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Die Wahrheit des Wortes

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Neues aus dem Land der Fußball-Kanzlerin

26. Juni 2008

Deutschland ist Europameister. Soviel steht heute in jedem Fall schon ein Mal fest. Denn selbst wenn Deutschland am Sonntag im Ernst-Happel-Stadion zu Wien gegen Spanien oder Russland verlieren sollte, darf man bestimmt wieder von den Europameistern der Herzen oder ähnlichem sprechen. Was allerdings heute zählt, sind erst ein Mal die Fakten des gestrigen, letzten EM-Spieltags in der Schweiz. Es spielte die Nationalmannschaft der Bundesrepublik Deutschland gegen die Nationalmannschaft der Türkei und wie der wohl bekannteste Edelfan und Kanzlerin der Republik, Angela Merkel (CDU), so schön William Shakespeare zitierte, `Ende gut, alles gut`. Man hatte über weite Teile der Vorberichterstattung, aber auch während und nachdem Spiel das Gefühl, dass es um viel mehr als nur um Fußball ging und dies beweist sich auch am Tag danach.

Die Medien

Aber beginnen wir mit der blamablen Leistung der Veranstalter. In der zweiten Spielhälfte bekamen wir schon ein Mal einen Vorgeschmack darauf, was Live-Berichterstattung in der Zukunft bedeuten könnte. Laut ZDF-Angaben kam es zu einem Stromausfall im Sendezentrum der UEFA in Wien, was weltweit zum Verlust der Fernsehbilder führte. Hier erhielten alle Zuschauer dann auch direkt den Beweis, dass die Schweiz nicht von dieser Welt ist, denn entgegen der eigenen Aussagen, zeigte das ZDF dann Bilder des Schweizer Fernsehens. Diese Bilder waren live in einer Form, wie man es sonst nur aus China kennt, immer ein paar Sekunden hinterher. Soll das der neue Weg werden? Live-Berichterstattung wie in China. Mit Spannung darf man diese Entwicklung im Auge behalten. Es ist mehr als erstaunlich zu sehen, dass die UEFA scheinbar noch nicht ein Mal in der Lage ist, anständiges Bildmaterial zur Verfügung zu stellen. Es ist allerdings auch erstaunlich, dass man sich auf Verträge mit der UEFA einlässt, die scheinbar kein eigenes Bildmaterial zulassen. Freie Berichterstattung muss man sich wohl anders vorstellen.

Sehr auffällig war aber auch wieder die Berichterstattung hinsichtlich der Ausschreitungen, die es wie erwartet auch bei diesem Spiel wieder gab. Wir sollen nur das Gute sehen, soviel ist schon klar. Man möchte das Sommermärchen, welches uns hier wieder aufgetischt werden soll, nicht durch Gewaltszenen verdüstern. Aber ist das ein Grund die Realität zu verschleiern? Die ARD berief sich auch am heutigen Morgen noch auf  Polizeierkenntnisse, die gerade Mal bis Mitternacht reichten und besagten, dass alles verhältnismäßig friedlich war. Dies ist natürlich ein Fakt, schließlich ist kein Krieg ausgebrochen und Menschen sind auch nicht gestorben. Irritierend ist dann nur, dass zum Beispiel der WDR-Moderator, der nach Spielende für ein WDR-Spezial von den Kölner Ringen berichtete, ganz augenscheinlich auf den Schutz von Bodyguards zurückgriff. Dies stand wohl in Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen, die schon während dem Spiel zwischen Hooligans und einer Hundertschaft der Polizei begonnen hatten. Aber das waren bei weitem nicht alle Fakten dieser Nacht, die uns irgendwie als die große Nacht der Völkerverständigung verkauft werden sollte.

Die Gewalt

Laut Aussagen des Nachrichtensender N24 gab es in Hamburg 15 Festnahmen bei Ausschreitungen und die gezeigten Bilder erinnerten doch schon an Straßenschlachten. Beim Nachrichtensender n-tv konnte man dann erfahren, dass die Stimmung in Chemnitz gereizt war, was auch immer man darunter verstehen mag. In Dresden gab es Angriffe auf drei Döner-Buden von denen eine völlig verwüstet wurde und zwei Menschen verletzt wurden. Bei einem Messerangriff eines Türken in der Hansestadt Bremen, wurde eine Person schwer verletzt und auch in Hannover gab es 20 Festnahmen. Selbst im Umfeld des Spielortes, dem St. Jakob-Park in Basel, der bislang eher nur durch die schlechte und augenscheinlich unprofessionelle Rasenqualität auffiel, gab es über 20 Festnahmen. Gut 300 Menschen mussten in Basel, im Zusammenhang mit dem Fußballspiel, ambulant und zum Teil auch stationär behandelt werden. Natürlich sind dies alles Zahlen, die im Verhältnis zu den hunderttausenden Fans minimal sind aber trotzdem ist es nicht korrekt, so zu tun als gäbe es all dies nicht.

`Ende gut, alles gut` ist die Losung des Tages, wie gesagt, ausgegeben von der Fußball-Kanzlerin Merkel (CDU) und gerade ihr kommt dies alles sehr entgegen. Deutschtürkische Verbrüderungen, Spieler mit Migrationshintergrund wie Miroslav Klose und Lukas Podolski, die man dann gerne als Leistungsträger der Nation hervorhebt. Das ist das Deutschland, wie man es haben will. Leider ist dies, wie so vieles in Deutschland, fern ab der Realität. Denn im kollektiven Freudenwahn gehen Fakten, wie zum Beispiel eine gescheiterte Integrationspolitik und auch Bildungspolitik gern ein Mal unter. Zum 60. Geburtstag der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland, zeichnet sich immer mehr ab, dass man schon ein Mal damit beginnen sollte, den Nachruf zu verfassen. Denn nicht zu letzt der aktuelle Armutsbericht hat bewiesen, wie schlecht es vielen Menschen in Deutschland geht. Über 10 Prozent leben in diesem Land in Armut, würde es keine staatlichen Sozialleistungen geben, wären es sogar 25 Prozent. Wir reden also von einer Größenordnung von 10 bis 20 Millionen Bürgen und die Sozialleistungen werden auch nicht besser. Dass Armut zu Frustration und diese oftmals zu Gewalt führt, ist hinlänglich bekannt und dieser Fakt hat sich auch gestern wieder ein Mal gezeigt.

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Medien · Politik · Sport · Wirtschaft

Bis jetzt 2 Kommentare ↓

  • 1 Neues vom Glöckner » Blog Archiv » Entmenscht // 26. Jun 2008 at 13:36

    [...] Igitt, Fußball! Igitt, Deutsche! Dümmste Anzunehmende Fußball-Fans Neues aus dem Land der Fußball-Kanzlerin [...]

  • 2 Thomas // 29. Jun 2008 at 12:03

    “Über 10 Prozent leben in diesem Land in Armut”
    Sie leben nicht in Armut, sie sind von Armut bedroht. Denn auch als Hartz-IV-ler ist man noch weit von wirklicher Armut entfernt.

    “würde es keine staatlichen Sozialleistungen geben, wären es sogar 25 Prozent”
    Das verstehe ich auch wieder nicht, warum das als negativ gesehen wird. Es zeigt doch, daß der Sozialstaat funktioniert. Und lustigerweise wird gerade mit Blick auf diese Tatsache nach mehr Sozialleistungen gerufen…

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