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Die Wahrheit des Wortes

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Streifschuss zur Gleichbehandlung in Österreich

9. März 2009

Sie tobt wieder, die Debatte um die Gleichbehandlung von Frau und Mann in der Gesellschaft. Statistisch gesehen verdienen Frauen in Österreich um ein Fünftel weniger als Männer im selben Beruf. Der Ruf nach einer Quotenregelung bei der Besetzung von Führungspositionen wird lauter. Vierzig Prozent stellt sich die Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) vor. Und sie will auch, dass Frauen mehr Druck machen, um in Sachen Gleichstellung etwas zu erreichen. Sie selbst setzt auf eine Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Gabriele Heinisch-Hosek ist ehemalige Lehrerin und gibt in der Pressestunde des ORF am Sonntag den 08. März zu, dass sie selbst nie von einer Ungleichbehandlung in Sachen Frauen- und Männergehalt betroffen war. Lehrerinnen und Lehrer verdienen eben das Selbe bei gleicher Arbeit. Sie meint auch, dass man in Sachen Gleichstellung in Österreich schon viel erreicht hat. Schließlich müsse die österreichische Frau ihren Partner ja nicht mehr fragen, ob sie berufstätig sein kann. Das wäre bis 1975 (!) üblich gewesen – das Wahlrecht haben Frauen in Österreich seit 1908. Auch das Thema Gewalt gegenüber Frauen wäre öffentlich gemacht worden. Das sind doch Erfolge, oder? Und die Sache mit dem geringeren Gehalt bei gleicher Arbeit in anderen Berufen könne frau mit mehr Druck erreichen.

Konservatives Land. Was die Frauenministerin entgangen zu sein scheint ist, dass in ländlichen Regionen die Sache mit dem “Mann fragen, ob Beruf oder nicht” durchaus noch in abgewandelter Form üblich ist. Die Redakteurin erinnert sich an Kurse, die sie für das AMS gehalten hatte, und in denen Wiedereinsteigerinnen betreut wurden. Da hieß es oft, man müsse dem Mann zuhause jetzt erklären, warum Frau wieder in den Job möchte. Und so mancher Einstieg scheiterte, weil er dies nicht wollte. Sie hätte ja daheim genug zu tun, warum will sie jetzt wieder in den Beruf zurück? Das bringt doch nur die Familie durcheinander! Mancher dieser Frauen redeten ihre Partner sogar Minderwertigkeitsgefühle ein: “Wer will dich schon nehmen! Du kannst ja eh nix mehr, weil du solange vom Beruf weg bist!” Diese Frauen saßen oft zwischen zwei Sesseln: Familie und Mann oder Selbstbestimmung und Beruf. Ein Dazwischen gab es da kaum.

Wahrnehmungswechsel Mann-Frau. Doch gerade auf dieses Dazwischen scheint es anzukommen. Und auch Frauen(-organisationen) dürfen einmal überlegen, welche Art von Beruf Frau ausübt. Gut, da wird von “Girls crack IT” gesprochen und von “Mädchen ab in technische Berufe”. Sollte man nicht lieber überlegen, welche Talente Frauen in ein Berufsleben mitbringen, und genau diese Branchen dann fördern, der Männerwelt am Arbeitsmarkt bewusst machen? Doch genau das passiert kaum. Da will man Frauen höher qualifizieren, indem man sie die Fließbandarbeit in einem Metall verarbeitenden Betrieb lehrt. Doch gerade Frauen würden sich im Krisenmanagement von großen Betrieben, bei Mediation und Intervention in Sachen Personalmanagement und den unzähligen Jobs eignen, wo es auf Kommunikation und Vermittlung ankommt. Jedes Unternehmen benötigt derartige Fachkenntnisse. Was spricht also dagegen, solche Jobs zu promoten und damit Lobbyismus für Frauen im Beruf zu machen. Aber da müsste man die Strategie ändern, und ein wenig über Kinderbetreuung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie hinaus denken.

Talente statt gleiche Jobs. Auch die Sache mit den Vorstandsposten und Führungspositionen in Unternehmen darf überdacht werden. Ist nämlich Mann nicht bereit, Frau dabei zu unterstützen, eine solche Karriere zu machen, mit allem Drumherum, dann wird Frau das auch nie umsetzen können. Was kommt da auf so einen Mann zu? Na genau das, was Frauen mit solchen Männern erleben. Sie ist im Grunde nie daheim, arbeitet und hält Besprechungen rund um die Uhr, und er schaukelt das Umfeld und bügelt ihr die Krägen der Blusen. Wie sich so ein Job mit Kindern vereinbaren lässt, stellt eine derartige Beziehung schwer auf die Probe. Generell müsste Mann den Machtanspruch solcher Positionen völlig aufgeben, ohne sich selbst damit zu kastrieren. Und Frau taucht in eine Welt ein, die sie mit Männermethoden erobern muss um zu bestehen. Ist es dann nicht praxisbezogener, die Talente von Frauen im Beruf neu zu definieren und daraus ein neues Selbstbewusstsein für Frau im Beruf zu schaffen?

Frauenlobby statt Gender Mainstreaming. Dass wir heute weiter von der Gleichbehandlung entfernt sind als Anfang der 80er Jahre mag irritieren. Schließlich hatte man Gender Mainstreaming eingeführt und an Universitäten werden Lehrbeauftragte danach evaluiert, ob sie wohl die männliche und weibliche Form in ihrem Unterricht verwenden. Also ob es auf die sprachliche Form drauf ankäme. Die alleinige Verwendung eines Wortes ohne Verhaltens- und Bewusstseinsänderung mag an der Frauen- und Männerdebatte nur wenig ändern. Auch der Feminismus und die Emanzipation darf überdacht werden. Es gilt nicht aus Männern Frauen zu machen und aus Frauen ordentliche Männer. Was die Gesellschaft braucht ist ein Öffnen für die unterschiedlichen Talente und ein Bewusstsein mit Respekt und Wertschätzung für die Stärken des jeweilig anderen. Nicht das Gleichmachen steht im Vordergrund, sondern gerade der Unterschied, der als wertvolle Ergänzung gesehen werden darf. Dann erübrigt sich auch die Gehaltsdebatte, weil Frauen genau das Verdienen, was sie Wert sind. Dafür darf endlich Wertigkeit für die Talente der berufstätigen Frau geschaffen werden. Schließlich sagt schon Khalil Gibran im Prophet über die Ehe, wobei das Miteinander von Frau und Mann in der Gesellschaft durchaus als “Ehe” gesehen werden kann:

Ihr wurdet zusammen geboren, und ihr werdet auf immer zusammen sein. [...] Aber lasst Raum zwischen euch. Und lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen. Liebt einander, aber macht die Liebe nicht zur Fessel: Laßt sie eher ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer Seelen sein. Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher. Gebt einander von eurem Brot, aber eßt nicht vom selben Leib. Singt und tanzt zusammen und seid fröhlich, aber laßt jeden von euch allein sein,…

AMW

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Kategorie: Gesellschaft · Neues aus Österreich · Politik · Wirtschaft

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