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Die Wahrheit des Wortes

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Noch mehr Heuchelei?

10. Dezember 2010

Leider müssen wir die Woche mit den schlechten Nachrichten beenden, mit denen wir diese auch schon begonnen hatten. Es geht noch einmal um den 23 Jahre alten Samuel Koch, welcher fast  genau vor einer Woche in der ZDF-Fernsehshow `Wetten dass…?` so schwer verunglückt ist. Zwar ist er mittlerweile aus dem künstlichen Koma erwacht, was natürlich eine positive Nachricht ist, allerdings scheinen Arme und Beine auf Grund einer sehr schweren Verletzung der Halswirbelsäule gelähmt zu sein und dies könnte auch so bleiben. Wie sich sein Zustand weiterentwickeln wird, wollten die behandelnden Ärzte der Uniklinik Düsseldorf in dieser Woche noch nicht abschließend beurteilen und wollen sich erst in der nächsten Woche weitgehend dazu äußern, was bei der Komplexibilität einer solchen Verletzung auch nur sinnvoll erscheint. So wichtig natürlich die gesundheitlichen Aspekte im Kontext dieser Tragödie auch sein mögen, so wichtig bleibt auch die Frage danach, wie es überhaupt zu diesem Unfall kommen konnte und wer, vor allem hinsichtlich ethisch und moralischer Aspekte, hier die Verantwortung trägt.

Der Profi Thomas Gottschalk
Es steht fest, dass es sich bei dem was sich am Samstagabend bei `Wetten dass…?` live vor einem Millionen-Publikum abgespielt hat, schlicht und ergreifend um einen schrecklichen Unfall gehandelt hat und so makaber dies in diesem Zusammenhang auch klingen mag, passieren Unfälle nun einmal, auch das ist ein Fakt. Trotzdem sollte man voraussetzen, dass gerade auch das deutsche Staatsfernsehen und so sollte man gebührenfinanzierte, öffentlich-rechtliche Sender, wie zum Beispiel auch das ZDF, ruhig auch benennen dürfen, genau aus diesem Grund natürlich einem sehr hohen Maß an Ethik und Moral verpflichtet ist. Genau an dieser Stelle kommen im Fall Samuel Koch natürlich Fragen auf. Es ist wohl auszuschließen, dass irgendwer die schweren Verletzungen oder gar den Tod des Wettkandidaten im Sinne hoher Einschaltquoten direkt in Kauf genommen hätte aber feststeht auch, dass das allgemeine Risiko einer solchen Wette allen Beteiligten, also allen Verantwortlichen beim ZDF und natürlich auch dem Moderator und Entertainer Thomas Gottschalk bekannt gewesen sein dürfte.

Nun ist es so, dass `Wetten dass…?`, dass eine Loveparade über Jahrzehnte gut gehen und dies auch bei einem recht hohen Risiko, welches man jedes Mal erneut in Kauf nimmt aber irgendwann kommen so verhängnisvolle Tage, wie es im Fall des ZDF, der letzte Samstag war. Es soll auch gar nicht bezweifelt werden, dass viele Menschen durch die Tragödie, die sich hier abspielte, wirklich geschockt waren aber man muss auch sehen, dass wir hier von Märkten und Rentabilitäten sprechen und beides ist bei der erfolgreichsten ZDF-Show wohl auch der Fall. Das traurige ist nur, dass Menschen die in diesem Bereich die Verantwortung tragen oder die Aufgabe haben dies nach außen zu kommunizieren, den Mut nicht aufbringen, dies auch klar und deutlich nach außen zu kommunizieren. Der Fall Koch wird in ein paar Tagen bis Wochen aus dem Fokus der Medien verschwunden sein und dann geht das Leben auch dort unbeschwert weiter und die meisten Menschen werden vergessen haben, welche Tragödie sich dort abgespielt hat. Auch dies mag jetzt makaber klingen, aber auch das Leben im deutschen Fernsehen wird relativ unbeeindruckt von diesem Unfall weitergehen, was auch für einen Profi wie Thomas Gottschalk gelten wird.

Der Selbstmord von Robert Enke
Wer nun meint, dass es sich hierbei um eine zu kritische Einschätzung der Situation bzw. Beurteilung der deutschen Fernsehlandschaft geht, sei an den Fall des Keepers von Hannover 96, Robert Enke, erinnert, dessen Selbstmord sich erst vor einigen Wochen zum ersten Mal jährte. Man sollte sich eigentlich schon daran erinnern, welche Versprechen alle gemacht wurden, wie viel man auch in der Berichterstattung ändern wollte und das dieser ewige Leistungsdruck, das Streben nach immer mehr, eingedämmt werden müsse. Viel von alldem ist über ein Jahr nach seinem tragischen Tod nicht geblieben. In sofern kann man zu mindestens in diesem Kontext schon einmal von einem hohen Maß an Heuchelei sprechen. Nun stellt es sich natürlich bei der Tragödie des Samuel Kochs noch einmal etwas anders dar aber auch hier bleibt die Frage nach der Heuchelei, die auch abschließend natürlich noch nicht einmal im Ansatz zu diesem Zeitpunkt geklärt werden kann. Thomas Gottschalk in jedem Fall führt sein normales Programm trotz des tiefen Schocks, den er wohl hat, fort. Auch dies spricht natürlich in erster Linie für ein hohes Maß an Professionalität, wirft aber natürlich auch wieder weitere Fragen auf.

Höher, schneller und weiter, scheint eine der Maxime unserer Zeit zu sein und dies gilt wohl für den Bereich des Sports, genauso wie für die Unterhaltungsbranche und alle genießen es, bis ein Tag, wie der letzte Samstag kommt. So lange solche Tage nicht zu einem Umdenken führen und dies gilt für die Konsumenten, genauso wie für die Veranstalter und sonstigen Verantwortlichen, wird sich dieser Kreis immer schneller bewegen und immer mehr Opfer mit in die Tiefe reißen. Es gibt die Möglichkeit der Veränderung natürlich auch in diesem Kontext, allerdings beinhaltet diese auch immer das Risiko finanzieller Einbußen und genau hier endet der Änderungswille scheinbar recht schnell. Genau hier setzt natürlich die Frage danach ein, wie viel Heuchelei bei all den Mitleidbekundungen und Änderungsplänen mit an Bord sind. Im Fall von Robert Enke kann man diese Frage letztendlich wohl schon abschließend beurteilen und von einem sehr hohen Maß an Heuchelei sprechen. Wie es sich im Fall Samuel Koch entwickelt, wird man jetzt recht schnell erkennen können und es ist wohl leider davon auszugehen, dass es hier nicht sonderlich anders ausschaut, was natürlich für alle Verantwortlichen sehr beschämend wäre.

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Kategorie: Ein Kommentar zur Woche · Gesellschaft · Kultur · Medien · Sport

Bis jetzt 1 Kommentar ↓

  • 1 Andreas Hahn // 10. Dez 2010 at 06:18

    Es ist richtig: der ständig wachsende Konsum, die sogenannte Leistungssteigerung, steht im Mittelpunkt des täglichen Geschehens. Dabei gäbe es Alternativen, die z.B. früher von den Indianern geübt wurden. Da ging es nämlich um Tugenden wie Geduld, Standhaftigkeit und Aushalten von Schmerz, alles Dinge, die man zum Überleben brauchte. Dagegen ist ein Sprung über ein fahrendes Auto genauso nutzbringend, wie ein Kohlefaserrennrad. Wir sollen mit diesem Ego/Schrott von der Frage abgelenkt werden, welcher Sinn hinter den Dingen steckt. Eine Übung der Indianer war z.B. ein an einer Fadenschlaufe hängendes Gewicht auf die Ohrmuschel zu hängen und zu sehen, wer das am längsten aushalten kann. Kost fast nix, kann nix bei passieren und stählt den Willen.

    Ein anderer Aspekt ist aber ebenfalls sehr wichtig, und der wird hinter dem “Mitleid” total kaschiert: dieser Mensch hat nicht nur etwas völlig Nutzloses betrieben, nein er verursacht enorme Kosten für das Gesundheitssystem. Das bedeutet, dass die Masse der Menschen, die heute schon aufgrund der sogenannten “Kostensteigerung” im Gesundheitswesen auf immer mehr Leistungen verzichten muss, indirekt immer mehr abgeknöpft bekommen, weil das “System” die Idiotie von Rauchern, Fressern, Säufern und auch solchen “Akrobaten” der allgemeinheit auferlegt. Das ist absolut kongruent damit, dass diese Allgemeinheit auch die Milliardenkosten für einige egodurchgeknalte Manager und Finanzhaie tragen muss. Das ist aber n gewaltiger Fortschritt, oder?

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