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Die Wahrheit des Wortes

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K wie Kohle und Kolumbien

15. Juli 2011

Die deutsche Politik feierte gerade erst einen großen Sieg für den Schutz der Umwelt und natürlich auch für die Sicherheit der Bürger, es ging um den endgültigen Ausstieg aus der Atomkraft. Man darf wohl annehmen, dass damit ein zweiter politischer Höhepunkt, nachdem Wahlsieg der Grünen im Ländle, im Kontext der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima erreicht wurde. Die tatsächlichen Folgen dieses erneuten Ausstiegs bleiben allerdings genauso im Dunklen, wie die Antwort auf die spannende Frage nach den Kosten, die so viele Bürger mit voller Berechtigung noch immer beunruhigt. Außerdem steht das Thema Versorgungssicherheit auch noch ziemlich weit oben auf der Agenda und man darf gespannt sein, ob der Begriff Dunkeldeutschland nicht bald in einem ganz neuen Zusammenhang eine große Renaissance feiert.  Man will nun wieder zur Kohle zurückkehren und Klimawandel und Erderwärmung werden einfach aus dem Sprachgebrauch verbannt und dass der große Wandel jetzt hin zu erneuerbaren Energien im ausreichend Maß durchgeführt wird, darf doch bezweifelt werden oder er wird so vollzogen, dass auch Energie bald ein Luxusgut sein wird. Man sieht sehr schnell, dass sich selbst eine große, geballte politische Allianz in Deutschland scheinbar nicht mehr gegen die Lobbyisten aus der Energiewirtschaft durchsetzen kann, was abermals ein ganz schlechtes Bild auf die deutsche Politik wirft und dies über Parteigrenzen hinweg. Wenn man nun schon von Grenzen spricht, muss man auch festhalten, dass es natürlich andere, ferne Länder gibt, die durch diesen Beschluss nun wirklich einen Grund haben, ein Fass aufzumachen.

Der große Rausch
Denkt man an Kolumbien, denkt man in allererster Linie an viel Berauschendes von Kokain bis Kaffee und ist damit auch direkt bei den Exportschlagern des Landes. Man darf nur nicht unterschätzen, dass gerade auch der Norden des Landes über riesige Kohlefelder verfügt, die hier im großen Stil im Tagebau abgebaut werden. Eine große Menge verschifft man jetzt schon nach Deutschland und es ist davon auszugehen, dass es schon sehr bald noch viel, viel mehr wird. Der deutsche Stromkunde macht sich wohl kaum Gedanken darüber, wie viel Energie hier für den Abbau verbraucht wird und auch nicht darüber, wie viel Energie die Schiffe verbrauchen, die Tonnen dieser Kohle über den Atlantik nach Deutschland bringen.  Ebenso sieht es mit dem Fakt aus, dass hier auch nicht gerade zimperlich im Kontext der Umsiedlung der Menschen umgegangen wird, die auf diesen Feldern leben.  Globalisierung in einer raubtierkapitalistischen Welt bezieht sich offensichtlich nicht immer auf alle Gebiete des Lebens.  Nun muss man sich nicht nur fragen, welchen Einfluss all dies auf die Energiekosten haben wird, sondern sollte auch direkt am Ball bleiben, was die Erderwärmung angeht, eines der Hauptthemen der Wissenschaft, als man bis vorm Super-GAU in Fukushima scheinbar noch nach unterstützende Argumenten für Kernkraft suchte. Sollte dieses Thema nun weiter aus dem Fokus rücken, würde dies ein weiteres Mal ein ganz schlechtes Licht auf die Unabhängigkeit der Wissenschaft werfen. Man sieht aber auch wieder deutlich, wie sehr die Energiepolitik in den letzten Jahren und Jahrzehnten versagt hat.

Man sollte übrigens auch nicht überrascht sein, wenn Deutschland in Zukunft Atomstrom für teures Geld von anderen Ländern, auch innerhalb der Europäischen Union (EU), einkauft, denn dieser erneute Ausstieg ist kein großes europäisches Gemeinschaftswerk, sondern ein deutscher Alleingang. Auch hier sieht man wieder sehr schön den Nutzen der EU. Wenn es um Normen von Gurken oder ähnliches geht, ist man ganz schnell am Start aber wenn es um Themen, wie die Energieversorgung oder gar Sicherheitsfragen im Kontext der Atomkraft geht, ist von Einigkeit in Europa nicht mehr viel zu spüren. Auch hier kommen wieder Fragen auf, wem dieser europäische Klotz, der vielleicht so oder so bald schon Geschichte sein wird, nutzt. Wenn in Frankreich ein Atomkraftwerk (AKW) kollabiert, trifft dies auch Deutschland massiv, hier ist von gemeinschaftlichem Schutz der Bürger, wie er zum Beispiel beim Thema des Nichtraucherschutzes so groß geschrieben wird, gar nichts mehr zu spüren. Wo die Energieriesen, natürlich auch die deutschen, in Zukunft ihr Geld mit ihren AKW verdienen, dürfte denen ziemlich egal sein. Es ist schon komisch, was man in diesen Tagen in Deutschland so alles, als den großen Wurf feiert.  Den Menschen im Land bleibt nicht viel Grund zum Feiern, bis sie dies allerdings begriffen haben, wird es auch diesmal wieder zu spät sein. Ganz anders sieht es da, wie geschildert, bei denen aus, die ihren Schnitt so oder so machen und das dieses Konzept auch weiterhin aufgeht, erklärt auch, warum man auch diesmal nicht auf eine nachhaltige und vernünftige Energiewende hoffen sollte und wer weiß, vielleicht gibt es schneller, als man denken mag, doch wieder Beschlüsse und Anlässe, die dann zu einer Renaissance der Atomkraft führen.

Atomfreies Österreich
Nicht ganz unberechtigt war dann auch der Einwand von Gregor Gysi (Die Linke), warum man die Atomfreiheit, bei einem so großen politischen Konsens der im Thema bestand bzw. noch besteht, nicht auch gleich im Grundgesetz verankerte, wie es in Österreich der Fall ist. Sonst tut man sich in Deutschland bei anderen Themen auch nicht so schwer das Grundgesetz zu ändern aber wer weiß, welche Kräfte dies nicht wollten und sich hier durchgesetzt haben. Ein paar weitere Jahrhundertfluten, massenhafter Stromausfall und ähnliches, dazu ein paar höchst unabhängige Wissenschaftler die erklären, dass all dies auf den Ausstieg aus der Atomenergie zurückzuführen ist und Politiker, die einmal mehr anmerken, dass man mit dem Ausbau der Netze und den erneuerbaren Energie noch nicht soweit ist, und schon könnten AKW wieder ein Thema sein. Spätestens die fatale Atomkatastrophe von Tschernobyl wäre ein ausreichender Anlass gewesen neue Wege in der Energiewirtschaft einzuschlagen und die Risiken und Nebenwirkungen fossiler Energieträger waren auch damals schon ausreichend bekannt, trotzdem verstrichen die 25 Jahre zwischen Tschernobyl und Fukushima so gut wie ungenutzt. Dieser Fakt wird auch dadurch untermauert, dass man ansonsten jetzt nicht vor dem riesigen Berg an Problemen, vor dem man eben aktuell steht, erstarren würde, sondern ausreichende Konzepte und Lösungen hätte. Die Politik hat auch in diesem Bereich Jahrzehnte lang versagt, während sich die Energiemultis freuten und die Taschen voll stopften und auch im Moment sieht es hier nicht danach aus, als würde sich dieser Weg gerade ändern.

Auch an dieser Stelle feiert man etwas, was eigentlich nichts anderes ist, als eine weitere politische Bankrotterklärung, wie man sie auch schon aus dem Bereich der Sozialsysteme kennt. All dies ist auch ein Beweis dafür, dass diese Probleme in der heutigen Parteienlandschaft in Deutschland scheinbar nicht lösbar sind, denn ganz offensichtlich sitzen sie alle in einem Boot und dieses wird nicht mehr von den Bürgern auf Kurs gehalten, sondern von den Kapitänen der Wirtschaft. Es sollte also nun niemand meinen, hier wäre großartig etwas für den Schutz der Bürger oder der Umwelt getan worden, denn, dass dies das wirkliche Anliegen der Politik war und dies dann auch in einem gerechten Kontext, der auch die Energieriesen und nicht nur die Verbraucher trifft, umgesetzt wird, muss auch weiterhin bezweifelt werden. Aktuell sieht es so aus, als hätte sich nur die Art der Verschmutzung wieder geändert und wieder mit der Folge von Preissteigerungen und natürlich wieder mit besten Gewinnaussichten für die, die auch gewillt sind Kohle von Kolumbien bis Deutschland zu holen, damit der Rubel auch weiterhin fleißig rollt. Es ist nun an den Bürgern selbst die Entwicklungen genau im Auge zu behalten und sich weiterhin für einen fairen Umgang mit der Umwelt einzusetzen, egal aus welcher Richtung politisch oder auch wirtschaftlich die Bedrohung kommt. Es zeigt natürlich auch wieder massiv, wie wichtig endlich ein gänzlicher Systemwechsel in diesem Land ist, um das Übel wirklich einmal an der Wurzel zu packen. Wie gesagt, die Atompolitik ist nur ein Problem und eben nicht das einzige. Es wird Zeit, dass in diesem Land Probleme endlich einmal angegangen werden und zwar jetzt.

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Kategorie: Ein Kommentar zur Woche · Europa · Gesellschaft · Medien · Neues aus Österreich · Politik · Technik · Umwelt · Wirtschaft

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