es wohl der italienische Staatschef Silvio Berlusconi, wenn man seinen Aussagen vom gestrigen Tag folgt. Da werden die Aufschreie unüberhörbar laut und überall ist die Rede von Zynismus. Es ist immer wieder schön mit anzusehen, welche einfachsten rhetorischen Tricks, die immer gleichen Reflexe hervorrufen. Die Krönung ist aber, dass die Menschen so auch noch meinen, sie hätten eine eigene Meinung. Das sie hier gezielt dem vorgegebenen Weg folgen, fällt ihnen dabei gar nicht mehr auf. Natürlich war es falsch, was Berlusconi da sagte aber warum tat er dies. Einen emotionalen Fehltritt kann man ausschließen, da er seine Gedankengänge später auf Nachfrage auch noch ein Mal bekräftigte. Man muss auch immer hinter die Kulissen schauen und darf sich nicht einfach von Oberflächlichkeiten, egal wie haarsträubend sie auch immer sein mögen, ablenken lassen.

Barack Obama und der Frieden

Berlusconi möchte von dem eigentlichen Skandal ablenken, er möchte keine Fragen nach Baumängeln beantworten oder zu anderen skandalösen Sachverhalten bei dieser Tragödie, die fast 300 Menschen das Leben kostete, Stellung nehmen und genau das hat er auch hervorragend geschafft. Die paar kleinen Kratzer im Lack seines Images nimmt er dafür gerne in Kauf, denn  auch Italiener vergessen schnell. In Italien beginnt langsam die Urlaubszeit und der Tourismus ist ein wichtiger Einnahmezweig, deshalb laufen nun auch im deutschen Fernsehen, wo man sich über die Aussagen Berlusconis brüskierte, Werbetrailer für die Urlaubsregion Italien, schließlich muss man der Katastrophe etwas entgegensetzen, bevor auch noch Feriengäste ausbleiben. Nur am Rande sei erwähnt, dass hier niemand von Zynismus spricht. Es geht ums Kapital, alles andere ist nachrangig und daran hat natürlich auch kein G20-Gipfel in London etwas geändert, denn die Systeme laufen unverändert weiter, nur das man eben mit solchen Aussagen, wie sie in London getätigt wurden, hervorragend davon ablenkt. So schlimm die Katastrophe in den Abruzzen ist, ist sie dennoch nur ein kleiner Teil in einem System, welches Aufrecht erhalten werden soll, obwohl es nicht funktioniert.

Ein anderes Beispiel. Der neue amerikanische Präsident Barack Obama hat in dieser Woche seine PR-Tour durch Europa beendet und viele Reden gehalten, die jeweils die Geschichte des Landes berücksichtigten in dem er gerade war und das jeweilige Land auch als einen besonderen Partner hervorhob. So macht man es jedem recht und braucht letztendlich auch nur eine Rede, in der man einige Punkte beliebig austauschen kann. So etwas nennt sich effizientes Arbeiten. Was aber vor allem bei den Menschen in Europa hängen geblieben ist, ist nicht die Kopie der Kopie, sondern was für ein dem Frieden verpflichteter Mensch Barack Obama doch ist. Was dabei so gut wie untergegangen ist, ist das die Regierung der Obama vorsteht, den Streitkräfteetat der USA gerade um vier Prozent erhöht hat. Auch hier spricht niemand von Zynismus. Unter George W. Bush wurde jeder Dollar extra bemängelt der ins Militär floss, weil man besseres damit anfangen könnte. Unter Barack Obama steht die Wirtschaft, wenn nicht sogar der ganze Staat kurz vor dem bankrott, Proteste über eine Erhöhung der Militärausgaben bleiben allerdings aus. Natürlich sind dies alles nur Einzelfälle und bis die meisten verstanden haben, dass hinter diesen vielen Einzelfällen ein System steckt, ist es auch schon zu spät.

Wenn der Enkel Oma und Opa ein Auto kauft

Natürlich sollte man sich aus deutscher Sicht im Kontext der Staatsverschuldung auch nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen, denn soviel besser wird es mittelfristig bei uns auch nicht aussehen. Erst am gestrigen Tag beschloss man die Abwrackprämie oder auch Umweltprämie auf fünf Milliarden Euro aufzustocken. Natürlich klingt dies nach den Billionenabschlüssen des G20-Gipfels in London mittlerweile auch schon nur noch nach Kleingeld, ist es aber faktisch nicht. Mit 4,2 Milliarden Euro für dieses Programm wird sich die Bundesrepublik Deutschland neu verschulden. Faktisch bedeutet dies, wenn sich ein Rentner einen Neuwagen mit Hilfe dieser Prämie kauft, bezahlt den letztendlich sein Enkel oder besser noch gesagt sein Urenkel oder Ururenkel. Immer vorausgesetzt, dass hier die demografische Falle noch nicht zu geschnappt hat und er überhaupt über solche Nachfahren verfügt, andernfalls wird für den verbleibenden Rest die Zeche umso teurer. Früher schenkten die Großeltern ihren Enkeln ein Auto, nun ist es umgekehrt und auch hier, man ahnt es schon, spricht niemand von Zynismus. Denn man freut sich einfach erst ein Mal, dass die Politik etwas tut, egal wie sinnvoll es auch immer sein mag.

Bleiben wir in der Automobilbranche und widmen uns den Zahlen die Daimler gerade in Berlin auf der Hauptversammlung vorlegte. Vorsichtig formuliert waren sie nicht ganz so gut. Daimler-Chef Dieter Zetsche räumte ein, dass man nicht sofort auf den Absatzeinbruch reagiert hätte, ganz nebenbei sprach er auch noch von der Möglichkeit des Stellenabbaus im Konzern und natürlich wurden die Millionen Euro, die der Vorstand bekommt gerechtfertigt. Richtig auch hier ist von Zynismus nirgendwo die Rede. Genauso wenig, wie beim Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, der, wie wir es hier in der Redaktion schon vor Tagen erwartet hatten, natürlich auf weitere Millionen pocht, denn schließlich scheidet er vor Vertragsende aus dem Unternehmen aus. Eigentlich hat dieser deutsche Topmanager auch noch einen extra großen Abschiedsbonus verdient, denn schließlich verließ er das Unternehmen, um Schaden von diesem abzuwenden und tat dem Unternehmen damit zum Schluss noch ein Mal etwas richtig gutes. Denn man darf nicht vergessen, dass er bis zum Schluss jede Verantwortung im Kontext zu der stasihaft anmutenden Überwachung in dem Konzern den er leitete, klar verneinte. Aber jetzt für Hartmut Mehdorn noch einen solchen Bonus zu fordern wäre wohl von unserer Seite her einfach nur zynisch und deshalb lassen wir es auch.

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Kategorie: Ein Kommentar zur Woche · Europa · Gesellschaft · Politik · Wirtschaft

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