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Die Wahrheit des Wortes

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Merkel vs. Steinmeier – Der geklaute Wahlkampf und das TV-Duett

14. September 2009

Auch in Deutschland lässt man sich gerne von den USA inspirieren, um es einmal ganz vorsichtig zu formulieren. Ob dies immer so gut ist, sei einmal dahin gestellt. Fakt ist, wenn man durch die Übernahme mancher Ideen am Ende des Tages schlechter da steht, muss man wohl einräumen, dass man etwas falsch gemacht hat. Der Wahlkampf in den USA wird völlig anders geführt als hier in Deutschland. Den Fehler den man hier nun schon seit Jahren begeht ist, dass man auch diesen amerikanischen Stil immer mehr kopiert und dies geht letztendlich zu lasten unserer Demokratie, somit wäre man gut beraten sich auf seine eigenen Tugenden zu verlassen. Denn das diese Kopien nichts bringen, zeigte auch das große TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem Herausforderer, Kanzlerkandidat und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). In Deutschland beschränkt sich der Wahlkampf mittlerweile auch fast nur noch auf Köpfe und Inhalte werden ähnlich, wie in den USA, immer nachrangiger. Man fragt sich da schon, warum man dem Volk den Wahlkampf klaut? Diese Frage geht vor allem auch an die Medienvertreter, die in dieser Runde vom gestrigen Abend nicht wirklich überzeugen konnten und die Politiker damit nicht alleine waren.

Tigerentenkoalition

Man wundert sich schon seit Wochen, dass der Wahlkampf zu den in gut zwei Wochen anstehenden Bundestagswahlen fast gänzlich ausfällt, dabei ist dieser Umstand eigentlich gar nicht so verwunderlich. Die Medien scheinen alles dafür zu tun, dass es bei der Großen Koalition bleibt, denn in diesem Duell wurde den Protagonisten auch gar nicht großartig die Möglichkeit einer Konfrontation gegeben, denn die Themen wurden so gesetzt, dass die große Einigkeit meistens vorprogrammiert war. So festigte sich der Gedanke, dass die Große Koalition auch nach den Wahlen fortgesetzt werden soll, was man im Duell auch an der gerade angesprochenen, fast flächendeckenden Einigkeit deutlich merkte. Es mangelt in der heutigen Zeit nicht an Themen, dass steht fest aber anstatt sich auf diese zu beziehen, alberten die vier Moderatoren lieber immer wieder rum und kreierten Wörter wie Tigerentenkoalition. Es zeigte sich auch wieder ganz eindeutig, auf welchem Weg das Niveau des deutschen Fernsehens ist. Aber man konnte auch sehr gut sehen, wie auch in Deutschland der Wahlkampf oder das was man den Bürgern als solches verkauft, immer medienlastiger wird, was zum Teil selbst den zum Duell angetretenen Politikern nicht zu schmecken schien. Sie wirkten phasenweise wirklich wie eingeklemmt in dieser Mischung aus Öffentlich-Rechtlichen und Privaten. Hier sah man übrigens sehr schön, dass man eigentlich nur noch drei TV-Stationen in Deutschland hat, die hier alle vertreten waren. So sieht Medienvielfalt in Deutschland im Jahr 2009 aus. Desto größer natürlich der Einfluss der Medien ist, gerade auch wenn sie so konzentriert auftreten, desto größer ist auch das Risiko von Manipulation. Ein wichtiger Fakt den man auch immer berücksichtigen sollte. In diesem Zusammenhang sei auch noch einmal darauf hingewiesen, dass in diesem Jahr die Bundestagswahlen in Deutschland zum ersten Mal von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) überwacht werden, was natürlich auch selbstredend ist.

In einem Land in dem die Kluft zwischen den Armen und den Reichen immer größer wird, wo auch beide Seite drauf eingingen, ist es umso wichtiger das die Demokratie funktioniert. Es kann nicht sein, dass es in der Form weitergeht, wie es die ganzen letzten Jahre schon lief  und die Wirtschaft sich scheinbar alles erlauben kann, während die sozialen Bereiche zu Tode geschrumpft werden. Außer den bekannten Worthülsen gab es zu diesem Thema aber weder etwas Nachhaltiges von der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), noch von ihrem Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) aber auch dies ist nicht wirklich überraschend. In den ganzen letzten Wochen lobte man massiv die Erfolge der Großen Koalition, die laut Merkel (CDU) natürlich der Union geschuldet sind und umgekehrt aus Steinmeiers (SPD) Sicht natürlich der SPD, genau diese Eigenlobarien setzten sich hier natürlich fort. Klare Unterscheidungsmerkmale, die man sich als Wähler erhofft hatte, gab es aber erwartungsgemäß auch in diesem großen TV-Duell nicht. Man wird das Gefühl nicht los, als sei in diesem Land, gerade auch politisch, die Situation völlig festgefahren. Dieses Duell, welches dann doch eher ein Duett war, machte aber natürlich auch deutlich, wie verfestigt die Medien in diesem System sind und man konnte das Gefühl bekommen, dass sie ihrer wichtigen Rolle, welche die Medien in einer Demokratie bekleiden sollten, nicht mehr wirklich nachkommen und dies war neben der zu erwartenden politischen Enttäuschung des Abends, eine weitere große Enttäuschung. Ein gutes Beispiel dafür, wie fortschrittlich dieses Duell auch inhaltlich war, zeigte sich darin, dass man nicht mehr, wie noch vor vier Jahren, über Spritpreise sprach, sondern diesmal über den Preis eines Haarschnitts. Medieninnovationen 2009 kann man dazu nur zu sagen.

Verantwortung?

Den beiden großen Protagonisten, die hier das erste und wohl auch letzte Mal in dieser Form vor den Bundestagswahlen direkt aufeinander trafen, wurde 90 Minuten lang eine große Bühne geboten, um die Menschen zu überzeugen, die sie in den nächsten vier Jahren in Deutschland, in Europa und letztendlich in der ganzen Welt vertreten sollen. Es war für beide die große Möglichkeit ein Zeichen für die Gesellschaft zu setzen, genutzt haben sie sie beide nicht. Wenn man diesem Talk, der nicht nur in Kleidungsfragen sehr übereinstimmend war, nimmt, wird einem allerdings auch bald klar, warum immer weniger Menschen Interesse an Politik zeigen und in der Folge natürlich auch die Wahlbeteiligung ein immer größeres Problem wird. Es wäre wohl einfacher gewesen, wenn die beiden Protagonisten einfach ihre Texte an die jeweiligen Redaktionen geschickt hätten, denn auf viele Fragen, gerade auch zu Beginn des TV-Duells, wurde ausweichend oder auch gar nicht eingegangen. Es wurden immer wieder die Phrasen, die man schon seit Monaten hört, wiederholt und auch hier gilt, dass diese durch ständiges wiederholen nicht besser werden. Man muss aber auch festhalten, dass den beiden Protagonisten nichts besseres passieren kann, denn mangelndes Interesse, welches auch hier wieder aufgebaut wurde, heißt am Ende des Tages auch mangelnde Überwachung und Kontrolle. Während der Staat die Bürger immer mehr überwacht, ist der Trend im Gegenzug nicht zu erkennen. Auch hier sieht man, wie massiv die Demokratie und Freiheit in diesem Land scheinbar Stück für Stück ausgehöhlt werden. Das Grundgesetz, das Fundament der Bundesrepublik Deutschland, wird so häufig geändert, dass einem fast schwindelig wird. Erst vor kurzem musste das Bundesverfassungsgericht (BVG) den Volksvertretern noch per Urteil klar machen, dass sie ihren Aufgaben mehr nachzukommen haben und nicht soviel Macht an die Europäische Union (EU) abgeben dürften. Natürlich bedeutet die Abgabe von Macht vor allem auch immer, die Abgabe von Verantwortung, womit wir bei einem weiteren spannenden Thema wären.

Spannendes Thema? Da ahnt man schon etwas und so kam es denn auch. Verantwortung, ein großes Thema aus welchem man gerade auch in Zeiten der Weltwirtschaftskrise und des Afghanistaneinsatzes der Bundeswehr hätte wirklich viel machen können, spielte in diesem großen TV-Duell, wie auch im restlichen Wahlkampf, kaum eine Rolle. Man sieht, wie viele Möglichkeiten die Medienvertreter gehabt hätten das Thema Verantwortung angemessen ins Spiel zu bringen. Stattdessen führten alle Beteiligten aber wieder lieber eine Scheindebatte über Managergehälter. Sich hier von loszulösen und sich hauptsächlich auf das Thema Verantwortung in Deutschland zu beziehen, war aber scheinbar bei allen unerwünscht. Selbst das Spielchen um Opel, wurde nur kurz gestreift. Auch hier zeigte sich, wie weit die Politik, wie weit aber auch die Medien mittlerweile von der Bevölkerung entfernt sind. Dieses große TV-Duell, in dem es keine Sieger gab, weder unter den Medienvertretern, noch unter den Politikern, auch wenn die Analysen natürlich wieder etwas anderes behaupten werden, setzte kein Signal in diesem nicht vorhandenen Wahlkampf und das ist sehr bedauerlich. Was allerdings noch spannend war, waren die Abschlussstatements, denn hier konnte man sogar einmal so etwas wie einen Unterschied feststellen. Frank-Walter Steinmeier (SPD), der diese letzte Rund begann, wirkte fast schon stotternd und auch etwas konzeptlos, so wiederholte er in diesen letzten Sätzen mehrfach den Atomausstieg, sehr staatsmännisch war dies nicht und man hätte sich von dem deutschen Chefdiplomaten hier doch mehr erhofft. Dem Amt sehr angemessen kam Angela Merkel (CDU) mit ihrem Abschlussstatement rüber, allerdings wirkte dies dafür auch ein wenig, als hörte man ihren großen, alles aussitzenden Ziehvater Helmut Kohl (CDU) sprechen, was einem natürlich auch nicht gerade auf eine gute Zukunft hoffen lässt.

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Kategorie: Ein Kommentar zur Woche · Europa · Gesellschaft · Medien · Politik · Umwelt · Wirtschaft

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