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Die Wahrheit des Wortes

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Steirische Gallier kämpfen für ihre Chirurgie

26. Januar 2009

Der ländliche Raum ist das Sorgenkind so mancher Politiker und Entscheidungsträger in Österreich. Da schrumpft die Infrastruktur, der öffentliche Verkehr ist auch nicht gerade das Gelbe vom Ei und die Arbeitsplätze für Hochqualifizierte und Akademiker darf man mit der Lupe suchen. “Mehrere Benachteiligungen des ländlichen Raums sind jedoch nicht systembedingt…, sondern wurden durch nicht adäquate Planungskonzepte, überholte Leitbilder und Fehlentscheidungen von Politikern, Planern und Wissenschaftlern verursacht und könnten also auch wieder rückgängig gemacht werden.”

Angesichts der drohenden Schließung der Chirurgie am LKH Bad Aussee recherchierten wir nach, was der Grund für derartige Sparmaßnahmen sein kann. Das obige Zitat findet sich im 2008 neu erschienenen Lehrbuch für Humangeographie. Peter Meusburger, Geograph an der Universität Heidelberg, beleuchtet in einem Kommentar die infrastrukturelle Ausdünnung des ländlichen Raums. Gleichzeitig wollten wir wissen, welche Gründe für ein medizinisches Zentrum sprechen. Denn darum geht es in Bad Aussee. Die Chirurgie hat zuwenig Fallzahlen und damit lässt sich die Wirtschaftlichkeit eines kleinen Krankenhauses kaum aufrecht erhalten. Aus unternehmerischer Sicht ist der Trend heute zum medizinischen Zentrum eine Notwendigkeit. Die Ambulanz ist der hohe Kostenfaktor und muss unbedingt an das Stationäre Angebot angepasst werden. Ist dies nicht der Fall, schließt man die kostenintensiven Angebot oder lagert sie im Shop-in-Shop-System einfach aus. Damit werden so genannte Behandlungsketten geschaffen, die dem Unternehmen Krankenhaus ein Folgegeschäft gewährleisten sollen. Wo der Patient dabei bleibt? Der wird dann erst für den Einweiser (Notarzt, Hausarzt,…) interessant, wenn man weiß, wohin mit ihm. So stellen es sich auch die KAGes und die betriebswirtschaftliche Leitung des LKH Bad Aussee vor. Das Resultat ist die Schließung der Chirurgie bei gleichzeitigem Neubau des LKH und Erhaltung einer medizinischen Notfallversorgung. Einen Operationssaal sehen diese Pläne nicht vor. Die Gehirnerschütterung oder Platzwunde kann behandelt werden – so die KAGes in ihrem offenen Brief an die Ausseer Bevölkerung von der letzten Woche – operiert wird aber in Zukunft im LKH Rottenmann. Dieses liegt mindestens 45 Minuten Fahrzeit von Bad Aussee entfernt. Mit dem Hubschrauber geht es schneller, deshalb soll das neue LKH in Bad Aussee auch einen eigenen Helikopterlandeplatz erhalten.

Um das zusätzliche Angebot, sprich eine Behandlungskette, zu ermöglichen, will man seitens der KAGes eine Augenklinik und eine Palliativ- und Hospizbegleitung einrichten. Und genau das regt die Ausseer auf. Sie fuhren am 19.01.2009 nach Graz zu ihrem Landeshauptmann und demonstrierten dagegen. Augenzeugen berichten, dass die Landesregierung gewarnt war. Die 700 wütenden Ausseer standen vor verschlossener Eisentür der Burg in Graz, und Polizei sicherte den Zugang. Am gestrigen Samstag kam es deswegen zu einer Großkundgebung in Bad Aussee im Kurhaus. Der KAGes-Vorstand stellte sich mit Landesrat Hirt der Ausseer Bevölkerung zu einer offenen Debatte um die Schließung der Chirurgie – das Kurhaus war zum Bersten voll, über 500 Personen waren anwesend und die Debatte wurde via Videowall in den Kurpark übertragen.

Was ist da los in diesem Ausseerland? Aus rein topografischer Sicht nimmt das Ausseer Becken eine Sonderstellung ein. Es ist abgeschlossen und profitiert niederschlagsmäßig von den Nordstaulagen. Deshalb gehört es zu den schneesichersten Beckenlagen Österreichs. Wintersport im Skiressort und auch Klettern im Sommer gehören zum touristischen Basisangebot der Region. Das Amt der Steiermärkischen Landesregierung  bezeichnet auf seinem Umweltinformationsserver nur den Herbst als witterungsmäßig günstigste Zeit im Jahr: wenig Niederschlag, viel Sonne. Im Ausseerland Wohnende werden bestätigen, dass es im Winter immer wieder zu mehrtägigen Sperren wegen Lawinengefahr und Schneechaos der Hauptverkehrsrouten kommt: der Pötschen ist zu, man kommt nicht in die Chirurgie nach Bad Ischl, und die Klachau ist auch zu, man kommt nicht hinaus nach Rottenmann oder Schladming. Wenn es hier schneit, dann ordentlich. Das hat auch dazu geführt, dass die Lawinengalerie am Grimming (Klachau) verlängert werden musste. Die Straße war laufend blockiert, und man kam nicht mehr hinein, ins Ausseer Becken. Ob diese Verlängerung reichen wird, wird die Zukunft zeigen, denn die neue Galerie ist erst 2008 fertig gestellt worden. Vergleicht man die Niederschlagsdaten so hat man schon im rund 30 km entfernten Aigen/Ennstal nur mehr 63 % der mittleren Jahresniederschläge des Ausseerlandes. Außerdem kommt dazu, dass der gesamte Bezirk Liezen, zu dem das Ausseerland zählt, die Fläche des Bundeslandes Vorarlberg hat. Wobei nur ein Drittel dieser Fläche Dauersiedlungsraum ist. Übersetzt heißt das: viel Platz, weite Wege, wenig Einwohner – hier liegt man unter dem Österreichniveau von 99 Ew./km². Das Ausseerland ist ein Tal und hat nur eine Verbindung ins Ennstal und eine andere über den Pötschen nach Bad Goisern/Ischl (B145). Eine “Einkaufsfahrt” nach Liezen ist ein 100 km Ausflug. Derartige Entfernungen kann man mit skandinavischen Verhältnissen vergleichen. Diese topografischen und meteorologischen Rahmenbedingungen verursachen eine Sonderstellung des Ausseerlandes. “Jeder weiß, dass der Heli bei Schlechtwetter nicht fliegen kann!”, so ein aufgebrachter Bürger gestern im Kurhaus.

Weiters leben in diesem Ausseer und Bad Mitterndorfer Becken (Ausseerland) rd. 11700 Einwohner mit Hauptwohnsitz. Die Region hat Zweitwohnsitzrate von ca. 50 %, sodass zumindest in den Hauptferienzeiten rd. 22 000 Menschen exklusiver der touristischen Nächtigungen vor Ort sind. Und da sind wir jetzt beim Eingangs erwähnten Zitat angelangt. Fehlentscheidungen der Vergangenheit rächen sich: die Region ist LEADER-Region und zählt damit zu den strukturschwachen ländlichen Regionen. Was man aus geographischer Sicht darunter versteht ist: geringes Angebot an Arbeitsplätzen für Fachkräfte, geringe ökonomische Entwicklungsdynamik und Bevölkerungsdichte, niedriges Lohnniveau, Rückgang der Einwohnerzahlen, Verlust von Infrastruktur,… alles nachzulesen bei Meusburger. Der Verlust der Chirurgie würde die Ausdünnung der medizinischen Infrastruktur nur noch beschleunigen, so das Forum Pro LKH Bad Aussee.

Das LKH Bad Aussee hat sich in der Vergangenheit mit seinen kompetenten Chirurgen einen guten Namen gemacht: besonders Hüftoperationen hatten einen guten Ruf. Diese wurden dann seitens der KAGes stillgelegt, und “rund 300 Operationen fehlen heute”, so Dr. Petritsch von Altaussee. Das ist genau die Anzahl, welche für einen Erhalt der Chirurgie fehlt. Auch jetzt erst bekommt das Spital ein CT-Gerät, was zum gängigen Standard eines Krankenhauses gehört, und gestern von LR Hirt bestätigt wurde. Zu Hirt haben wir ebenfalls nachgefragt.  Sein Lebenslauf auf der Webseite seiner Dienststelle gibt darüber Auskunft, dass er “in seinem früheren Leben” Sicherheitswachebeamter und Kripo-Leiter in Leoben war. Sprich: ein Ex-Polizist wurde Gesundheitslandesrat und ist “Voves-Vertrauter” – so der ORF am 24.10.2005 nach Amtsantritt des LR Mag. Hirt. Der Landesrat und Jurist mit Kripo-Vergangenheit bezeichnete den Sprecher, Bankdirektor Herbert Angerer, des Forum pro LKH Bad Aussee als nicht kompetent genug um über den Fortbestand der Chirurgie entscheiden zu können. Und genau das erhitzte das Gemüt der vielen Bürgerinnen und Bürger des Ausseerlandes gestern Abend im Kurhaus.

Wie geht es weiter? LR Hirt will nochmals diskutieren, und gibt die Debatte an den Landtag weiter. Und die Ausseer wollen weiter machen – ihr LKH mit Chirurgie steht auf dem Spiel. Schließlich liegt ein Regierungsbeschluss für den Fortbestand der Chirurgie am LKH Bad Aussee aus dem Jahr 2005 vor. Und auf dessen Einhaltung pocht das Ausseerland mit Angerer. Man will statt einer von der KAGes wirtschaftlich sinnvollen medizinischen Versorgung für eine bedarfsorientierte Versorgung der Region kämpfen.

AMW

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Kategorie: Gesellschaft · Neues aus Österreich · Politik · Wirtschaft

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