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Die Wahrheit des Wortes

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Sorgenkind ländlicher Raum

6. November 2008

Landleben hat für viele Städter etwas mit Idylle und Romantik zu tun. Grüne Wiese, gesunde Luft, klares Wasser, Biolandwirtschaft, Erholung – das ist das wahre Leben. Blicken wir hinter die Kulissen, dann legt man schnell mal die rosarote Brille ab. Landleben, das ist Abwanderung, touristischer Ausverkauf, Teilzeitarbeit und Pendeln.

In Österreich wächst die Bevölkerung in den Städten, doch am Land nimmt sie ab. Für die nächsten 20 Jahre wird die Zahl der ÖsterreicherInnen auf über 9 Millionen geschätzt. Doch im ländlichen Raum merkt man nicht viel davon. Dieser gilt zumeist als “Strukturschwache Region” und ist der Nutznießer von LEADER+ und anderen EU-Förderkulissen. Prämisse dieser Förderschienen ist, vor allem dem landwirtschaftlichen und dem gewerblichen Bereich im ländlichen Raum zu helfen. Die Hilfe soll in Form von Projekten die Regionen entwickeln und wohl auch retten.

Blickt man hinter die (Förder-)Kulisse, dann findet sich oftmals wenig Wertschöpfung nach Jahren der Regionalentwicklung. “Wenn LEADER-Geld für den Bau einer Almhütte verwendet wird, kann das nur eine Geldbeschaffungsaktion für das Management sein.”, so Herbert Gasperl, Gemeindeamtsleiter in  Grundlsee im Steirischen Salzkammergut. Und es ist verwunderlich, wenn von den vielen Tausenden Euros wenig Wertschöpfung in der Region bleibt. Da wird zum Beispiel in besagter Region ein Fünf-Sterne-Hotel errichtet und der Betreiber des Hotels ist eine deutsche Hotelkette. Das Personal am Gast ist deutsches Personal. Das Personal “hinter dem Gast”, also das sogenannte housekeeping, ist einheimisches Personal. Fragt man nach, werden für eine 60 Stunden Woche mit besten Fachqualifikationen und geforderten drei Fremdsprachen satte 1000,00 Euro monatlich bezahlt. Und da spielt kein Einheimischer mehr mit. Der geht lieber in den Backstage Bereich des housekeepings auf Teilzeit. Denn dort lassen sich Arbeitszeit und Bezahlung noch vernünftig kalkulieren. Der Bau des Hotels hat also für einheimische Arbeitsplätze wenig gebracht. Auch die Psychosomatische Klinik war ein solches Regionalentwicklungsprojekt bzw. wurde der Bevölkerung im Rahmen von Entwicklungsmaßnahmen als solches verkauft, wartet bis heute auf das versprochene neue Thermalbad. Das fällt nämlich jetzt ins buchstäbliche Wasser, weil für die Finanzierung nur noch Fantasiezahlen vorgelegt werden. Übrigens, die besagte Region leistet sich ein eigenes LEADER- und Regionalmanagement mit hochbezahlten auswärtigen Spezialisten.

Das Aichfeld, mitten im Herzen der Steiermark, war lange Zeit eine Region der Industrie und der Metall verarbeitenden Betriebe. Auch dort setzte nach dem Beitritt Österreichs zur EU die Regionalentwicklung an. Das Aichfeld gilt ebenfalls als strukturschwache Region. Evaluiert man heute nach und fragt nach den Resultaten der vielen Entwicklungsinitiativen, dann ist die Bilanz ernüchternd. Ein Privatunternehmen kümmert sich jetzt darum nach dem Grund des Bevölkerungsrückganges zu suchen. Trotz Bau (auch) einer Therme, einem zentralen Schulungszentrum für die berufliche Aus- und Weiterbildung mit Partnerbetrieben kämpft auch diese Kleinregion ums Überleben.

Anders ist es vielleicht in Niederösterreich. Da fuhr man vor rund zehn Jahren im Mostviertel noch von einem herabgekommenen und stark renovierungsbedürftigen Gehöft zum andern. Fährt man heute durchs Land, wurde aus so manchem alt hergebrachten Bauernhof ein Zuchtbetrieb für Pferde inklusive Reitsportangebote oder ein Biobetrieb mit Produkten der Genussregion. Und bei genauem Hinsehen erkennt man so manches Firmenschild eines innovativen Dienstleisters an den bestens renovierten Mauern der Gehöfte. Es geht also auch anders.

Mein Gesprächspartner, der Amtsleiter der Gemeinde Grundlsee im Salzkammergut sieht die Situation im ländlichen Raum kritisch. Qualifizierte Arbeitskräfte und auch AkademikerInnen wandern ab, finden keine oder nur wenig Arbeit. Die meisten Menschen wären hier mit Teilzeit und angelernten Arbeitstätigkeiten zufrieden. Hauptsache, man müsse nicht so weit pendeln. Akademiker jedoch pendeln aus dem Bezirk Liezen bis nach Linz aus. Der Bezirk hat übrigens die Fläche eines ganzen österreichischen Bundeslandes, nämlich Vorarlberg. Und darin liegt die Crux der ländlichen Entwicklung, wenn diese ausschließlich auf Arbeitsplätze in Landwirtschaft, Handwerk und Gewerbe und Tourismus fokussiert ist. Dienstleistung des Tertiär- und Quartärsektors fällt dann durch, genauso wie Jobs für Akademiker. Denn die würden sogar pendeln oder neue Technologien nützen um sich einmal im Monat die Arbeit vom Arbeitgeber in der Stadt zu holen. Doch über derartige Arbeitsmodelle wird kaum nachgedacht. Leider bedenkt man auch nicht, dass Produktion und touristische Dienstleistung äußerst Krisen anfällig ist. Der AutoCluster in Graz macht es uns vorher. Und Luxusangebote im Tourismus sind die ersten, die bei Rezessionslagen einen Rückgang verzeichnen. Und da wir es geschafft haben, vom Leben in der Stadt ein begehrenswertes Image zu kreiieren, richtet sich der Fokus der Jugend am Land in Richtung Stadt. Dort gibt es die guten Schulen und Ausbildungsmöglichkeiten, dort gibt es Fun und Events, dort gibt es Jobs, dort ist das Leben. Kein Wunder also, dass der ländliche Raum einer Entvölkerung ausgesetzt wird. Und nur jene bleiben, die den Gast aus der Stadt bedienen und am Parkplatz die Skifahrer einweisen. Da bleibt am Ende nur noch eine Feststellung: Felix Mitterers “Piefke Saga” nimmt immer mehr Form an.

AMW

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Neues aus Österreich · Politik · Wirtschaft

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