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Die Wahrheit des Wortes

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KVB statt Archiv

5. März 2009

Wie bereits berichtet, stürzte am Diensttag das historische Stadtarchiv der Stadt Köln ein. Nun konnte mittlerweile im großen Stil mit den Aufräumarbeiten begonnen werden. Dies bedeutet, dass als erstes mit schwerem Gerät die stehengebliebenden Überreste der mit in die Tiefe gerissenen Häuser entfernt werden müssen, da diese noch immer die Bergungsarbeiten behinderten bzw. unmöglich machen. Um allerdings mit schwerem Gerät überhaupt in die Nähe des Unglücksortes zu kommen, musste erst ein Mal mit mehr als 1.000 Kubikmetern Beton der Untergrund stabilisiert werden. Nun bleibt zu hoffen, dass dies Mal alle Arbeiten, trotz des massiv hohen Zeitdrucks und des Regens, so sorgfältig ausgeführt wurden, dass es nicht zu einer weiteren Katastrophe kommt. Denn die Gründe für die Katastrophe vom Dienstag werden immer deutlicher, auch wenn man festhalten muss, dass dieser Fakt wahrscheinlich nicht zu einer Veränderung in der Zukunft führen wird.

Von Goethe bis Adenauer

Das Ausmaß der Katastrophe, die sich Mitten in der Kölner Innenstadt abgespielt hat, wird immer deutlicher. So wurden sehr wahrscheinlich auch Briefe von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), wie auch Dokumente des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland Konrad Adenauer (1876-1967) vernichtet. Dieser Verlust an deutschem Kulturgut, der den größte seit den Flächenbombardements des Zweiten Weltkriegs darstellt, ist einfach unvorstellbar. Auch die Versicherungssumme, von fast einer halben Billionen Euro, macht es nicht besser, da es sich vor allem auch um unwiederbringliche Schätze deutscher Kultur und Geschichte handelt. Experten gehen davon aus, dass je nach Verlauf der Rettungsmaßnahmen die Verluste noch massiver sein werden, als bei dem verheerenden Brand im Herbst des Jahres 2004 in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek (HAAB) in Weimar. Es bleibt ein Schreckensszenario und letztendlich sprechen wir bislang nur von materiellen Schäden, dabei muss man wohl davon ausgehen, dass mindestens zwei Personen dieses Unglück mit ihrem Leben bezahlten.

Natürlich wird nun, wo die Folgen immer deutlicher werden, auch die Frage nach den Verantwortlichen immer lauter. Geht man im Fall des Feuers in der HAAB von einem technischen Mangel, einer durchgeschmorten Elektroleitung aus, hört man nun in Köln immer öfters, wenn auch oftmals hinter vorgehaltener Hand, dass wohl die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) bzw. deren U-Bahn-Baustelle irgendetwas mit dem Einsturz des Stadtarchivs zu tun haben. Gestern äußerte sich auch der Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) und man hörte ganz eindeutig, dass hier ein Profi spricht. Er sprach davon, dass man sich jetzt Gedanken machen müsste. Es war die Rede davon, dass man zukünftig vielleicht irgend etwas ändern sollte. Konkretes blieb allerdings Mangelware. So gibt es auch nach dieser Katastrophe keinen Baustopp, was viele Menschen in der Nähe der U-Bahn-Trasse, an der hier gebaut wird, weiterhin in Angst leben lässt. Hätte man vielleicht das Absinken des `Schiefen Turms von Köln` schon als Warnung verstanden, hätte diese Katastrophe vielleicht verhindert werden können. Allerdings muss man natürlich auch berücksichtigen, dass hier schon Hunderte von Millionen Euros verbaut wurden und diese abzuschreiben, ist natürlich auch so gut wie unmöglich. Womit sich auch hier wieder die Frage stellt, wie hoch der Wert von Menschenleben in diesem Kontext anzusetzen ist.

Wenn die Natur sich meldet

Wir leben in einer Welt in der immer alles noch schneller und komfortabler gehen muss. Die Umwelt scheint dabei völlig irrelevant zu sein. Die Folgen von Treibhausgasen betreffen erst die folgenden Generationen, denn wie der verregnete, kalte Sommer, aber auch der extrem harte Winter gezeigt hat, sind wir heute noch meilenweit von der Erderwärmung entfernt. Das uns irgendwann das Öl ausgehen wird, weiß auch jeder aber auch dies wird erst in so vielen Jahrzehnten passieren, dass die meisten von uns es nicht mehr mitbekommen werden. Dies bedeutet, die Folgen all dieser Eingriffe in die Natur betreffen uns heute nicht direkt. Wir verändern den Planeten lustig und munter damit es uns ein wenig besser geht. In der Spitze damit wir mit der U-Bahn schneller von A nach B kommen und dann ganz plötzlich rächt sich die Natur doch und viele Menschen sind, zum Beispiel durch den Verlust ihres Hab und Guts oder ihrer Wohnung bzw. im schlimmsten Fall durch den Verlust ihres Lebens, ganz direkt betroffen. Und das jetzt und hier. Man muss für sich entscheiden, ob man diesen Weg auf Dauer noch für tragbar hält. In Köln, aber auch sonst wo in der Welt. Köln wird irgendwann eine wunderbare Nord-Süd-U-Bahn-Trasse haben aber wie hoch wird der Preis dann sein? Menschenleben, das Gedächtnis der Stadt, all dies scheinen keine Hinderungsgründe zu sein.

Diese Ignoranz gegenüber dem Leben, gegenüber der Kultur und der Geschichte ist es, was dieses Land , um nicht zu sagen diese Welt, so krank macht. Die Profitgier der Wirtschaft steht über allem, so etwas kann und wird nicht funktionieren. Die ersten Anzeichen zeigen sich heute schon im Kollabieren des Weltwirtschaftssystems. Es wird auch auf lange Sicht nicht funktionieren, keine Schuldigen zu benennen. Denn wenn zum Beispiel das Ergebnis juristischen Aufarbeitung der Katastrophe um das Stadtarchiv in Köln keinen tatsächlichen Schuldigen finden wird, wird dies zu großem Unmut bei den Betroffenen führen. Egal wie man die Situation betrachtet, kommt man an den Gedankengängen nicht vorbei, dass der U-Bahn-Bau eine Mitschuld, wenn nicht gar die Hauptschuld trägt. Die ganz einfache Frage die am Ende des Tages offen bleibt ist, ob es die massiven Risse in all den Häusern entlang der neuen, im baubefindlichen Trasse auch ohne die Bauarbeiten gegeben hätte? Ob es die Katastrophe in der Severinstraße auch gegeben hätte, wenn man dort nicht gegraben hätte? Wenn diese Fragen ehrlich geklärt sind, muss man sich überlegen, was wichtiger ist, der Schutz der Gesellschaft, der Schutz eines historischen Stadtarchivs oder eine U-Bahn-Trasse?

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Kategorie: Gesellschaft · Kultur · Politik · Technik · Umwelt · Wirtschaft

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