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Die Wahrheit des Wortes

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Von Amstetten bis Winnenden

17. März 2009

Heute fand nun der zweite Prozesstag gegen Josef Fritzl statt. Ihm werden verschiedene Delikte zur Last gelegt. Von Sklaverei über Vergewaltigung bis hin zur Tötung durch Unterlassung. Einige Anklagepunkte räumt er ein, andere verneint er. Dieser Prozess der in der niederösterreichischen Landeshauptstadt Sankt Pölten unter großem Medienandrang stattfindet, wird wohl zum Wochenende mit einem Urteil abgeschlossen werden. Wie dieses ausschauen wird, ist zur Stunde noch völlig offen, da zum Beispiel mit dem Anklagepunkt der Sklaverei, den es in Österreich erst seit 1975 gibt, auch ein Punkt verhandelt wird, den die österreichische Justiz bislang noch nie verhandelt hat. Während man also in Österreich auf das Urteil gegen den Inzestvater von Amstetten, wie er auch immer wieder genannt wurde, wartet, beerdigt man in Süddeutschland die Leichen der Opfer des grausame Amoklaufs von Tim K. aus Winnenden. Dieser Artikel zeichnet die gravierenden gesellschaftlichen Parallelen dieser beiden grausamen Straftaten auf.

Das Monster Josef Fritzl?

Josef Fritzl, der heute 73 Jahre alte Täter, entführte 1984 seine damals 18 Jahre alte Tochter und sperrte sie im Keller des eigenen Hauses ein, welchen er nach und nach zu einem immer größer werdenden Verlies ausbaute. Hier hielt er sie und über die Jahre auch drei der gemeinsamen Kinder, über insgesamt 24 Jahre, also fast ein viertel Jahrhundert lang, gefangen. Seine Tochter Elisabeth vergewaltigte er in dieser Zeit tausendfach und zeugte so insgesamt sieben Kinder mit ihr. Drei dieser Kinder nahm er unter einem Vorwand mit in sein `normales` Leben auf und drei blieben im Verlies bei Elisabeth. Ein siebtes Zwillingskind verstarb kurz nach der Geburt und wurde wohl von Josef Fritzl im Ofen verbrannt. Nur auf Grund dieser Details merkt man schon woher Begriffe, wie `Horrorhaus` oder `Monster` rühren. All diese Begriffe findet man auch immer wieder im Zusammenhang mit dem Ort, wo sich das Verbrechen abspielte wieder. Wir reden von Amstetten in der Nähe von Sankt Pölten in Niederösterreich. Genau mit diesem negativen Image kämpft der Ort nun seit das Martyrium von Elisabeth und ihren Kindern endete und somit an die Öffentlichkeit kam.

Selbst die Richterin versuchte am ersten Verhandlungstag darauf Einfluss zu nehmen, dass es sich um die Tat eines einzelnen Täters und nicht eines Ortes, einer Region oder gar eines Landes handeln würde. An diesem Punkt gibt es allerdings Diskussionsbedarf. Natürlich kann man weder jeden Einwohner von Amstetten, noch gar die gesamte österreichische Gesellschaft pauschal mitverurteilen, allerdings kommt auch die Frage nach der Mentalität des Wegschauens zwangsläufig auf. Denn, dass niemandem über fast ein viertel Jahrhundert etwas aufgefallen sein mag, kann eigentlich gar nicht der Fall sein. Genau dies möchte man aber durch die Alleinstellung des Täters erreichen, was auch noch Mal dadurch untermauert wird, dass es keine familienexternen Zeugen gibt. So entlässt man die Gesellschaft ganz einfach aus der Verantwortung. Es versteht sich von selbst, dass man es so nicht schafft für eine Gesellschaft des Hinschauens und Einmischens zu kämpfen. Denn sollten doch irgendwelche Menschen etwas mitbekommen haben, werden sie so nur bestärkt sich auch weiterhin, wie bisher zu verhalten.

Der depressive Tim K.?

Wie gesagt, in den gerade geschilderten Sachverhalten geht es nicht um eine Pauschalverurteilung, denn wie weitreichend das Problem ist, sah man in der letzten Woche auch ganz deutlich in Deutschland und zwar in Winnenden in Baden-Württemberg. Hier lief der 17 Jahre alte Tim K., den die meisten für genauso `normal` hielten, wie Josef Fritzl bevor die grausame Wahrheit ans Licht geriet, Amok und erschoss 15 Menschen, bevor er sich selber richtete. Auch hier will niemand etwas mitbekommen haben, auch hier lief bis zum Tag X alles völlig `normal`. Vielleicht sollten sich all die Menschen, die dieser Tage den Begriff `normal` verwenden, ein Mal Gedanken darüber machen, ob sie die Wahrheit sagen oder ob es sich nicht vielleicht um Selbstschutz handelt. Da Tim K. den Amoklauf nicht überlebte, hat man im Gegensatz zum Fall Josef Fritzl nun natürlich auch niemanden, den man öffentlich an den Pranger stellen kann. Nun sucht man nach Ausweichmöglichkeiten, so hat es zu mindestens den Anschein, wenn man sich anschaut, was nun im Kontext zu den Eltern des Amokläufers passiert. Man hat das Gefühl, dass man unbedingt eine lebende Person braucht, der man all das anhängen kann, all die Verantwortung. Denn so hat man die Verantwortung verbucht, weit weg von der Gesellschaft.

Es geht hier nicht darum irgendwelche Straftäter in Schutz zu nehmen oder gar deren Taten zu rechtfertigen, dass ist mit Sicherheit nicht die Aussage, um die es hier gehen soll. Es geht viel mehr um die gesellschaftliche Verantwortung im Kontext solcher Straftaten, wie wir sie in Amstetten und auch Winnenden erleben mussten und auch in der Zukunft immer wieder erleben werden. Denn so lange wir eine Gesellschaft des Wegschauens haben, in der ein 18 Jahre altes Mädchen 24 Jahre lang verschwinden kann, ein Täter ein vielfaches an Lebensmitteln etc. verbraucht und einkauft ohne das es jemand bemerkt, ist die Wiederholung eines solchen Horrors jederzeit und überall möglich. In einer Gesellschaft der Oberflächlichkeit, in der tiefgehende Kommunikation immer mehr wegfällt, wo Menschen, wie Tim K., sich ganz offensichtlich ohne das es jemand bemerkt aus der Mitte der Gesellschaft ausklinken können aber trotzdem noch in ihr leben können, wird es Amokläufe, wie den von Winnenden, unabhängig von Waffengesetzen und dem Umgang mit Computerspielen, immer wieder geben. Wenn sich jeder dieser Gedanken allerdings täglich bewusst ist, könnte man solche Horrorszenarien, wie in Amstetten oder auch Winnenden, in der Zukunft zu mindestens einschränken.

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Neues aus Österreich

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