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Die Wahrheit des Wortes

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Was Banken jetzt tun – Ein Interview

4. November 2008

Die Redakteurin hat mit dem Vorstand einer österreichischen Sparkassen-Filiale, Herrn Robert Tritscher, ein Gespräch zum Thema geführt, was Banken jetzt in der Finanzkrise tun. Die Antworten zeigen, dass die großen Banken in diesem Land um Schadensbegrenzung bemüht sind und Lösungen für Ihre Kunden suchen.

Viele Häuslbauer haben ihren Traum vom Eigenheim mit Fremdwährungskrediten unter Hilfe von Finanzberatern verwirklicht. Nun steht so mancher von ihnen vor einem Berg Schulden und Nullrenditen seiner Aktien. Herr Tritscher, wie sehen Sie diese Situation und welche Schritte setzt die Steiermärkische Sparkasse?

Das Problem bei diesen Finanzierungen ist, dass viele sich nicht bewusst waren, welches Risiko sie eingehen. Wenn eine Aktie fünfmal mehr abwirft als ein herkömmliches Sparbuch, dann muss es fünf Verlierer geben, die diesen Gewinn ermöglichen. Das konnten viele nicht nachvollziehen und die Beratungsszene hat derartige Informationen nicht vermittelt. Der Finanzmarkt ist nicht der große Gönner. Wenn der eine etwas gewinnt, muss ein anderer genau diese Summe verlieren. Und jetzt gehören eben diese kleinen Anleger zu den Verlierern.

Aber welche Möglichkeiten haben jetzt diese Menschen, die ja ihre Häuser behalten wollen?

Wir versuchen für all unsere Kunden mittel- bis langfristige Lösungen zu erarbeiten. Eine davon ist, in den Eurokredit zu wechseln und die Laufzeit auf 30 Jahre zu erhöhen.

Doch gerade wegen der günstigeren Kredite sind viele in Fremdwährungen eingestiegen. Macht ein solcher Schritt die Situation nicht noch schlimmer?

Nein, weil die Zinsunterschiede nicht mehr ins Gewicht fallen. Die Prognosen sind sogar so, dass der Eurokredit die selben Zinsbelastungen aufweisen wird wie ein Kredit im Schweizer Franken. Gerade der Franken hat sich zur Krisenwährung etabliert. Er ist begehrt und damit steigt sein Wert. Der Schweizer Franken ist also eine harte Währung geworden.

Was bedeutet das für den Einzelnen Kreditnehmer?

Durch diese Wertsteigerung des Franken ist die Deckung der Kredite nicht mehr gegeben. So kann es sein, dass ein Kredit über 100 000 Euro in Franken aufgenommen plötzlich mit 110 000 Euro gedeckt werden muss. Die Banken müssen neue Sicherheiten oder die Abdeckung der Differenz verlangen. Die Differenz hat der Kreditnehmer zu tragen. Dadurch ergibt sich ein Minus in besagtem Beispiel von 10 000 Euro, was die günstigeren Zinsen niemals wettmachen können. Außerdem verschärft sich diese Situation mit jedem neuen Einbruch am Finanzmarkt.

Herr Tritscher, heisst es nicht, dass solche Fremdwährungskredite mit Endfälligkeit gerade durch lange Laufzeiten ein Geschäft sind und sich dadurch auszahlen?

Zum Teil ja, doch wenn mit jedem Einbruch am Aktienmarkt die Ansparungen weniger Wert werden, bricht praktisch das Depot für die Rückzahlung des Eigenheimes zusammen. Das trifft bereits jene, die vor acht oder zehn Jahren einen solchen Fremdwährungskredit abgeschlossen haben. Die kommen nämlich jetzt in die Phase, dass das Angesparte langsam Gewinn abwerfen sollte, was ja aufgrund des weltweiten Zusammenbruches des Aktienmarktes nicht passiert.

Sind denn nicht viele in Fremdwährungskredite gegangen, weil Sie den damaligen Eurokredit sich nicht leisten konnten?

Dem ist nur zum Teil so. Ein Fremdwährungskredit wurde nur gewährt, wenn man sich den Eurokredit leisten konnte. Was jetzt behindernd wirkt ist, dass neben den Zusammenbrüchen am Aktienmarkt der Eurokredit ebenfalls um rund 2 Prozentpunkte gestiegen ist. Deshalb versuchen wir mit Erhöhung der Laufzeiten, die einzelnen Kreditnehmer zu entlasten. Hier muss jeder Kunde von uns einzeln und individuell beraten werden. Das erfordert die momentane Situation.

Glauben Sie, dass sich der Markt wieder erholen wird?

Mittelfristig vermutlich schon, doch genau kann man heute nichts mehr sagen. Faktum ist, dass sichere Währungen wie der Euro mit langen Laufzeiten eine Möglichkeit darstellen, diese unsichere Finanzlage zu überbrücken.

Diese Laufzeiten sind doch sehr lang. War das immer schon üblich?

Die Steiermärkische Sparkasse gibt jetzt für unter 40jährige diese Laufzeit auf 30 Jahre. Alle, die darüber sind können Kreditfinanzierungen mit 25 Jahren erhalten. Die Schweizer hatten ja das System der Generationenkredite, die auf 80 Jahre ausgelegt waren. Da hat dann einfach die Kindergeneration den Kredit übernommen, und dadurch waren die Belastungen gering.

Gedenkt man in Österreich, dieses System einzuführen oder welche Alternativen gibt es?

Nein, den Generationenkredit wird es hier nicht geben. Jedoch stellen wieder herkömmliche Veranlagungen wie Bausparer und Sparbuch mit Eurokrediten adäquate Lösungen dar. Fremdwährungskredite werden jetzt überhaupt keine vergeben. 

Sie raten also, den Weg zur Bank zu tun und gemeinsam mit der Hausbank eine Strategie zu entwickeln?

Auf jeden Fall, wenn nicht sogar die Hausbank auf einen selbst zukommt um über die einzelnen Engagements zu sprechen und einen Plan zu entwerfen. Wir tun das von unserer Seite aus und wollen all unseren Kunden hier bis Ende des Jahres entsprechende Angebote machen.

Welche Perspektiven sehen Sie für die Zukunft? Viele können sich das Leben nicht mehr leisten und landen bei der Schuldnerberatung. Nicht weil sie ohne Einkommen sind, sondern weil sie einfach zuwenig verdienen!

Was sicher sein wird ist, dass wir wieder zu einer neuen Bescheidenheit zurückkehren werden. Wir werden bodenständiger werden, was vermutlich auch von einer Rezession der Wirtschaft begleitet werden wird. So mancher wird wieder den Garten nützen und man wird sich überlegen, was wirklich benötigt wird. Vermutlich werden auch Lebensmittel billiger werden und Artikel des Alltags. Energiepreise könnten ähnlich hoch bleiben, aber wir werden uns in Sachen Mobilität neu überdenken müssen.

Bemerken Sie schon einen Wandel?

Ja, die Kommunikation ist anders geworden. Man spricht wieder mehr und besinnt sich der Techniken von früher. Wenn man so will werden Tradition und regionale Verwurzelung wiederbelebt. Und die Menschen werden bescheidener.

Ist es von Vorteil, dass Österreich in der Eurozone ist?

In diesen Zeiten ist das bestimmt ein Vorteil. Man sieht ja, wie es den Ländern ohne Euro geht: Ungarn teilt sich gemeinsam mit Island den Staatsbankrott und Dänemark hat es schon als Fehler bezeichnet, die Währung behalten zu haben. Und bei den Schweizern werden wir sehen, wie lange sich der Franken als harte Währung innerhalb der EU halten wird. Risikoanfällig ist er in jedem Fall.

Mit welchen Zahlen rechnen Sie in Sachen Wirtschaftswachstum für 2009?

Es wird bestimmt zu den prognostizierten Werten kommen. Mit ca. 0,1 bis 0,6 Prozent Wirtschaftswachstum dürfen wir 2009 rechnen. Die Entwicklung geht aber vermutlich Richtung Null und sogar in Richtung Rezession.

Herr Tritscher, danke fürs Gespräch.

AMW

Anmerkung der Redakteurin:

Im Stern vom Oktober war zu lesen, dass die Baubranche einigermaßen durch die angespannte Wirtschaftssituation durchschrammen wird, auch der Gesundheitssektor und die Computerbranche wird ein wenig zulegen. Die großen Verlierer sind Anbieter von Luxusartikeln und Fernreisen. Was ja im Grunde logisch ist, wenn jeder Euro umgedreht werden muss.

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Kategorie: Europa · Neues aus Österreich · Wirtschaft

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