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Die Wahrheit des Wortes

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Karneval-Der bestellte Frohsinn

12. Februar 2009

In genau einer Woche ist es wieder soweit, es ist der Beginn der großen Zeit des Straßenkarnevals. Natürlich ist dies gerade auch hier in Köln jedes Jahr ein großes Thema und somit greifen wir es natürlich auch in diesem Jahr wieder auf. Die Karnevalszeit an sich beginnt immer am 11.11. um 11.11 Uhr. Dies ist dann auch der erste Tag im Karneval, in dem in Köln der Ausnahmezustand herrscht. Dann kehrt allerdings auch wieder bis zum Straßenkarneval ein bisschen Ruhe ein. Karneval bedeutet Tradition und Freude. Karneval bedeutet allerdings auch Alkohol, Gewalt und eine riesige Portion an bestelltem Frohsinn. Letzteres sind die Gründe, warum sich die Redaktionsmitglieder dieser journalistischen Internetplattform bis heute nicht wirklich für den Karneval begeistern können.

Alkohol und Gewalt

Beim Ursprung des Karnevals handelt es sich um eine christianisierte Form der heidnischen Winteraustreibung. Hierdurch entstand ein Bezug zur christlichen Fastenzeit, was sich auch im Wort selber zeigt. Denn Karneval ist von `carne vale`, was aus dem lateinischen übersetzt so viel bedeutet, wie `Fleisch lebe wohl`, abgeleitet. Wenn man sich gerade auch hier in der Gegend den Karneval anschaut, mag man nicht wirklich an das Fasten denken. Denn eine Tradition im Straßenkarneval ist leider auch der maßlose Konsum von Alkohol geworden. Diese Art des unkontrollierten Konsums führt dann immer häufiger auch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Ein weiteres Problem in diesem Kontext ist aber auch, dass das Alter der Konsumenten immer jünger wird. Natürlich sprechen wir hier über ein Gesellschaftsproblem ganz allgemeiner Natur, welches man nicht nur am Karneval festmachen kann, da man solche Exzesse natürlich auch von anderen Großveranstaltungen, wie zum Beispiel dem Oktoberfest in München kennt. Trotzdem sind die Bilder jedes Jahr erneut erschreckend.

Was durch diesen Hang zum exzessiven Feiern auch ein bisschen untergeht, ist die Mühe und die Arbeit der Karnevalisten, die monatelang an ihren Wagen für die Umzüge basteln. Diese liebevoll gestalteten Wagen entstehen immer unter einem Motto, welches in jeder Stadt ein Mal im Jahr festgelegt wird. Es wird durch diese Art des Umzugs meist Kritik an der Politik, also der Obrigkeit gezeigt und auch dies ist eine alte karnevalistische Tradition. Umso trauriger ist es dann auch, dass diese gerade beschriebene Kritik immer mehr an Aufmerksamkeit und dadurch letztendlich auch an Bedeutung verliert. Aber auch der Verlust am Interesse an Politik und somit auch an Kritik an selbiger, ist natürlich auch wieder ein Indikator für den Zustand unserer Gesellschaft. So darf man mit Spannung dieses Jahr abwarten, wie sehr das Thema Weltwirtschaftskrise in die Wagen einfließt und was es bei den Betreibern, aber vor allem auch bei den Zugbesuchern auslöst. Man sieht auch Karneval wäre eine gute Möglichkeit sich in breiter Front gegen die Ungerechtigkeiten in diesem Land zu stellen. Aber wahrscheinlich verfährt man auch in diesem Jahr wieder eher nachdem Motto, warum etwas verändern, wenn man sich die Krise auch Schönsaufen kann.

51 Wochen stocksteif

Eine weitere Besonderheit die einem im Karneval immer wieder auffällt ist, dass es doch scheinbar von einer breiten Masse gefeiert wird, die den Rest des Jahres eher stocksteif ist. In dieser Zeit des bestellten bzw. scheinbar verordneten Frohsinns, trifft man auf Massen an Menschen, die das ganze Jahr über eher nicht zu den Frohnaturen und Partypeople gehören. Wohl auch ein Grund dafür, warum Karneval auch immer die große Zeit der Seitensprünge ist. Es scheint alles erlaubt. Außerdem ist es schon komisch von Menschen zu hören, von denen man das restliche Jahr über meint, sie würden zum Lachen in den Keller gehen, die sich dann plötzlich als eingefleischte, feiernde Karnevalisten zeigen. Persönlich brauchen wir hier in der Redaktion nicht erst in den Kalender zu schauen um mit Frohsinn feiern zu können. Aber natürlich bleibt auch dies jedem selber überlassen, auch wenn es natürlich an der einen oder anderen Stelle sehr nach Heuchelei klingt, denn Frohsinn kann eigentlich keine Sache des Kalenders sein. Vermutlich ist allerdings aber auch in diesem Punkt ein wenig der Grund für die viele Gewalt im Karneval zu suchen, denn wenn tausende von Menschen nun plötzlich Mengen an Alkohol vernichten und sich plötzlich in einer völligen Ausnahmesituation befinden, kann dies auch zu Aggressionen führen.

Persönlich erinnere ich mich noch sehr gut an die Karnevalstage des Jahres 2005. Gerade waren die Arbeitslosenzahlen veröffentlicht worden und zum ersten Mal war die Marke von fünf Millionen gefallen. Ich war im Rheinland unterwegs und arbeitete in verschiedenen Städten an einer Photokunstreihe und war doch sehr überrascht darüber, was mir in den Karnevalshochburgen so alles entgegen schwappte. Es war eine riesige Welle an purer, meist alkoholvernebelter Freude. Es war zum Teil schon erschreckend. Da steckte Deutschland in einer massiven wirtschaftlichen Krise, sehr viele Menschen bangten um ihre Arbeitsplätze aber im Kalender stand feiern, also kommt man dem auch nach. Natürlich sind solche Zeiten auch immer gut um zu vergessen, auch wenn man dazu Mengen an Alkohol benötigt. Die Erfahrung aus 2005 hat mir gezeigt, was uns alle dieses Jahr erwartet, denn die Krise ist noch größer geworden und wir sprechen mittlerweile von einer Weltwirtschaftskrise, wie sie dieses Land noch nie erlebt hat aber auch in diesem Jahr steht feiern im Kalender. Also saufen wir uns das Leben wieder ein Mal schön. Vielleicht ist hier auch die Begründung für das Verhalten mancher Karnevalisten außerhalb der `tollen Tage` zu suchen und sie haben einfach die restlichen 51 Wochen einen Kater, denn nach Karneval ist sie plötzlich wieder da, die Realität und die lädt auch in diesen Tagen nicht gerade zum Feste feiern ein.

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Kategorie: Gesellschaft · Kultur · Politik · Wirtschaft

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