Von Enke bis Rangnick
27. September 2011
Vor gut einer Woche war es wieder soweit und die 1. Liga forderte wieder einmal ein Opfer. Glücklicherweise war es diesmal nur der Rücktritt von Ralf Rangnick, als Trainer bei Schalke 04. Im November jährt sich der Todestag des ehemaligen Keepers von Hannover 96, Robert Enke, schon zum zweiten Mal, also sollte jeder verstehen, was gemeint ist, wenn man nur von einem Rücktritt spricht. Völlig unverständlich waren allerdings die Reaktionen, die es auf diesen überraschenden Rücktritt eines Vollprofis gab. Es wurde wieder alles in Frage gestellt. Man diskutierte, ob Fußballtrainer nicht einen festen, freien Tag in der Woche haben sollten, wie ihn zum Beispiel auch die Frisöre haben. So etwas kann man übrigens schon fast als Beleidigung der haarschneidenden Zunft werten, denn man muss wohl festhalten, dass ein Frisör im Regelfall, auch nicht im Ansatz so viel verdient, wie ein Coach in der 1. Liga. Hier werden Welten mit einer verglichen, die einfach nicht im Ansatz irgendwas miteinander zu tun haben. Bei allem Mitleid, um einen Menschen mit Burnout-Syndrom, hat es hier jemanden getroffen, der aller Wahrscheinlichkeit nach jetzt nicht zum Sozialfall wird und außerhalb der schönen Fußballwelt, sieht dies auch oft genug ganz anders aus.
Ein richtig guter Anlass
Hätte sich vor fast zwei Jahren nicht der Torhüter von Hannover 96, Robert Enke, das Leben genommen, könnte man im Fall des ehemaligen Trainers von Schalke 04 nun darauf hoffen, dass durch seinen Mut und seinen Schritt mit dieser Sache in der Öffentlichkeit so offensiv umzugehen, sich gesellschaftlich wirklich etwas verändert. Leider hat die Erfahrung gezeigt, dass auch das Schicksal Rangnicks schon bald vergessen sein wird. Selbst der Tod eines jungen Menschen reichte nicht aus, um nachhaltig etwas im Fußball oder gar im Sport ganz allgemein oder im besten Fall gesamtgesellschaftlich zu verändern. Da kann man sich überlegen, wie es mit dem Fall Ralf Rangnick aussehen wird. Der Fußball ist schon seit langen Jahren im globalisierten Raubtierkapitalismus angelangt und Gewinnmaximierung ist auch hier das Leitmotiv, wie zuletzt erst noch mit der Weltmeisterschaft der Frauen in Deutschland bewiesen wurde. Wenn nun der vergangene 7. Spieltag so sehr im Zeichen der Diskussion um den Schritt von Ralf Rangnick stand, muss man sagen, dass auch hier die Heuchelei wohl ganz weit vorne stand. Es wird ein neuer Trainer kommen und das Geschäft Fußball, und letztendlich ist es kaum noch etwas anderes, wird weiterlaufen, als sei nie irgendwas passiert. Dies ist natürlich gerade auch aus Sicht der Betroffenen und deren Angehörigen ein sehr trauriger Zustand, der natürlich wieder einmal eine ganze Menge über diese Gesellschaft aussagt.
Was sich hier auf Schalke abgespielt hat, wäre ein richtig guter Anlass für die Verantwortlichen in diesem Sport gewesen, einmal darüber nachzudenken, ob man wirklich eine Wiederholung des Dramas um Robert Enke haben möchte oder lieber auf ein paar Euros verzichtet. Jeder wird nun sagen, dass man natürlich eher verzichtet, bevor man die Gesundheit oder gar das Leben der Beteiligten gefährden würde, wie aber auch dieser Fall im Ruhrgebiet zeigt, sind dies eben auch nur leere Worthülsen, wie man sie aus der heutigen Wirtschaftswelt nur zu gut kennt und genau dort muss man mittlerweile die wirklich erfolgreichen Teile des deutschen, wie auch des internationalen Fußballs ansiedeln. Es wäre zu mindestens schön, wenn die Verantwortlichen von den Vereinen bis zum DFB zu mindestens dazu stehen würden, was sich hier Woche für Woche im Haifischbecken des Lieblingssport der Deutschen abspielt, dann könnte man auch gut auf das, was man vor und nachdem 7. Spieltag alles hörte, verzichten und sagen, so ist eben unsere Gesellschaftsform, dafür gibt es immer mehr Logen, höhere Gehälter und eben auch immer wieder Opfer. Alles andere, was sich auch im Moment wieder abspielt, ist wohl zu einem ganz großen Teil nichts anderes als die pure Heuchelei, die auch immer deutlicher ein fester Bestandteil dieser Gesellschaft wird, auch wenn man eigentlich sehr gut auf sie verzichten könnte.
Fußball ist nicht alles
Man fragt sich, was mit so einer Aussage gemeint ist, manch einer der Verantwortlichen im Profifußball dürfet durchaus die Meinung vertreten, dass nicht Fußball alles sei, allerdings das Geld, welches dort verdient wird, schon. Profisport soll im Blickwinkel auf eine Gesellschaft auch immer eine Vorbildfunktion haben und dies gilt natürlich ganz besonders für den Profifußball. Man erkennt nun natürlich an Beispielen, wie Robert Enke oder eben ganz aktuell auch Ralf Rangnick, dass sich auch hier die Probleme zeigen, wie sie außerhalb des Fußballs zum ganz normalen Alltagsleben zählen. Die ganzen namenlosen Verlierer dieses Systems finden nur leider nirgendwo Erwähnung, in sofern sollte hier natürlich ein großer Impuls aus dem Fußball heraus kommen. Genau dies geschieht, wie gerade geschildert aber nicht und somit sollte man auch endlich aufhören, dieser Sportart einen so wichtigen gesellschaftlichen Stellenwert zu zurechnen. In einer Gesellschaftsform, in der Kapital vor dem menschlichen Individuum kommt, also in einer Gesellschaftsform, wie sie mittlerweile auch in Deutschland Anwendung findet, ist es nur verständlich, dass es auch immer wieder Menschen gibt, die mit dem so entstehenden Druck auf Dauer nicht umgehen können. Genau diese Menschen bleiben dann meistens in der einen oder anderen Form auf der Strecke. Sie sind die unzähligen Opfer dieses Systems. Man kann sie weiter verleugnen, man kann auch weiter so tun, als seien sie eine kleine Gruppe trauriger Einzelfälle aber all dies wird nicht helfen und auch diese Gruppe wird immer schneller anwachsen.
Immer mehr Eigenverantwortung fordert die Politik, ohne auch nur im Ansatz an die heranzutreten, die das Kapital mit vollen Schubkarren in ihre Villen bringen. Man muss immer mehr leisten, um mit dem, was einem die Medien vorgaukeln, es sei die Realität, mithalten zu können. Familie wird systematisch in Abseits gestellt, so dass auch hier eine innere Stärkung kaum mehr stattfinden kann. Man könnte diese mahnende Liste nun beliebig lang fortsetzen, um deutlich zu machen, was alles falsch läuft aber dies würde genauso wenig bewirken, wie der überraschende Rücktritt von Ralf Rangnick. Schon in ein paar Wochen, wenn nicht gar Tagen, wird es im Fußball auch schon wieder Wichtigeres geben, als dieses Thema und man wird nicht mehr von ihm sprechen, so ist es im Fußball, so ist es in der Gesellschaft, so ist das Leben. Man muss es einfach so deutlich sagen und wenn kein Interesse an Veränderung besteht, sollte man zu mindestens ganz offen mit allen Seiten dieses Systems umgehen. Mit beeindruckenden Skylines in Frankfurt, tollen Entertainmenttempeln, in denen ein knallhartes Geschäft läuft, zu dem eben unter anderem auch der Fußball gehört aber auch mit der Masse an Opfern, die all dies fordert. Denn auch hier wird gefordert und gefördert. Gefördert werden die Gewinne eines kleinen Kreises und gefordert werden die Opfer in der breiten Masse, so sah es in unserer Gesellschaft aus bevor Rangnick Schalke verließ und so wird es wohl auch noch eine ganze Weile lang aussehen, denn, wie gesagt, nachhaltig verändert hatte sich auch nachdem Tod von Robert Enke nichts und dies gilt wohl auch für den aktuellen Fall.
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Bis jetzt 5 Kommentare ↓
1 Stefan Braun // 27. Sep 2011 at 15:34
Der letzte Satz des ersten Abschnitts ist schon ganz schön zynisch. Ist die Gesundheit weniger wert, wenn jemand mehr Geld verdient?????
Enttäuscht mich ziemlich
2 Die Redaktion // 27. Sep 2011 at 16:14
Da hast Du etwas falsch verstanden. Natürlich hat der Wert der Gesundheit gar nichts mit dem Einkommen oder ähnlichem zu tun. Was gemeint war ist, dass es unzählige Menschen in Deutschland gibt, die so etwas noch wesentlich härter trifft, da sie eben finanziell nicht so gut da stehen und es nicht einfach so auffangen können. Genau von denen hört man aber selten bis gar nicht und das finde ich dann zynisch.
3 Stefan Braun // 27. Sep 2011 at 20:12
Ich denke, dass Geld in so einem Moment nicht hilft. Hat es Robert Enke aufgefangen? Natürlich kann man sich mit Geld Therapeuten leisten, aber das ist m. E. nicht der Punkt. Verlustängste hat man sicher auch, wenn man finanziell abgesichert ist – vielleicht sogar noch mehr?
Dass du das nicht so zynisch gemeint hast glaube ich natürlich schon, aber es wirkt trotzdem so auf mich. Falsch verstanden habe ich es so gesehen nicht, es ist eine Sache, was du damit gemeint hast und eine andere, was man herauslesen kann. Sprache ist manchmal tückisch
Ob es zynisch ist, dass man von anderen Menschen weniger hört weiß ich nicht; wolltest du, dass sich ganz Deutschland für deine privaten Probleme interessiert? Das erzeugt doch noch mehr Druck. Und Druck hat doch gerade zu diesem Problem geführt.
4 Der BALLacker » Nur noch ein Sieg // 9. Okt 2011 at 17:33
[...] Dreifache angewachsen und das trifft dieses Land doch sehr hart. Auch hier erkennt man deutlich die Kehrseite dessen, dass der Fußball so massiv kommerzialisiert wurde. Denn man kann jetzt schon sagen, [...]
5 Der BALLacker » Keine Wilde 13 // 21. Nov 2011 at 00:05
[...] gerade erst ein paar Wochen her, da trat völlig überraschend der Trainer von Schalke 04, Ralf Rangnick, zurück, da ihm der Druck in der Bundesliga über den Kopf gewachsen war. Es ist gerade [...]
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