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Die Wahrheit des Wortes

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Noch immer kein Krieg in Afghanistan?

7. September 2009

Fast genau 70 Jahre nachdem Deutschland Polen angegriffen hat und damit den Zweiten Weltkrieg begann, ist man dieser Tage doch sehr bemüht zu betonen, dass Deutschland sich im Moment nicht im Krieg befindet. Gemeint ist der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Allerdings wird es mit jedem Tag, den dieser Einsatz länger andauert, komplizierter Wörter dafür zu finden, was am Hindukusch eigentlich tatsächlich passiert. Noch schwerer dürfte dies seitdem Bombardement vom Ende letzter Woche werden, bei dem unzählige Menschen starben. Natürlich ist man von Seiten der Internationalen Schutztruppe ISAF bemüht zu erklären, dass es sich bei den Todesopfern um Kämpfer der Taliban handelt und natürlich ist man bemüht von anderer Seite her zu betonen, dass es auch Opfer unter der Zivilbevölkerung gibt. Fakt bleibt, dass sich dort die Dimensionen immer weiter zum Negativen verändern und es keine nachhaltige Aussage dazu gibt, wie man gedenkt damit umzugehen und natürlich gilt dies erst recht so kurz vor den Bundestagswahlen.

Was bedeutet schon Krieg?

Gerade auch der Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU), versucht immer wieder zu erklären, dass das was wir in Afghanistan erleben, kein Krieg sei. Bombende Kampfjets, stundenlange Stellungskämpfe, der Einsatz von Panzern und all dies ist kein Krieg. Nehmen wir dies an dieser Stelle erst einmal so hin und halten damit auch einen spannenden Fakt für den in Deutschland stattfindenden Wahlkampf fest. Es wird laut diskutiert, ob man der SPD wirklich Glauben schenken kann, dass sie nicht bereit ist, wenn die Möglichkeiten es am Wahltag hergeben würde, mit der Linken zu koalieren. Aber auch von Seiten der Linken schließt man diese Koalitionsform kategorisch aus, unter anderem weil man gegen Krieg sei, wie es Oskar Lafontaine (Die Linke) gebetsmühlenartig, wo er nur kann wiederholt. Genau an dieser Stelle wird es sehr spannend, denn hier könnte sich ein Schlupfloch für Lafontaine (Die Linke) und sein Gefolge auftun. Denn, wenn man Wählern etwas von Krieg erzählt, denken diese natürlich als erstes an den Bundeswehreinsatz in Afghanistan aber dies ist, wie beschrieben, nun einmal angeblich kein Krieg. Diesem Weg folgend, wenn man es inhaltlich ganz genau betrachtet, könnte Die Linke im Notfall einer Koalition mit der SPD auf Bundesebene doch zustimmen und das ganz ohne einen Wortbruch zu begehen.

Aber zurück an den Ort des Geschehens, zurück nach Afghanistan. Hier wurden am Freitag nördlich vom Stützpunkt der Bundeswehr in Kundus zwei Trucks voll mit Treibstoff an einem illegal errichteten Checkpoint entführt. Mit diesen Trucks steuerte man dann wohl auf das Bundeswehrlager in Kundus zu, um hier angeblich ein Selbstmordattentat zu begehen. Natürlich gab es ein großes Interesse daran dieses Blutbad zu verhindern und deshalb forderte man auch direkt Luftunterstützung an, die diese Trucks gut 40 Minuten nach der Entführung mit jeweils einer 500-Pfund-Bombe von der Piste bombten. Scheinbar hatte man sich in einer Sandbank festgefahren, dies würde auch erklären, warum es bei nur zwei entführten Trucks, doch eine so erhebliche Anzahl an Todesopfern gab. Richtig ist in jedem Fall, dass die Bundeswehr auch hier in keiner für Krieg üblichen Art und Weise, wie man es bis vor einigen Jahren kannte und definierte, angegriffen werden sollte. Allerdings muss man sich auch vor Augen halten, dass die Motivation und auch die Art, wie man in der heutigen Zeit aggressives Verhalten in einem territorialen Kontext auslebt, eine völlig andere ist. Man sollte also aller schleunigst darüber nachdenken, ob die Definition des Begriffs Krieg nicht veraltert ist und an die heutigen Situationen angepasst werden muss. Vor allem wäre dies aber auch fair den Soldaten gegenüber, die sich in Afghanistan nach heutiger Lesart in einer kriegsähnlichen Situation befinden aber man diese Situation, dadurch das man den Begriff Krieg scheut, wie der Teufel das Weihwasser, doch auch sehr verharmlost.

Der Kanzlerkandidat und Afghanistan

Frank-Walter Steinmeier (SPD) der Bundesaußenminister und Kanzlerkandidat, hat natürlich noch einmal einen ganz besonderen Bezug im Sinne seine Amtes zu den Geschehnissen in Afghanistan. Er äußerte sich am Wochenende dahingehend, dass er meinte, Afghanistan sei so gefährlich wie Krieg. Da ist das Wort wieder, ohne den Einsatz als Krieg benannt zu haben. Man sieht einmal mehr, wie wichtig Rhetorik in diesen Tagen ist. Schön ist auch festzustellen, dass sich die Große Koalition in dieser Kriegsfrage, scheinbar doch sehr einig ist. Denn sowohl Jung (CDU), wie eben auch Steinmeier (SPD), sprechen nicht von Krieg. Immerhin sind diese Herren genau die Minister, die mit dem Bundeswehreinsatz am Hindukusch am meisten zu tun haben. Nachdem Bombardement auf die entführten Trucks, gab es natürlich auch schon erste Reaktionen von Seiten der Taliban, die auch wieder zu Verwundeten auf deutscher Seite führten. Wie weit dies alles noch gehen wird und ob es in Form von Attentaten, die sich nicht zwangsläufig nur auf Afghanistan beziehen müssen, noch größeren Einfluss auf die Bundestagswahlen haben wird, werden die nächsten gut drei Wochen zeigen. Denn die von Deutschland angeforderten Luftunterstützung könnte am Ende des Tages sogar auch für Angriffe der Taliban und ihrer Verbündeten in Deutschland sorgen. Dies wäre dann natürlich wieder eine Form des Terrors und kein Krieg.

Wir leben in einer globalisierten Welt und haben damit natürlich auch die Problem globalisiert, auch wenn dies viele Menschen noch immer nicht wahr haben möchten. In dieser neuen, aus rein wirtschaftlichen Interessen geschaffenen Welt, werden Kriege in der klassischen Form, also zwischen zwei oder mehreren Ländern, immer weiter verschwindet. Es wird immer mehr auch um gewaltsame, staatsunabhängige Durchsetzungen, nicht immer territorial gesehener, Interessen gehen. Da man es dann nicht mehr mit klassischen, einem Land zugehörigen Armeen zu tun hat, wird übrigens auch die Kriminalität eine immer wichtigere Rolle in der Kriegsfinanzierung spielen. Heute sprechen wir bei alldem noch von Terror und auch die Piraten im Golf von Aden unterstützen angeblich den Terrorismus und keinen Krieg. Man stellt aber mehr und mehr fest,  dass die Art wie der Feind vorgeht, einfach nicht mehr mit rein polizeilichen Mitteln zu bekämpfen ist, sondern mehr und mehr militärische Mittel gebraucht werden, womit all dies, gerade auch wenn man es in einem angemessen Kontext sieht, doch auch immer mehr die Züge eines Krieges hat, als das man von der reinen Bekämpfung krimineller Elemente reden könnte. Natürlich wird es bei den aktuellen Auseinandersetzungen, egal ob man sie als Terror oder Krieg definiert, auch immer komplizierter eine Trennlinie zwischen kämpfenden Personen und Zivilsten vorzunehmen. Natürlich erhält man in der Bevölkerung ein positiveres Feedback für Terrorbekämpfung, als für Krieg aber die Gesellschaft ist es auch satt ständig durch Wortspielereien getäuscht zu werden.

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Politik

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