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Die Wahrheit des Wortes

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Kachelmann – Und so bleiben viele Fragen offen

1. Juni 2011

Freispruch im Fall Jörg Kachelmann. Nach 43 Verhandlungstagen und einer Prozessdauer von fast neun Monaten fiel am gestrigen Tag das Urteil im Verfahren gegen den ehemaligen Wetterfrosch Jörg Kachelmann vor dem Landgericht in Mannheim. Wer die gestrige Berichterstattung zur Urteilsverkündung miterlebt hat, weiß, dass man hier von einem sehr, sehr besonderen Verfahren sprechen muss, an dessen Ende ein Urteil steht, welches verschiedenartig kommentiert wurde und dies auch mit gutem Grund. Fakten in der Sache selbst brachte allerdings auch dieses Urteil kaum mit sich, denn es war ein Freispruch durch Mangel an Beweisen oder wie man es im Volksmund auch nennt, ein Freispruch zweiter Klasse. Im Klartext bedeutet dies, dass der Angeklagte freigesprochen wurde, da die Beweise gegen ihn nicht für eine Verurteilung ausreichten. In dubio pro reo. In Zweifel für den Angeklagten. Dies wiederum bedeutet natürlich auch, dass es weiterhin eine Möglichkeit gibt, dass er die Tat tatsächlich begangen hat. Es bedeutet aber ebenfalls auch, dass es weiterhin denkbar ist, dass er zum Opfer einer hinterhältigen Intrige wurde. Ein Fakt ist, dass das Thema Jörg Kachelmann aus verschiedenen Gründen auch noch weiter sehr hoch im Kurs stehen wird und man davon ausgehen darf, dass all dies noch lange nicht vorbei ist.

Freundschaften wurden hier keine geschlossen
Wie gesagt, es wird sich erst einmal nicht klären lassen, was sich im Fall Jörg Kachelmann wirklich ereignet hat, denn weder seine Schuld, noch seine Unschuld konnten in diesem spektakulären Verfahren bewiesen werden. Es war ein öffentlicher Schlagabtausch bis in die letzte Sekunde, der auch ganz offensiv über die Medien ausgetragen wurde, die sich scheinbar auch sehr gerne dieser Rolle annahmen. So sprach zum Beispiel der Wahlverteidiger von Kachelmann, Johann Schwenn, von befangenen Gerichten, was natürlich schon einmal als sehr hartes Statement eingestuft werden kann. Etwas zurückhaltender aber trotzdem nicht nachgebend, zeigte sich auch die Pflichtverteidigerin, Andrea Combé, die weitere Schritte offen ließ, dies aber in einer Art, die die Vermutung zulässt, dass noch einiges in diesem Fall passieren könnte. Aber nicht nur die Verfahrensbeteiligten sorgten für interessante Szenen, so gab es wohl im Gerichtsaal spontanen Applaus zur Urteilsverkündung, was zu mindesten unüblich ist. Auch die Art, wie zum Beispiel Alice Schwarzer das Urteil kommentierte, zeigte wieder mit welch großer Einflussnahme hier von Seiten der Medien agiert wurde, was den Fall in seiner Gesamtheit bestimmt nicht unterstützt haben dürfte, sondern eher noch verkompliziert hat. Nun hat die Staatsanwaltschaft ein Woche Zeit Revision gegen dieses Urteil einzulegen und somit gegebenenfalls den Fall vor den Bundesgerichtshof (BGH) zu bringen.

Die Klärung der Frage, ob sich der BGH mit diesem Fall wirklich auseinandersetzen wird, kann sich allerdings noch Wochen hinziehen. Denn die Revision muss zwar binnen einer Frist von einer Woche nach Urteilsverkündung, also bis nächsten Dienstag, beantragt werden, basiert dann aber letztendlich auf dem schriftlichen Urteil und dies kann noch Wochen dauern. Erst wenn dieses geprüft ist, würde es dann tatsächlich zur Revision kommen oder diese würde dann noch verworfen werden. Die Revisionsfrage ist deshalb auch so spannend, da es angeblich im Vorfeld Absprachen gegeben haben soll, dass die Staatsanwaltschaft im Falle eines Freispruchs auf die Revision verzichtet, was laut Verteidiger Schwenn, dem Gericht die Möglichkeit gegeben hat, den Angeklagten mit der Urteilsbegründung noch einmal durch Nachtreten ordentlich zu beschädigen. Beim Thema Schaden ist man direkt bei einem weiteren spannenden Thema, da man so natürlich nicht wirklich beurteilen kann, wer nun Opfer und wer Täter in diesem ganzen Fall ist, wird es auch schwer sein abschließend zu klären, wer den meisten Schaden in diesem Fall hatte. Kachelmanns Wetterdienst ließ zu mindestens direkt nachdem Freispruch vermelden, dass man sich auf die aktive Rückkehr des Unternehmensgründers sehr freuen würde. Wie das Standing von Kachelmann, dessen Image als Traumschwiegersohn in diesem Prozess wahrscheinlich gänzlich zerstört wurde, in der Öffentlichkeit zukünftig sein wird, werden die nächsten Tage, Wochen und Monate zeigen.

Die Vollprofis
Völlig unabhängig vom Ausgang dieses Verfahrens, darf man annehmen, dass Jörg Kachelmann Profi genug ist, um wieder ganz aktiv in der Medienwelt zu agieren. In welcher Form dies geschehen wird, bleibt natürlich abzuwarten und wird auch davon abhängen, wie man ihn zukünftig in der breiten Öffentlichkeit wahrnehmen wird aber um dies positiv zu beeinflussen, gibt es natürlich auch Profis, die den Medienprofi hier auch unterstützen werden. Denn es sollte auch klar sein, dass wahrscheinlich vieles, was über die Medien, wie durch Zufall, im Laufe der Prozessdauer in die Öffentlichkeit gelangte, wahrscheinlich gar nicht so zufällig war, wie man es vielfach versuchte zu vermitteln, sondern eher scheinbar ganz gezielt durch die Vollprofis aus den beiden Lagern gestreut wurde. Hier muss man sich natürlich zum einen wieder die Frage stellen, in wie weit sich Medien nur noch manipulieren bzw. instrumentalisieren lassen und dies wohl aus einem rein finanziellen Interesse heraus. Man muss sich aber auch fragen, welche gesellschaftlichen Auswirkungen all dies dauerhaft haben wird, denn der Prozess gegen Jörg Kachelmann deutet auch auf noch etwas hin und zwar, dass es hier längst nicht nur um das Verfahren vor dem Landgericht in Mannheim ging. Es ist zu erkennen, dass es bei solchen Verfahren, wie es auch gerade in den USA gegen den Ex-Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, angestrebt wird, noch eine zweite, mindestens genauso wichtige Ebene gibt.

Verfahren, wie man sie gerade gegen Kachelmann vor dem Landgericht in Mannheim erleben dürfte und eben auch bald gegen Strauss-Kahn in den USA sehen wird, haben natürlich in erster Linie einmal juristische Bedeutung und können in dessen Folge natürlich durch erhebliche Haftstrafen, im Falle einer Verurteilung, auch massiv und nachhaltig auf das Leben der betroffenen Personen einwirken. Wie der Fall Kachelmann aber auch zeigte, haben diese Fälle natürlich auch außerhalb des Gerichts, auch im Falle eines Freispruchs, Folgen. Nun war immer wieder die Rede davon, wie sehr dieses gesamte Verfahren seinen Ruf geschädigt hat und hier kommt in gewisser Weise eine ganz andere Art der Frage nach Gerechtigkeit auf. Wenn, wie es zum Teil im Verfahren den Anschein hatte, Kachelmann gar nicht der Traumschwiegersohn ist, für den ihn die Öffentlichkeit über all die Jahre hielt, bedeutet dies natürlich auch, dass er sehr viel Geld mit einem Image verdient hat, welches gar nicht seiner Person entsprach. Dies wiederum wirft die Frage auf, ob dieses Geld, zu mindesten moralisch gesehen, überhaupt legitim erworben wurde. Hätte es die Karriere eines Jörg Kachelmanns in dieser Form wohl gegeben, wenn er, unabhängig vom Vorwurf der Vergewaltigung, dieses Image im Kontext auf Frauen, was er nun hat, schon im Vorfeld gehabt hätte? Auch diese Frage lässt sich jetzt wohl kaum noch klären und zählt wohl mit zu den vielen Fragen, die in diesem Fall offen bleiben und dies wahrscheinlich für immer.

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Kategorie: Gesellschaft · Medien

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