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Die Wahrheit des Wortes

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T-Offline oder das fragwürdige Glück der Unerreichbarkeit

22. April 2009

Das kann man wohl durchaus als Wink des Schicksals bezeichnen. Heute sollte es eine Story zum Thema Daten und Kommunikation in Deutschland geben und prompt fällt hier in der Redaktion der Festnetzanschluss aus. Dieses fragwürdige Glück hatten am gestrigen Tag auch schon fast 40 Millionen Handykunden der Telekom und es wurde zum Teil recht medienwirksam als Glück verkauft ein Mal einige Stunden nicht erreichbar zu sein. Ein befremdlicher Zustand. Wenn man ungestört sein mag, kann man ein Handy einfach ausschalten und muss dies nicht von einem Konzern aufoktruiert bekommen. Wo das Glück daran sein soll, wenn irgendwelche Konzerne ihren Leistungen, für die man natürlich auch bezahlt, nicht gerecht werden, ist nur schwer bis gar nicht nachvollziehbar. Der gestrige Vorfall, den man scheinbar als T-Offline bezeichnen muss, zeigt aber sehr schön, dass es in Deutschland mehr als nur ein Datenproblem gibt.

Antiterrorkampf steht heute in Deutschland auch ganz vorne in der Berichterstattung. Was das mit Daten zu tun hat? Ganz einfach. Fälle, wie die der so genannten Sauerlandzelle, sind Basis für immer schärfere Überwachung der deutschen Bürger durch den Staat. Denn scheinbar sind solche Fälle Anlass für den Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) gleich Mal in jedes Wohnzimmer schauen zu wollen. Wenn man sich dann überlegt, dass wohl deutsche Sicherheitsbeamte an der Chemikalie manipuliert hatten, auf der die späteren Sprengsätze basieren sollten und die Zünder angeblich nicht von einem der nun Angeklagten stammen sollen, sondern von einem V-Mann des türkischen Geheimdienstes, erwartet uns ab heute wohl ein spannendes Verfahren vor dem Oberlandesgericht (OLG) in Düsseldorf. Experten gehen davon aus, dass sich dieses Verfahren durchaus bis zu zwei Jahre hinziehen kann, immerhin müssen gut 500 Ordner Akten aufgearbeitet werden. Bis dahin dürften alle Gesetze der deutschen Regierung, die die Privatsphäre der Bürger weiter aushöhlen, durch sein. Fakt ist, hier werden Fakten auf einer Basis geschaffen, die noch nicht ein Mal im Ansatz rechtskräftig bestimmt ist.

Telekomiker, so werden im Volksmund oft Mitarbeiter des ehemaligen großen, staatlichen Telekommunikationsunternehmen genannt. Dieser sorgte am gestrigen Tag für einen telekommunikativen Supergau. Bis zu 40 Millionen Mobilfunknetznutzer waren für Stunden nicht erreichbar und konnte auf ihrem gewohnten Weg auch nicht kommunizieren. Ein Home Location Server, den man auch gerne als Pförtnerrechner bezeichnet, kam mit einem Software-Update nicht klar und zwang so zwei von drei vorhandenen Rechnern in die Knie. Warum eine Spiegelung, über die natürlich auch diese Systeme gesichert waren, den GAU nicht verhindern konnte, wurde von Seiten der Telekom bis jetzt noch nicht ausreichend erklärt. Lieber sprach man von der innovativen Technik, die man hier verwendet hat. Man kann sich nun wohl schon auf kommende Satire freuen, die zum Beispiel zeigen könnte, dass die Telekomrechner eben mit dem Bespitzeln von Journalisten und Aufsichtsräten völlig ausgelastet sind und deshalb keine Leistungskapazitäten mehr für die Kunden frei sind. Denn es ist nicht nur dieses aktuelle Datenproblem bei der Telekom, ganz im Gegenteil hat man auch noch mit massiven Datenskandalen im eigenen Haus zu kämpfen und das darf man bei alldem nicht vergessen.

Einzelfälle sind dies alles, so will man es und in den Medien meistens erklären. Im Fall von 40 Millionen Handynutzern ist dies soweit auch richtig und selbst wenn es nächste Woche 20 Millionen Kunden sind, reden wir von zwei unterschiedlichen Einzelfällen. Bei diesen Zahlen wird einem aber noch etwas ganz anderes klar und zwar, wie weit verbreitet die Telekom noch immer ist. Alle wollten mehr Freiheit in der Telekommunikation, weg vom Staatskonzern und nun reden wir bei 40 Millionen Kunden in diesem Bereich über etwa die Hälfte der Einwohner der Bundesrepublik Deutschland und das ist doch eine bemerkenswerte Zahl dafür, wie viele Menschen dieses Unternehmen angeblich nicht mögen oder immer unzufrieden waren. Es zeigt auch wieder, wie viel hier gemeckert wird ohne scheinbar ein ernsthaftes Interesse an einem Wandel zu haben, denn die Möglichkeiten bietet der Markt mittlerweile. Aber zurück zu den Einzelfällen, egal ob der Datenskandal bei der Telekom oder bei der Deutschen Bundesbahn oder auch beim jüngsten Skandal um die Warenhauskette Müller, reden wir immer nur von Einzelfällen. Eine Gesamtentwicklung, die hier scheinbar in der deutschen Wirtschaft zu sehen ist, wird immer wieder nachdrücklich verneint. Man kann wohl erst von flächendeckend sprechen, wenn auch der letzte Datenskandal in einem deutschen Unternehmen ans Tageslicht gelangt ist. Und auch dann wäre es wohl nur ein loses System verschiedener völlig anders gearteter Einzelfälle.

Normalität ist da auf einer ganz anderen Seite viel schneller mit vorne dabei. Einige Beispiele gefällig? Terror ist faktisch seit den Zeiten der RAF in Deutschland nicht mehr existent. Selbst wenn man die Kofferbomber von Köln und die nun vor dem Düsseldorfer OLG stehende Sauerlandzelle nimmt, reden wir nicht von einem Toten oder Verletzten. Trotzdem wird einem durch die Politik und letztendlich auch durch die Medien suggeriert, dass der Terror in Deutschland zur Normalität gehört und deshalb ergreift der Staat auch recht schnell harte Mittel gegen die eigen Bevölkerung. Natürlich würde sich dieser Aufwand über Einzelfälle nicht verkaufen lassen. Ein anderes Beispiel. Jedes Jahr zu den Hauptreisezeiten steigen die Benzinpreise, unter merkwürdigen Erklärungen, massiv an. Gegenüber dieser Normalität fühlt sich der Staat allerdings scheinbar machtlos. Man sieht wie unterschiedlich man in Deutschland mit Normalitäten umgeht. Unterm Strich muss man wohl sagen, dass durch dieses Verhalten am Ende des Tages, weite Teile der Gesellschaft als Verlierer da stehen. Irgendwann werden aber vielleicht auch diese Daten ein Mal alle genau erfasst und man führt auf dieser Basis positive Veränderungen durch. Genau dieser Schritt könnte dann auch dazuführen, dass der Begriff Daten nicht immer im Kontext zu Skandal oder Problemen auftritt. Aber wie auch an vielen anderen fehlerhaften Stellen des Systems, sieht es auch hier nicht nach einem nachhaltigen Systemwechsel aus.

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Kategorie: Gesellschaft · Medien · Politik · Technik · Wirtschaft

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