fairschreiben

Die Wahrheit des Wortes

fairschreiben header image 2

Köln-Entschuldigungen und Trauer in einer fast perfekten Welt

9. März 2009

Nun ist es seit diesem Wochenende traurige Gewissheit, auch wenn es wohl die meisten schon geahnt haben, der Einsturz des historischen Stadtarchivs in Köln hat sein erstes Todesopfer gefordert. Kevin K., ein 17 Jahre alter Bäckerlehrling der ganz oben in einem der eingestürzten Wohnhäuser lebte, welches beim Einsturz des Stadtarchivs mit in den Abgrund gerissen wurde, ist tot. So weitet sich diese Katastrophe mehr und mehr aus und im gleichen Maße steigt auch die Anzahl der offenen Fragen an. Vor allem aber natürlich die Frage nach der Schuld. In dieser Schuldfrage gab es über das Wochenende hin spannende neue Entwicklungen, bei denen natürlich gerade auch die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) eine nicht unerhebliche Rolle spielten. Der Leichenfund, aber auch die noch immer andauernde Suche nach der zweiten vermissten Person, machen aber auch klar, wie schwierig der Umgang mit einer solchen Katastrophe in einem soweit entwickelten Land wie Deutschland ist.

Eine Entschuldigung frei von Schuld?

In der Öffentlichkeit, wie auch in den Medien gehen die Spekulationen über die Schuldfrage im Kontext zum Einsturz des Stadtarchivs und der Nachbargebäude immer wieder in Richtung der KVB. Bei der KVB hält man es für angemessen und scheinbar auch klug, eine Kommunikationspolitik des Schweigens zu fahren, was natürlich rein inhaltlich schon einen gewissen Gegensatz darstellt. Feststeht wohl nur, dass ein solches Verhalten vielleicht einen juristischen Mehrwert bringen mag aber moralisch genauso inakzeptabel scheint, wie es sich negativ auf den Ruf des Unternehmens auswirken dürfte. Laut heutigem Erkenntnisstand rutschten Massen an Erdreich in die Baugrube bzw. das Bauwerk der KVB vor dem Unglücksort. Durch diese Erdbewegungen wurde sprichwörtlich dem Stadtarchiv der Boden unter den Füßen weggezogen und somit kippte es auf die Straße. Natürlich muss man bei einem solchen Szenario davon ausgehen, dass die Schuldigen bei der KVB oder in ihrem Umfeld zu suchen sind. Dies sieht aber zum Beispiel die Staatsanwaltschaft scheinbar auch anders, denn sie ermittelt unter anderem wegen fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt. Man wird das Gefühl nicht los, dass es hier um reine Politik geht.

Stellt Euch vor ihr baut ein Haus in einer belebten Wohnsiedlung. Das von Euch beauftragte Bauunternehmen nimmt die Ausschachtungen vor und plötzlich kippt das Nachbarhaus in Eure Baugrube. Die erste Frage die sich stellt ist, gegen wen ermittelt wohl die Staatsanwaltschaft wegen des entstandenen Schadens? Wahrscheinlich wohl gegen den Bauherrn. Die nächste Frage, wenn Ihr von Eurer Unschuld überzeugt seit und zum Beispiel meint der Einsturz läge an der Statik des eingestürzten Gebäudes, würdet Ihr Euch dann bei den Opfern entschuldigen und ihnen Geld als Soforthilfe zur Verfügung stellen? Wohl eher nicht. Die KVB stellt allerdings eine Millionen Euro Soforthilfe zur Verfügung und entschuldigte sich bei den Opfern. Man fragt sich warum sie dies tut? Aber es gibt noch weitere Fragen, wie zum Beispiel die nach den Hauptzeugen? Glücklicherweise haben alle Bauarbeiter, die in der Baugrube waren, dass Unglück überlebt. Jetzt mag man meinen, dass sie gern gesehene Interviewpartner seien aber sie sind bislang nirgendwo aufgetaucht. Auch ein Sachverhalt, der als eher sehr außergewöhnlich einzustufen ist. Selbst der Bauleiter der KVB räumte in einer Pressekonferenz am Wochenende ein, mit ihnen noch nicht persönlich gesprochen zu haben. Ein solcher Sachverhalt lädt natürlich auch zu weiteren Spekulationen über Vertuschungen und ähnliches ein.

Ist man in Deutschland wirklich bestens vorbereitet?

Wir hier in der Kölner Redaktion von fairschreiben.de sind der festen Überzeugung, dass die Einsatzkräfte, egal ob Feuerwehr, THW oder auch die Polizei alles in ihrer Macht stehende im Umgang mit dieser Katastrophe gegeben haben und auch noch immer geben. Dieser Fakt muss festgehalten werden. Die Frage die aber auch erlaubt sein muss ist, in wieweit man in der größten Stadt Nordrhein-Westfalens, aber auch in anderen Teilen der Republik auf solche Katastrophen wirklich vorbereitet ist? Die Suchhunde scheinen auf diesem Territorium nicht wirklich zu helfen, sie schlagen seitdem ersten Tag an immer wieder, an den verschiedensten Stellen an und man erklärt auch warum dem so ist. Trotzdem hat man das Gefühl, dass sie die Helfer kaum weiterbringen. Die Sicherungsmaßnahmen gegen die Feuchtigkeit scheinen immer erst dann richtig zu greifen, wenn es schon fast zu spät ist. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Hilfskräfte bei einem Einsturz von drei Gebäuden schon schnell an ihre Grenzen geraten, was Spekulationen zu lässt, was bei einer größeren Katastrophe passieren würde. Diese Gedankenspiele können einen dann schon beängstigen. Man bekommt immer wieder vorgemacht, gerade auch in Deutschland mit seinen vielen Topexperten, in so etwas wie einer perfekten Welt zu leben. Eine solche Katastrophe, wie der hier behandelte Einsturz des Stadtarchivs, macht einem dann aber schnell klar, dass es eher eine fast perfekte Welt ist.

Natürlich ist es bewundernswert, wie sich gerade auch die Einsatzkräfte der Feuerwehr nun seit fast einer Woche bis zur Erschöpfung reinhängen und dies auch oft genug unter dem Einsatz ihres eigenen Lebens. Man kann diesen Menschen gar nicht of genug danken aber sind sie finanziell, personell und technisch wirklich für solche Szenarien bestens ausgestattet? Auch diese Frage kommt zum Teil auf und muss wohl auch für mögliche zukünftige Katastrophen, die man leider niemals ausschließen kann, geklärt werden. Denn natürlich hat der Staat auch ein hohes Maß an Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, gegenüber der Bevölkerung und nicht nur gegenüber Banken und Autobauern. So hart und unmenschlich es klingen mag, ist natürlich auch Katastrophenschutz am Ende des Tages eine Frage des Geldes. Und wenn nun im Kontext zu dieser Katastrophe, schon Spekulationen aufkommen in wieweit vielleicht Kosten-und Zeitdruck ein Grund für die Katastrophe waren, stellt sich die Frage, wieweit man sich hier von der perfekten Welt hin zur fast perfekten Welt bewegt und wie man in diesem Kontext, dann die Diskussionen um Staatshilfen für Banken und die Wirtschaft allgemein, noch ein Mal ganz anders beleuchten sollte. Denn die Priorität der Regierung sollte dieselbe sein, wie die der Feuerwehr und hier hat das Leben immer höchste Priorität und nicht irgendwelche Sachwerte.

Freude teilen: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • email
  • Facebook
  • Fark
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • LinkedIn
  • Twitter


Kategorie: Gesellschaft · Politik · Technik · Wirtschaft

Bis jetzt ohne Kommentar ↓

  • Bisher noch ohne Kommentar - Fang an und sag Deine Meinung

Schreib was dazu