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Die Wahrheit des Wortes

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München und der Verlust des Wintermärchens

8. Juli 2011

Am Mittwoch stand die große Entscheidung in Südafrika an. Deutschland trat gegen Frankreich und Südkorea an und es sollte sich entscheiden wer 2018 die Olympischen Winterspiele austragen wird. Es war ein Ereignis, wenn man den großen deutschen Nachrichtensender im Bereich der Privatsender folgt, welches scheinbar wichtiger war, als die Steuersenkungspläne der Bundesregierung oder andere nachrichtentechnische Highlights, denn es ging an diesem Tag in der Hauptsache nur um dieses eine Thema. Man sieht also, wie groß auch gerade die wirtschaftliche Bedeutung dieses Sportevents ist. Damit ist man genau drin, im großen Thema Sport und Kommerz. Denn der Sport rückt seit langem schon in den Hintergrund und dies gilt auch für Olympia, wie man zuletzt noch bei den Sommerspielen in Peking im Jahr 2008 erleben dürfte. Der Sport rückte dort genauso in den Hintergrund, wie auch Menschenrechtsfragen oder die Tibetproblematik. Es geht mehr und mehr um die Märkte der Zukunft und die liegen, wie Peking gezeigt hat und natürlich auch die Entscheidung für Südkorea als Austragungsland der Olympischen Winterspiele 2018 zeigt, nicht mehr in Europa. Ein weiteres Indiz dafür, dass der Wanderzirkus des globalisierten Raubtierkapitalismus schon lange verstanden hat, dass in der westlichen Welt nichts mehr zu holen ist.

Geld regiert die Welt
Niemand sollte glauben, dass dieser Leitsatz oder ist es nicht viel eher ein Leidsatz, schon lange auch für den Bereich des Sports ganz allgemein gilt. Es wäre nun mit Sicherheit nicht fair gegen diese Entscheidung für Pyeongchang zu wettern, wie es in den Medien schon zum Teil geschieht, da ist die Rede von Kommerz besiegt das Wintermärchen, was soweit richtig ist, stand den Südkoreanern doch der doppelte Etat zur Verfügung aber wie oft war es in den letzten Jahrzehnten genau umgekehrt, da stand halt die westliche Welt noch oben im Finanzranking und nicht vor dem Bankrott. Es ist richtig, Deutschland hatte alles aufgeboten, vom Münchener Bürgermeister Christian Ude über den Bundespräsidenten Christian Wulff bis hin zum Kaiser Franz Beckenbauer, der auch noch einmal auf das fußballerische Sommermärchen hinwies. Dass er damit übrigens die WM 2006 in Deutschland meinte und nicht die WM 2011, die gerade läuft, lässt Vermutungen aufkommen, wie er zum Thema Frauenfußball steht. Man darf nun auch nicht vergessen, dass es bei allem auch eine große Anzahl an Menschen gibt, die sich über die Entscheidung gegen München gefreut haben, denn gerade auch rund um die bayrische Landeshauptstadt war der Protest nicht gerade klein. Nun dürfte wieder Frieden im Freistaat auf der Agenda stehen und man kann sich ein wenig die Wunden lecken und über die, mit dieser Bewerbung versenkten Summen nachdenken.

Mit dieser Bewerbung für München 2018 hatte man sich ordentlich ins Zeug gelegt. Die deutsche Bewerbung war alles andere als mittelmäßig und man hat vieles aufgeboten von Menschen über Umwelt bis hin zum Thema Wirtschaft war alles vertreten und trotzdem hat es nicht gereicht und vielleicht sollte man die Schuld gar nicht so sehr in der Bewerbung selbst suchen, sondern viel mehr einen realistischen Blick auf Deutschland vornehmen. An dem Tag, als Deutschland gegen den asiatischen Mitbewerber abblitzte, wurde das Land auch direkt von den Vereinten Nationen gerügt, da die Armut viel zu groß ist und der Hartz-IV-Regelsatz zu niedrig, was einmal mehr aufzeigt, wo Deutschland im Jahr 2011 steht. Man muss, so hart es sein mag, auch die Illusion loslassen, dass es bei sportlichen Großevents, wie den Olympischen Spielen, in der Hauptsache um die Athleten und deren Wettkämpfe geht, hier geht es in allererster Linie um die Wirtschaftlichkeit, auch wenn man dies versucht perfekt zu vertuschen. Genau hier könnte ein großer Vorteil für Deutschland in der Absage aus Durban liegen. Die Fußball-WM 2006, dass Sommermärchen, welches realistisch keines war, war eine tolle Party und hat für einen überschaubaren Rahmen auch für richtig gute Stimmung im Land gesorgt, welches einmal das Land der Dichter und Denker war und nun mehr und mehr zum Land der Leergutsammler mutiert, was sich übrigens mit der Rüge der Vereinten Nationen deckt, aber den großen Aufschwung hatte auch die WM 2006 nicht gebracht und dies wäre bei den Olympischen Winterspielen 2018 wahrscheinlich auch nicht anders gewesen.

Von Pyeongchang bis Katar
Man muss bei den Austragungsorten von sportlichen Highlights schon ein Narr sein, um nicht zu begreifen, wo der Hase hier herum hoppelt. So konnten einem die Bewerbungen der Anwärter für 2018 auch schon einmal etwas auf den Magen schlagen, wenn einem erklärt wird, wie die Menschen im Mittelpunkt stehen und wie wichtig die Umweltfragen seien, um nur einige Bereiche zu nennen. In Wirklichkeit stellt sich wohl viel eher die Frage, wo man die meisten Flachbildschirme verkaufen kann und welches Land in sieben Jahren, wo steht. Deutschland hat die großen Ziele der Wiedervereinigung völlig verfehlt und steht auch nicht besser dar, als es Ende der 1980er der Fall war, wo man im Westen den Untergang des Ruhrgebiets in seiner klassischen Form in den Griff bekommen musste, dann kam der Osten der Republik wieder hinzu und Regionen, wie eben das Ruhrgebiet, waren plötzlich kein Thema mehr. Heute sieht es in Duisburg und anderen Städten ähnlich wie in Ostdeutschland direkt nach der Wende aus und man erkennt, dass es eine Annäherung zwischen Ost und West gibt aber nicht in der Richtung, wie sie eigentlich gedacht war. Was braucht man in Deutschland eigentlich noch für Zeichen, außer einer Rüge der Vereinten Nationen und der Absage an München und hier reden wir von einer Region in Deutschland, der es im Verhältnis noch richtig gut geht. Man darf nun sehen, wie die Politik mit einer solchen Absage umgeht und dies bezieht sich mit Sicherheit nicht nur auf die Landespolitiker aus Bayern.

Nun sind all die großen Protagonisten von Ude über Wulff bis Beckenbauer gefordert, zu analysieren, was sich in Deutschland ändern muss, damit man den großen Ansprüchen, die man auch dem eigenen Volk immer wieder versucht zu verkaufen, gerecht wird. Natürlich ist dies kein rein deutsches Problem, sondern letztendlich ein Problem der gesamten westlichen Welt aber wenn man immer wieder eine gewisse Führungsrolle in Europa beansprucht, für die man natürlich auch Milliarden Euros ausgibt, wie das Beispiel Eurorettung und Griechenland zeigt, sollte man auch endlich einmal beginnen diese Rolle auszufüllen und keine Kasperlepuppe im großen Spiel auf der angelsächsischen Bühne sein. München und die Region hätten die Spiele 2018 verdient, gar keine Frage, denn es ist eine wunderschöne Region Deutschlands aber es ist nun einmal so, dass auch der gesellschaftlich so wichtige Bereich des Sports mehr und mehr der Gewinnmaximierung geopfert wird und jeder Athlet, der auf solchen Bühnen mitspielt, trägt seinen Teil dazu bei. So gibt es zwei Möglichkeiten, entweder man boykotiert solche Veranstaltungen, um ein Zeichen für den Sport zusetzen oder man bemüht sich, in einer menschenwürdigen Form wieder zu den Zeiten zurückzukehren, wo Deutschland und Europa noch interessant waren. Der Verlust der Spiele 2018 ist ein guter Beweis der Verlust der Tugenden, die dieses Land, diesen Kontinent einst so groß gemacht haben. Darüber sollten die Verantwortlichen bei der nächsten Bewerbung für ein solches Großevent einmal nachdenken. Natürlich gratuliert die Redaktion trotz allem Pyeongchang und wünscht sich Spiele, bei denen der Sport und nicht der Kommerz im Vordergrund stehen.

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Kategorie: Europa · Free Tibet · Gesellschaft · Medien · Politik · Sport · Umwelt · Wirtschaft

Bis jetzt 3 Kommentare ↓

  • 1 Der BALLacker » WM-Aus und immer wieder Asien // 10. Jul 2011 at 09:58

    [...] einer Woche und das ist natürlich schon ein wenig viel. Vor einigen Tagen erst hieß NOlympia 2018 für München, denn die Olympischen Winterspiele 2018 gingen nach Südkorea und nun auch noch das Aus [...]

  • 2 Art for Europe » Nicht nur auf ein Bier // 11. Jul 2011 at 05:17

    [...] Im Münchener HRC war ich nun seit 2004 schon nicht mehr, obwohl ich natürlich auch die Landeshauptstadt des Freistaates während meiner Tour besuchte. Ganz anders verhielt es sich da mit Berlin und [...]

  • 3 Der BALLacker » Rote Karte gegen die Kommerzialisierung // 2. Dez 2015 at 08:00

    […] Der Sonntag war damit ein großartiger Tag für den Sport. Es war auch schon die zweite Ablehnung dieser Art, was aufzeigt, wie die Mehrheit zum Kommerzwahn im Sport steht. So sieht es aus, wenn eben nicht […]

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