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Die Wahrheit des Wortes

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Karneval im Trümmerfeld

8. März 2011

Am 3. März, also in der großen Zeit des Straßenkarnevals, jährte sich in diesem Jahr der katastrophale Einsturz des Kölner Stadtarchivs zum zweiten Mal. Der Schaden hat mittlerweile die unvorstellbare Summe von einer Milliarde Euro erreicht und man ist in der Aufklärung noch immer nicht wirklich vorangekommen. Auch Walter Reinarz, der damalige technische Vorstand der Kölner Verkehrs-Betriebe AG (KVB), dessen Rücktritt mehr als einmal gefordert wurde, da doch die U-Bahn-Baustelle der KVB am Unglücksort noch immer zu den wahrscheinlichsten Unglücksursachen zählt, erfreut sich scheinbar auch weiterhin an seinem Gehalt. Auch wenn der Jahrestag in den Karneval fiel und viele Menschen natürlich auch in der Umgebung der Unglücksstelle, quasi im Trümmerfeld, feierten, ist auffällig, wie das Thema mehr und mehr aus dem Fokus der Öffentlichkeit rückt und somit auch die Schuldfrage immer weiter in den Hintergrund gerät. Ein Zustand, den man so nicht hinnehmen kann, er spielte nämlich denen in die Hände, die zur Gewinnmaximierung öffentliches Kapital und, noch viel schlimmer, Menschenleben vernichtet haben.

Verschwindet die KVB aus dem Fokus der Öffentlichkeit?
Spielten sich die Medien doch gerade in den letzten Wochen in der vermeintlichen Plagiatsaffäre um Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) als hohe Wächter von Ethik und Moral auf, fragt man sich natürlich in einem Fall, wie dem des Einsturzes des Kölner Stadtarchivs, wie weit dieses Interesse wirklich reicht oder ob man es doch nicht eher als Heuchelei einstufen sollte. Bei dem Skandal, der sich hier in der viertgrößten Stadt Deutschlands abspielte, muss doch ein weitreichenderes Interesse als eine gute Einschaltquote gelten und dies gilt natürlich gerade auch für den hier beheimateten WDR, der sich immerhin zu einem großen Teil aus öffentlichen Geldern in Form der so umstrittenen GEZ-Gebühren finanziert, also sollte man doch im Sinne dieser Gebühren allein schon ein stärkeres Engagement erwarten können. Allgemein muss man auch festhalten, dass, wenn man von Köln spricht, man von der Medienhauptstadt Deutschlands spricht. Umso erstaunlicher ist es, dass scheinbar mit der Abberufung des technischen Vorstands Walter Reinarz durch den Aufsichtsrat an dieser Front Ruhe eintrat, dabei läuft sein Vertrag und damit seine Bezüge bis 2013 weiter, danach gibt es dann weit über 50 Prozent des Gehalts als Pension.

Es kann eigentlich nicht sein, dass mit diesem Schritt, der kaum etwas Nachhaltiges in der Sache bewirkt hat, dieser gesamte Skandal, die Katastrophe nun nach und nach versandet. Natürlich wird weiter ermittelt und natürlich werden diese Ermittlungen irgendwann auch zu einem Ergebnis führen, nur man scheint doch jetzt schon erahnen zu können, dass all dies nicht befriedigend sein wird. Dies würde dann wiederum bedeuten, dass sich einmal mehr die Gier nach immer mehr Profit, die Gewinnmaximierung auf Kosten der Allgemeinheit und natürlich gerade auch im Fall der hier zu Schaden gekommenen Personen, gesiegt hätte. Dies Katastrophe, die sich hier vor über zwei Jahren ereignet hat, ist ein Beispiel dafür, wie menschenunwürdig das heutige Wirtschaftssystem ist und die Ermittler, wie auch alle anderen mit dem Fall betrauten Personen, würden ein positives Zeichen setzen, wenn sie geltendes Recht einmal so anwenden würden, dass die Verantwortlichen nachhaltig und spürbar für ihre Vergehen bestraft würden. Die Gesetze in Deutschland reichen aus, das Problem ist nur sehr häufig, dass sie gerade in Fällen, wie auch in dem hier angesprochenen, nur sehr milde angewendet werden und dafür haben natürlich weite Teile der Bevölkerung nur ein sehr begrenztes Verständnis und dies ist mehr als nur nachvollziehbar.

Schützen Bauernopfer die wahren Täter?
Gerade erst vor ein paar Tagen gab es die Urteile in einem Fall in dem es ebenfalls um Mobilität ging und zwar um den Transrapid und die Katastrophe, die sich dort im Jahr 2006 auf der Teststrecke ereignete und damals 23 Menschen das Leben kostete. Auch hier wurden Menschen, die mit dem Unglück zu tun hatten, verurteilt und zwar zu Bewährungsstrafen, auch hier fehlt aber scheinbar ein Urteil mit dem die Hinterbliebenen auf Dauer gut auskämen. Es sind altbekannte Abläufe, die man gerne mit Sätzen abtut, wie, dass es schon immer so war aber dies kann nicht die Antwort sein. Zurück zum Unglück an der U-Bahn-Baustelle der KVB in der Kölner Innenstadt. Es gab während der gesamten Bauphase dieses U-Bahn-Projektes Anzeichen, die so etwas erahnen ließen. Schon im Vorfeld kam es immer wieder zu Rissen in Gebäuden in der Nähe der Baustellen, sogar ein ganzer Kirchturm sackte ab, all dies half aber, wie man mittlerweile weiß, nicht die Katastrophe vom 3. März 2009 zu verhindern. Dies legt natürlich die Vermutung nahe, dass man um jeden Preis und dies ist hier in äußerst tragischerweise sehr wörtlich zu nehmen, vorankommen wollte und es kann nicht sein, dass sich dieser Stil immer mehr etabliert und zur traurigen Normalität im Land wird.

Es war auch bald die Rede von Diebstählen auf den Baustellen, die zu einer gewissen Instabilität geführt haben sollen und hier denkt man auch gleich wieder an Bauernopfer und wäre traurigerweise nicht überrascht, wenn diese irgendwann einmal zu Bewährungsstrafen oder ähnlichen verurteilt würden und die KVB und die beteiligten Baufirmen ungestraft davon kämen. Es kann nicht sein, dass Großunternehmen scheinbar jedes Risiko eingehen können und so ihre Gewinne, von denen der Großteil der Bevölkerung meistens so oder so nichts hat, da sich auch immer mehr dieser Unternehmen, zum Beispiel durch vermeintliche Krisenprobleme, aus der sozialen Verantwortung ziehen und über Leiharbeiter oder ähnliches auch nicht gerade von einer flächendeckenden Anhebung des Lohnniveaus in Deutschland die Rede sein kann, bis ins Unendliche maximieren können. Dieser Zustand, der am Ende des Tages nur einige Wenige weiterbringt und sich schon einmal gar nicht um die Opfer kümmert, spaltet die Gesellschaft immer weiter und immer tiefer und auch solche Unglücke und vor allem der Umgang mit ihren Folgen, leisten einen Beitrag an diesem Prozess. Deshalb ist es so wichtig, dass diese Katastrophe nicht durch irgendwelche Bauernopfer vorschnell abgeschlossen wird. Außerdem sollten sich die Medien, viel mehr damit beschäftigen, solche Sachverhalte wach zu halten, will man sich nicht noch unglaubwürdiger machen.

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Kategorie: Ein Kommentar zur Woche · Gesellschaft · Medien · Politik · Technik · Wirtschaft

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