fairschreiben

Die Wahrheit des Wortes

fairschreiben header image 2

Rechts oder krank?

2. August 2011

In den verschiedensten Kontexten beschäftigt sich die Welt natürlich noch immer mit den grausamen Attentaten die vor gut anderthalb Wochen Norwegen erschütterten.  Am vorletzten Freitag hatte der 32 Jahre alte Norweger Anders B. unzählige Menschen mit einem Bombenattentat in der norwegischen Hauptstadt Oslo und anschließend den wesentlich größeren Anteil mit einem Maschinengewehr auf der Ferieninsel Utoya getötet, wo zu dieser Zeit ein Jugendcamp der sozialdemokratischen Partei von Ministerpräsident Jens Stoltenberg stattfand. Nachdem die etablierten Massenmedien kurz nachdem Attentat wild über einen Angriff radikaler Islamisten spekulierten, kristallisierte sich schon einige Stunden später heraus, dass man hier schlichtweg die Falschen beschuldigt hatte und es sich tatsächlich, um einen Angriff aus dem rechten Lager handelte, wobei letztendlich auch auf diesem Gebiet die Untersuchungen noch lange nicht abgeschlossen sind. Nun muss man sich gerade auch im Fall des grausamen Terroraktes von Norwegen fragen, ob der Täter wirklich ein ultrarechtsradikaler Extremist war oder einfach nur ein sehr kranker Mann. Sollte sich herausstellen, dass es ein Rechtsradikaler war und kein Kranker, würde dies natürlich Antworten auf viele Fragen wesentlich vereinfachen. Im anderen Fall würden sich ganz neue, noch tiefgreifendere Fragen und Probleme auftun.

Gibt es eine Radikalisierung in unserer Gesellschaft?
Spätestens seit 911 ist Radikalismus und Extremismus ein großes gesellschaftliches Hauptthema geworden.  Hier ging es bislang allerdings in den meisten Fällen darum diese Radikalisierung einer einzigen Religion zu zuschreiben und zwar dem Islam. Der Kampf der Kulturen war geboren. Nun gehören allerdings zu einem Kampf mindestens zwei Parteien und es scheint so, wenn man den Thesen zur Radikalisierung in der islamischen Welt glaubt, dass nun mit so etwas, wie der schrecklichen Bluttat von Anders B. ein Gegenpol ans Tageslicht getreten ist. Interessanterweise macht man diesen Gegenpol viel lieber an einer politischen Ausrichtung, als an einer religiösen fest. Denn Begriffe wie christlicher Fundamentalismus verschwanden im Kontext dieser Attentatsserie ganz schnell wieder von der Bildfläche, was natürlich schon erstaunt aber auch zeigt, dass es Kräfte in der westlichen Welt gibt, die sich schützend vor das Christentum stellen, während an anderer Stelle immer lustig und pauschal auf dem Islam herumgetrampelt wird. Ganz unabhängig davon, ob man nun von rechtsextrem motivierter Gewalt, Linksradikalismus, einer Fundamentalisierung des Christentums oder einer Radikalisierung des Islams sprechen mag, scheint es auf diesen Ebenen große gesellschaftliche Veränderungen zu geben. Wobei auch hier gilt, dass man zum Beispiel scheinbar nicht einmal im Ansatz auf die Idee gekommen ist, eine Stellungnahme von Papst Benedikt XVI. in diesem Kontext zu fordern. Im Blick auf Religion scheint in der doch so freien und unabhängigen westlichen Welt gerne mit verschiedenem Maß gemessen zu werden.

Viel spannender ist allerdings auch noch die Frage nach dem Grund dieser Veränderung in unserer Gesellschaft und vielleicht ist die Antwort leichter als man denkt. Denn etwa parallel zu dieser Veränderung, gab es auch noch eine Radikalisierung auf einer ganz anderen Ebene und zwar im Bereich der Wirtschaft. Denn mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem daran gekoppelten Untergang von Kommunismus und Sozialismus, wurde auch der Kapitalismus radikalisiert und der globalisierte Raubtierkapitalismus begann mit seinem Vormarsch. Nun fördert diese Form des Radikalismus vor allem die Armut und bringt somit Leid für die Völker dieser Welt. Man muss also ganz klar fragen, ob es hier einen klaren Kontext zwischen der Ausbreitung von religiös bzw. politisch motivierter Gewalt und einer ökonomischen Radikalisierung gibt und man darf wohl annehmen, dass dem genauso ist. Viele Menschen in der heutigen Zeit haben Angst, dies gilt natürlich auch für Deutschland. Da aber hier zum Beispiel das politischen Berlin nicht Willens ist oder vielleicht auch nicht fähig ist, diese Ängste zu beseitigen, bleibt der Bürger damit am Ende des Tages ganz alleine, denn auch Institutionen, wie die Kirchen haben scheinbar schon lange keine angemessenen Antworten mehr, auf die Fragen, die in diesem Kontext aufkommen. Manche Menschen resignieren, andere tun im Rahmen dessen was ein Rechtsstaat zulässt, alles um diese Probleme zu lösen und dann bleibt natürlich der Rest, der sich dann, durch wen auch immer, radikalisieren lässt. Die hieraus resultierenden Folgen können natürlich dann auch völlig eskalieren, wie die geschilderten Vorfälle aus Norwegen zeigen. Der Vorteil ist, dass man leicht erkennen kann, wie dieses Problem zu bekämpfen ist.

Ablenkungsmanöver der Politik?
Man fragt sich bei vielen politischen Diskussionen und auch Entscheidung in Deutschland, ob es Ablenkungsmanöver sind oder es tatsächlich weitere Beweise politischer Inkompetenz sind. So stellt es sich im Moment auch wieder dar. Denn im Kontext des Massakers von Norwegen, fordern nun die linksorientierten Parteien in Deutschland eine härtere Gangart gegen Rechtsextremismus und dies obwohl es wohl keinen Zusammenhang auf dieser Ebene nach Norwegen gab. Es scheint aber so, als hätte man kein Problem damit auf dem Rücken der norwegischen Opfer die Innenpolitik anzuheizen, während man dem politischen Gegner genau dies vorwirft. Denn die konservativen Parteien versuchen natürlich auch in diesem Kontext einmal mehr weiter an ihren Fantasien eines Überwachungsstaates zu basteln, was gewissermaßen auch einen Sinn macht. Sollte man den angesprochenen Wirtschaftskurs im Land nicht verändern, wird sich die Krankheit der Radikalisierung in der Gesellschaft immer weiter fortsetzen und mit den Folgen müsste der Staat dann auch irgendwie umgehen und da käme ihm natürlich die totale Überwachung sehr entgegen. Denn zu mindestens ein Teil der Menschen im Land bringt nach den grausamen Bildern aus Norwegen, ein gewisses Grundverständnis für die nun wieder aufkeimenden Diskussionen, zum Beispiel im Bereich der Vorratsdatenspeicherung, auf und so kann man natürlich auch ohne klaren Bezug versuchen hier Dinge durchzusetzen, um dessen Chancen es sonst schlecht bestellt gewesen wäre. Alles in allem scheint hier aber niemand auf das eigentliche Problem eingehen zu wollen und dies gilt über die Parteigrenzen hinweg.

Gerade wenn man vom Überwachungsstaat Deutschland spricht, was noch immer viel zu selten der Fall ist, fragt man sich manchmal wirklich, ob die Stasi aus der DDR in einer anderen Form nicht längst in Deutschland fortgesetzt wird. In Sachsen wurden zuletzt erst über 40.000 Handydaten, wie zum Beispiel Rufnummer etc., polizeilich abgesaugt und gespeichert und man fragte sich in diesem Kontext doch auch schon, ob der Fall der Mauer in Sachsen wirklich schon angekommen ist oder noch immer die Erben von Erich Honecker am Werke sind. Hier sieht man wahrhaftige und aktuelle Probleme, die es zu bekämpfen gilt und dazu muss man gar nicht erst in den Norden dieses Kontinents blicken. Die Gesellschaft ist krank und dies ist kein neuer Ansatz und es dürfte wohl auch jeder begriffen haben. Nun stellt sich einfach nur die Frage, wann man es für angemessen hält gegen diese Art der gesellschaftlichen Grunderkrankung vorzugehen und damit ist nichts von dem gemeint, was deutsche Politiker in den letzten Tagen alles versuchten auf die Agenda zu setzen. Hier ging es einfach nur einmal mehr, um die verschiedensten Arten der Symptombekämpfung. All dies soll keinerlei Rechtfertigung der schrecklichen Taten von Norwegen darstellen, denn daran gibt es nichts zu rechtfertigen. Es soll allerdings eine klare Mahnung an die Politik sein, sich endlich mit dem Kern der Sache auseinander zusetzen, so lange dies ausbleibt, wird es immer wieder blutige Attentate, aus welcher politischen oder religiösen Richtung auch immer her, geben und man sollte sich einfach Norwegen vor Augen halten um zu verstehen, warum es dies zu vermeiden gilt. Es ist wichtig diese Grunderkrankung zu erkennen und dann zu bekämpfen, bevor man mit den immer gleichen Parolen auch weiterhin nur Symptome bekämpft und selbst damit seine Schwierigkeiten hat, wie die aktuellen Entwicklungen im Fall von Norwegen auch sehr deutlich zeigen.

Freude teilen: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • email
  • Facebook
  • Fark
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • LinkedIn
  • Twitter


Kategorie: Ein Kommentar zur Woche · Europa · Gesellschaft · Kultur · Medien · Politik · Wirtschaft

Bis jetzt ohne Kommentar ↓

  • Bisher noch ohne Kommentar - Fang an und sag Deine Meinung

Schreib was dazu