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Die Wahrheit des Wortes

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Manager als Terroristen

17. September 2009

Bald schon stehen die Bundestagswahlen an und mit ihnen wird auch über die Zukunft Deutschlands abgestimmt. Etwa zur gleichen Zeit gibt es aber noch ein weiteres Ereignis bei dem es auch um sehr viel gehen wird. Die Rede ist vom G20-Treffen in der Stahlstadt Pittsburgh. Schon im Vorfeld wird viel darüber diskutiert und spekuliert, was man von diesem Treffen in der Dortmunder Partnerstadt zu erwarten hat. Der französische Regierungschef Nicolas Sarkozy nimmt hierbei eine wichtig Rolle ein, denn er will Fakten und will sich nicht wieder mit Absichtserklärungen zufrieden geben. Die Vergangenheit hat gezeigt, was von solchen Treffen in der Regel zu halten ist, denn die Mächtigen dieser Welt treffen sich nicht zum erstenmal seitdem die Weltwirtschaftskrise vor fast genau einem Jahr mit der Pleite von Lehman Brothers voll durch gestartet ist. Seither hat sich allerdings auch nicht im Ansatz etwas nachhaltig zum Positiven gewandelt. Es bleibt zu hoffen, dass sich dies in Pittsburgh ändern wird.

23 Selbstmorde in 18 Monaten

Erst am gestrigen Tag traf der französische Staatschef Nicolas Sarkozy mit seinem britischen Amtskollegen Gordon Brown zusammen und es herrschte wohl Einigkeit darüber, dass es diesmal beim Treffen in Pittsburgh wirklich mehr als die immer wiederkehrenden Absichtserklärungen geben müsste. Natürlich ist es sehr interessant, dass sich gerade der französische Staatschef im Kontext der Weltwirtschaftskrise so stark macht, denn auch das von ihm regierte Land steckt mittendrin, im wirtschaftlichen Wandel. Viele Menschen lassen sich noch immer davon blenden, dass ohne die Lehman Brothers-Pleite alles gut gelaufen wäre. Hier wird aber eben allzu oft übersehen, dass es viel mehr als eine rein von den Banken geschaffene Krise ist. In Deutschland lassen sich als Beweis Firmen, wie zum Beispiel Hertie, Karstadt und Opel benennen, die allesamt schon vor der Bankenpleite massiv unter Druck standen. Diese Fehlsteuerung in der Wirtschaft nun komplett auf die Krise zu schieben, wäre also ein großer Fehler. Der gesamte Markt verschiebt sich, was man nicht zu letzt auch an der nun schon seit Jahren andauernden Privatisierungsorgie sieht. Genau an dieser Stelle wären wir wieder bei Frankreich, denn auch hier wird fleißig privatisiert.

Eine Privatisierung dürfte Sarkozy ganz besondere Bauchschmerzen bereiten und zwar die der France Telecom. Hier sollen im Rahmen der Umstrukturierung, im Rahmen der Privatisierung 22.000 Stellen abgebaut werden, was zu einem überdurchschnittlich schlechten Betriebsklima führt und die Menschen kommen mit vielen Maßnahmen nicht klar. So nahmen sich in den letzten 18 Monaten 23 Mitarbeiter das Leben. Zu letzt stürzte sich ein Junge Frau, gerade einmal knapp älter als 20 Jahre, aus ihrem Bürofenster. Ein anderer Mitarbeiter, der sich ebenfalls das Leben nahm, sprach in seinem Abschiedsbrief von einem Terrormanagement. Man sieht das auch hier ganz offensichtlich die Pläne zur Globalisierung und für immer schnellere Gewinnabschöpfungen ohne Rücksicht auf das menschliche Leben umgesetzt wurden. Dies kennt man natürlich nicht nur aus Frankreich oder Deutschland, es ist ein Problem, welches am Ende des Tages ganz Europa bzw. die ganze Welt betrifft. Es wäre einmal ein spannender Ansatz, statistisch zu erfassen, wie viele Menschen im Kontext der Globalisierung bzw. der Weltwirtschaftskrise das Leben verloren haben. Allein dieses Beispiel zeigt schon, wie unmenschlich die aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen sind.

Hochdruck in der Wirtschaft

Der Druck in der Wirtschaft und damit letztendlich auch in der Gesellschaft wird immer höher und es ist die Aufgabe des Staates, diesen Druck nicht zu hoch werden zu lassen. Da die Politik sich aber an dieser Stelle sehr zurückhaltend präsentiert und wie mehrfach berichtet, eher auf der Seite der Wirtschaft, als auf der Seite des Volkes steht, werden wohl noch vielmehr Menschen sterben. Man muss natürlich auch berücksichtigen, dass es nicht immer nur um Selbstmorde geht. Auch die Verrohung unserer Gesellschaft muss letztendlich in diesem Kontext gesehen werden. Wo diese gesellschaftliche Verrohung hinführt, konnte man erst vor einigen Tagen in München erleben, wo ein unschuldiger Helfer, der Kinder in der Münchener S-Bahn beschützen wollte, danach von zwei Heranwachsenden mit 22 Verletzungen durch Tritte und Schläge getötet wurde. In diesem Zusammenhang ist auch immer wieder von der Wichtigkeit der Zivilcourage in unserer Gesellschaft zu hören, was natürlich in dem Kontext, zu dem was sich im Moment in der Wirtschaft und der Politik tut, doch einmal mehr wie der pure Zynismus anhört. In einer Welt von profitorientierten Einzelkämpfern von Gemeinschaftssinn und Zivilcourage zu besprechen, passt nicht wirklich zusammen, auch dies muss einmal in aller Deutlichkeit gesagt werden.

Was einem in diesem Kontext auch noch auffällt, ist eine außerordentliche Zurückhaltung der Kirchen. Es gab zwar am gestrigen Tag einen ökumenischen Gottesdienst für das Münchener Opfer aber klare Statements im Kontext dieser schrecklichen Tat aber natürlich auch im Kontext der allgemeinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung, sucht man in den meisten Fällen leider vergeblich. Hier stellt sich natürlich die Frage, warum sich die Kirchen scheinbar nicht ausreichend mit dieser negativen Entwicklung auseinandersetzen. Immer wieder hebt man die Bedeutung der Kirche für die Gesellschaft hervor, wenn es dann aber heißt Farbe zu bekennen, wirkt man dort eher blass. Man sieht an diesen Zeilen, wie wichtig es ist, dass in Pittsburgh auf dem G20-Gipfel endlich einmal wirkliche Zeichen gegen diesen Raubtierkapitalismus gesetzt werden und Absichtserklärungen reichen da noch nicht einmal ansatzweise aus. Wenn weder die Vertreter der Wirtschaft, noch die der Politik oder auch der Kirchen sich dafür einsetzen, dass der Druck geringer wird, wird sich dieser Druck auch weiterhin seinen eigenen Weg suchen und da ist es im richtigen Leben, wie in der Physik, der Druck wird sich die schwächsten Stellen zum entweichen suchen, also die Schwächsten der Gesellschaft. Wie das dann aussieht, zeigen die französischen Selbstmorde aber eben auch die Tat von München. Es muss sich etwas ändern und genau wie die anstehenden Bundestagswahlen, ist natürlich auch der G20-Gipfel in Pittsburgh eine gute Möglichkeit, den Startschuss zur Veränderung zu geben.

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Politik · Wirtschaft

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