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Die Wahrheit des Wortes

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Leidige Lehrerdebatte und die Ausrede “Bildungsinvestition”

2. März 2009

In den letzten Wochen wurde viel über Konjunkturpakete diskutiert. Claudia Schmied, Bildungsministerin der SPÖ gestattet heute den Blick hinter die Kulissen, wie man sich seitens der Regierung Geld für derartige Maßnahmen zu beschaffen gedenkt. Schnell mal zwei Stunden länger in der Klasse stehen statt den Unterricht vorzubereiten scheint ein probates Mittel für die Budgetbeschaffung der österreichischen Bundesregierung zu sein. Denn Josef Pröll (Finanzminister von der ÖVP) hatte ja nichts gegen Sparmaßnahmen, nur ein wenig etwas gegen den Alleingang der Frau Schmied. Also, das sollte man schon wissen, dass in einem zum Schlusslicht in Sachen Frauen und Führungspositionen gehörenden EU-Land Frau schon den Herrn Minister fragen sollte, ob sie das Paket jetzt verabschieden darf.

Nichts desto trotz, heute gibt es erstmals Zahlen. Ganze 381 Millionen Euro soll die Aktion bringen, Lehrerinnen und Lehrer zwei Stunden länger für den Unterricht zu verpflichten. Diese Stundenrochade – denn es fehlen danach zwei Stunden in der Vorbereitungszeit, im Grunde wird ja nicht länger gearbeitet, netto bleibt es gleich – wirkt sich direkt auf den Personalstand der Schulen aus. Bei 20 Lehrern sind das 40 Stunden, also eine ganze Stelle. Und so gedenkt man anscheinend Lehrerposten einzusparen. Das nennt sich dann “Investitionen in die Bildung” tätigen. Mit den so frei geschaufelten Millionen möchte Frau Schmied den Kleingruppenunterricht und kleinere Klassen sowie bessere Tagesbetreuung und Deutschkurse finanzieren. Herr Hausverstand schaltet sich ein und fragt, ob man dafür nicht Personal benötigt? Ja, wird wohl die Antwort sein. Trotzdem bleibt die Mehrleistung beim Unterricht zulasten der Vorbereitungszeit. Und all jene LehrerInnen, die viel Zeit für ihre Unterrichtsplanung benötigen – das sind vermutlich jene mit den Hauptfächern wie Mathematik und die Sprachen – werden von nun an unbezahlte Arbeit leisten, weil Sie Hausarbeiten korrigieren. Oder diese korrigieren dann einfach schneller als bisher. Kein Wunder, dass hier mit Streik seitens der Lehrerschaft gedroht wird, wenn man die Angelegenheit aus deren Position wahrnimmt.

Der ORF ging auf die Straße und fragte die Bevölkerung. “Nein, die Lehrer hätten so viel Freizeit, die sollen jetzt mal schön still sein und mehr arbeiten.  – Ja, das ist nicht fair, was die Frau Ministerin vor hat.” Die Meinung der Zivilgesellschaft klafft wieder einmal auseinander. Aber vielleicht sollte man die Zivilgesellschaft dazu nicht befragen, weil man damit böses Blut sät. Vielleicht sollte man im Bildungsministerium nachhaken, weshalb man den Lehrern in Österreich im EU-Schnitt hohe Gehälter zahlt und dafür die Rahmenbedingungen an deren Arbeitsplatz nicht verbessert. Jeder Manager bis hin zum einfachen Angestellten oder Arbeiter müsste bei so manchem Lärmpegel in Klassen Gehörschutz tragen. Warum? Weil die Vorhänge als Schallschutz fehlen und die Schulen angeblich kein Geld dafür aufbringen können. Die Sitzgelegenheiten sind arbeitspolizeilich nicht ergonomisch. Auch ein Konferenzzimmer oder Lehrerzimmer in vielen Schulen lädt wenig zu konzentrierter Arbeit ein. Gerade mal einen Meter Platz hat man da für Bücher und die eigenen Unterlagen, dazu noch ein enges Schließfach, und alle sitzen nebeneinander. Auf einen Büroarbeitsplatz umgelegt sind das unzumutbare Arbeitsbedingungen.

Gerne wird unser System mit der Arbeitszeit amerikanischer Lehrer verglichen. Das stimmt wohl, dass die länger in der Schule sind. Aber wohl auch deswegen, weil diese ihre Vorbereitungszeit dort ausführen und Dienst von 8.00 bis 16.00 Uhr und länger schieben. Außerdem wechseln in amerikanischen Schulen nicht die Lehrer die Klassen sondern die Schüler. Und die Klasse ist so eingerichtet, dass die Lehrerin, der Lehrer dort seinen Schreibtisch und seine Unterlagen hat. Die Klasse ist der Arbeitsplatz und das Büro der Lehrperson.

Angesichts dieser Millionendebatte bleibt immer noch ein Thema übrig. Was sollen Deutschkurse, Kinderbetreuung und kleinere Klassen für Investitionen in die Bildung sein, wenn man weiterhin ein Schulsystem verfolgt, das laut Pisa-Studie ein mittelmäßiges Bildungsniveau produziert? Was soll die Kleingruppenarbeit für eine Investition darstellen, wenn die Lehrinhalte unangetastet bleiben? Kreativität und die Freude an der Selbstverwirklichung und auch an der Selbstentfaltung wird Kindern nur im Alternativschulbereich vermittelt. In vielen anderen klassischen Schulen wird gepaukt – ein Lehrstoff, der sich überholt hat. Die Frau Ministerin Schmied sollte mal die durchschnittlichen Geografiekenntnisse in Österreichs Schulen kennen lernen: da bringt man kaum die EU-Länder zusammen, und in manch blinde Karte wird dort, wo Spanien ist, China als Land eingezeichnet. Das hat man davon, wenn man mit Laptop-Klassen und IT-Wahn die Bildungsbasis zerstört. Machen Sie als LeserInnen hier doch mal den Test und erinnern Sie sich. Der gute alte Lückentest hat ausgedient. Anstatt dessen darf man mit der Maus so lange klicken, bis das richtige Ergebnis am Bildschirm erscheint. Lernen tut man dabei nichts, auch nicht in Kleingruppen und kleineren Klassen. Doch mit viel Maus geklickse erzieht man sich brave Marionetten, die dann nach den Launen der politischen Landschaft in Österreich bereitwillig tanzen. Vielleicht darf man sich von der Bildungsinvestition ein verstecktes Future Senior Marketing erwarten.

AMW

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Neues aus Österreich · Politik

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