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Die Wahrheit des Wortes

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Vettel als Schumacher 2.0

16. November 2010

Sebastian Vettel ist mit 23 Jahren und 134 Tagen seitdem Wochenende der jüngste Formel-Eins-Weltmeister aller Zeiten und das hat diese Sportart gebraucht. Die Welt und vor allem Deutschland überschlägt sich vor Freude. Hatte das geplante Sommermärchen doch nicht funktioniert, scheint es jetzt doch noch so etwas, wie ein Herbstmärchen zu geben. Man erinnert sich noch gut daran, dass es eigentlich in dieser Saison um einen ganz anderen deutschen F1-Piloten gehen sollte, denn es sollte die Saison des Comebacks von Michael Schumacher werden, wobei hier sehr schnell klar wurde, dass es wohl doch eher andere Gründe für sein Comeback gab, als rein sportliche, denn das was der Kerpener ablieferte, sah doch meist eher mittelmäßig aus. Die Probleme in der Formel Eins sind mittlerweile hinlänglich bekannt, es zeigen sich auch hier mehr und mehr die Abnutzungserscheinungen am System und hiermit sind weder die Fahrer, noch die Autos gemeint. Man brauchte etwas grandioses, überraschendes, etwas, was die Menschen wieder mehr fesselt und man scheint etwas gefunden zu haben.

Purer Leistungsdruck?
Deutschland braucht Ablenkung, denn wenn sich die Massen zu sehr um die Politik, die in Deutschland in diesen Tagen gemacht wird, kümmern würden, gäbe es wohl bald Massenproteste und ähnliches. Da kommt es natürlich wie gerufen, dass ein junger Mann, aus einer ganz neuen Generation, plötzlich und völlig überraschend Weltmeister in der Königsklasse des Automobilsports ist. Natürlich stand seine hessische Heimatstadt Heppenheim das ganze Wochenende über Kopf. Es scheint sich hier ein neues Kerpen gegründet zu haben aber es ging weit über die Grenzen dieser kleinen Stadt in Hessen hinaus. Alle jubeln und ein großartiges Wir-Gefühl macht die Runde und dies auch direkt zusammen mit unseren österreichischen Nachbarn, denn dort ist mit Red Bull der Rennstall von Sebastian Vettel ansässig und man hatte kurz zuvor so auch schon den Konstrukteurstitel nach Österreich geholt. Alles ins allem muss man wohl von einer deutsch-österreichischen Allianz sprechen, die hier den Sieg erkämpfte. Satirisch könnte man nun natürlich anmerken, dass es nicht die erste deutsch-österreichische Allianz ist, die zum Kampf geformt wurde aber man möchte sich in diesen Ländern einfach nur freuen und die Schattenseiten, gerade auch in der Formel Eins, wegpusten.

In diesem Gesamtkonzept ist es allerdings auch wieder interessant einmal das große Thema Leistungsdruck in unserer Gesellschaft anzusprechen, denn was von Seiten der Medien im Moment auf Vettel einprasselt, ist auch mit Spannung zu verfolgen. Denn kaum hat er mehr als überraschend diese Formel Eins-Saison gewonnen, wird er gleich auch schon zu so etwas, wie Schumacher 2.0 in den Sportlerhimmel gehoben. Kurz nachdem Sieg ging es schon an vielen Stellen nur noch um die Frage, wie es wohl in der nächsten Saison aussehen würde und wie die Ambitionen in diesem Kontext gelagert wären. Erst vor einigen Tagen stand der erste Todestag von Robert Enke an, als dieser sich im Herbst 2009 das Leben nahm, war das Thema Leistungsdruck auch ein sehr großes Thema mit dem klaren Fazit, dass dieser, vor allem auch im Sport, abgebaut werden müsste, genau danach sieht es aber im Moment nicht wirklich aus. Wenn so etwas wie die Formel Eins gerettet werden muss, kann man scheinbar auf Einzelschicksale keine Rücksicht nehmen. Man kann nun nur hoffen, dass der junge Vettel all dies gut wegsteckt und die Hoffnungen, wie man Anforderungen auch gerne nennt, sind natürlich riesig.

Glück für die Kanzlerin?
Man muss aber auch festhalten, dass all dies weit über die Grenzen des Sports hinaus strahlt. Denn zwischen Steuererhöhungen und weiteren Beitragserhöhungen im Sozialwesen, dürfte man sich auch im politischen Berlin über solche Ablenkungen sehr freuen. Eine Politik, die den Graben in der Gesellschaft immer tiefer werden lässt, ein Bundesfinanzminister, der scheinbar kurz vor seinem Aus steht und ein mehr als schwieriger CDU-Parteitag in Karlsruhe, da ist es schon schön, wenn der junge Hesse Vettel die Schlagzeilen dominiert. Da kann man schon einmal von Glück für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprechen, auch wenn es einen Wermutstropfen gibt, denn Sebastian Vettel hat keinen Migrationshintergrund und dies würde die Sache für die Kanzlerin natürlich perfekt abrunden. Die Medien nutzen den Sieg natürlich auch direkt für außenpolitische Zwecke und stellen klar, wie beliebt Deutschland doch in der ganzen Welt ist. Ein weiterer genialer Schachzug, legte sich die Kanzlerin doch gerade erst mit dem Rest Europas an, wo man nicht behaupten konnte, dass Deutschland so beliebt ist. Brot und Spiele, dieses uralte Ritual scheint also auch 2010 noch bestens zu funktionieren.

Es wird aber wohl auch so sein, dass dieser Plan der Medien und der Politik nur kurzfristig aufgehen wird, denn auch wenn solche Highlights immer wieder auftauchen, weiß man spätestens seitdem Sieg von Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest, dass so etwas nicht lange anhält und dann schlägt die Realität auch schon wieder mit voller Härte zu. Natürlich spricht rein gar nichts dagegen sich mit den Lenas und Vettels in diesem Land zu freuen, man darf darüber aber auch nicht den Alltag vergessen und der sieht gerade auch im Bezug auf die Wirtschaft und die Politik gar nicht so rosig aus, wie die etablierten Massenmedien es im Moment scheinbar gerne darstellen. Auch ein Sebastian Vettel wird den Kahlschlag im Sozialstaat Deutschland nicht stoppen und auch einen Wolfgang Schäuble (CDU) nicht retten können. Er kann die Massen für ein paar Momente ablenken, was auch durchaus legitim ist, so lange man es nicht auf andere Bereiche überträgt. Vielleicht hat Vettel mit seinem Sieg zu mindestens für eine gewisse Zeit die Formel Eins gerettet aber er allein wird nicht Deutschland retten, dass können nur alle Bürger gemeinsam dadurch, dass sie dieser Clique aus Politikern und Wirtschaftsbossen, wo es nur geht zeigen, dass sie nicht mehr bereit sind diese Spielchen mitzuspielen.

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Medien · Neues aus Österreich · Politik · Sport · Wirtschaft

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