Julia Timoschenko und der Fußball
14. Oktober 2011
Es geschah nur einige Stunden vor dem Anpfiff des letzten Qualifikationsspiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Belgien in Düsseldorf am Dienstag. Eigentlich freute man sich schon auf ein außerordentlich positives Ende dieser Quali zur Euro 2012 in Polen und der Ukraine, was es aus rein deutscher Sicht, für die Jungs von Joachim Löw, mit dem zehnten Sieg im zehnten Spiel, auch war, denn man schlug die Belgier mit 3:1. Aber es lag ein dunkler Schatten auf diesem letzten Qualifikationsspieltag, denn in der Ukraine wurde die ehemalige Regierungschefin Julia Timoschenko zu sieben Jahren Haft wegen Amtsmissbrauch verurteilt. Im Westen sieht man diesen Prozess und das Urteil des gerade einmal 31 Jahre alten Richters, als politisch motiviert an, was nicht für Demokratie in dem Land spricht, in dem in einigen Monaten die Euro 2012 stattfinden soll. Ein weiteres Problem für das Turnier könnte werden, dass Timoschenko noch im Gerichtssaal zur Revolution aufrief, was auf der Straße von den Menschen auch angenommen wurde. Es gab Kommentare die besagten, man stünde kurz vor Zuständen, wie in Ägypten oder noch schlimmer. Man sieht, wie schlecht die Aussichten im Moment sind und dies, wie gesagt, nur einige Monate vor dem großen Turnier und immerhin soll unter anderem das Endspiel in der ukrainischen Hauptstadt Kiew stattfinden. Man fragt sich mittlerweile natürlich immer mehr, gerade auch nach dem finanziellen Desaster, welches die EM 2012 wohl für die Ukraine bedeutet, ob die Auswahl dieses Landes eine so clevere Entscheidung war?
Demokratie?
Demokratie ist in diesen Tagen ein ganz allgemein immer wiederkehrendes Thema und dies weit über die Ukraine, als einer von zwei Austragungsorten der Euro 2012, hinaus. In China heißt es die Demokratie würde keine Menschen ernähren, in Deutschland kommen auch Fragen in Richtung der Demokratie auf, schaut man sich den Skandal um den Bundestrojaner an aber all dies soll nicht Thema dieses Artikels sein. In diesem Artikel geht es um die Frage, wie sinnvoll die Auswahl der Ukraine als Austragungsort der nächsten Europameisterschaft war? Zweifel an den demokratischen Strukturen in diesem Land gibt es nicht erst seit der Verurteilung der ehemaligen Regierungschefin Julia Timoschenko, die sieben Jahre Haft für ein Gasgeschäft bekam, welches man ihr als kriminelle Handlung im Rahmen von Amtsmissbrauch vorwarf. Man weiß nun aber auch spätestens seit den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking, dass man in Zeiten völligen Konsumrausches, der auch im Sport schon lange angekommen ist, auf Themen wie Menschenrechte oder ähnliches gerne verzichtet. So werden diesmal keine Armbändchen für Tibet verkauft, sondern vielleicht welche für Demokratie in der Ukraine mit denen man zeigt, dass man diese Tendenzen unterstützt, obwohl man es natürlich nicht unterstützt, wenn man sich an einem solchen Event beteiligt. Heuchelei gibt es eben auch im Sport. Die Lage könnte sich in der Ukraine allerdings für alle Beteiligten noch drastischer darstellen, als es damals in der chinesischen Hauptstadt der Fall war, denn erst die nächsten Tage, wenn nicht gar Wochen und Monate werden Auskunft über die Stabilität im Land geben und im Moment gibt es wieder verstärkte Tendenzen, die auf eine Revolution hindeuten.
Julia Timoschenko rief noch im Gerichtssaal direkt zu einer solchen auf und dieser Aufruf kam doch auch zu einem gewissen Teil bei der Bevölkerung an. Wenn man dann von den Menschen auf der Straße hört, dass die Zustände schlimmer werden könnten, als sie es in Ägypten seien, wo auch Monate nachdem Umsturz noch keine Ruhe eingekehrt ist, kann man sich nicht wirklich vorstellen, wie man in einem solchen Umfeld ein fröhliche Fußballfest feiern will. Ganz allgemein, auch wenn es nicht zu einer Revolution kommen sollte, wird die Frage nach den Sicherheitskräften hier auch noch einmal eine spannende, da hier natürlich doch auch noch andere Maßstäbe, als in den Austragungsorten damaliger Zeiten, gelten dürften. Man darf aber doch auch schon davon ausgehen, dass die Verantwortlichen des Sports auch dieses Szenario mit einkalkuliert haben und vielleicht erlebt man im nächsten Jahr dann eine EM 2012 die nur in Polen stattfindet. Man erkennt so oder so, wie auch hier mittlerweile die Prioritäten gesetzt werden und die sprechen nicht für diesen großartigen Sport, denn eine Ignoranz gegenüber Demokratie unter dem Deckmantel man wolle den Menschen etwas Gutes tun, war schon in Peking einfach nur lächerlich und auch hier hatte der Sport keinerlei nachhaltige Auswirkungen auf das Regime und genau dies wird auch in der Ukraine der Fall sein. Allerdings, und auch das steht jetzt schon fest, wird dieses Fußballturnier, unabhängig davon, ob man es dort abhalten kann oder nicht, Auswirkungen für die Menschen haben und zwar finanzielle.
Finanzen?
Große Sportereignisse, zu denen man natürlich auch immer Fußballeuropameisterschaften zählt, haben große Anforderungen an die Infrastruktur der Austragungsorte und so ist es natürlich auch im Fall der Euro 2012 in Polen und der Ukraine. Sieht in Polen alles gut aus, so dass man hier mit keinerlei Problemen, auch nicht im Bereich der Infrastruktur zu rechnen hat, sieht es, auf dieser sprichwörtlichen Baustelle, in der Ukraine noch einmal völlig anders aus. Natürlich machen die Verantwortlichen ganz im Sinne der globalisierten, raubtierkapitalistischen Philosophie eine gute Miene zum bösen Spiel, allerdings ist auch klar, wie schlecht die Realität hier aussieht. Es ist also ganz, wie mit den Finanzen der Europäischen Union (EU), wo man auch immer noch so tut, als hätte man alles unter Kontrolle. Wie in der EU auch, gilt auch für die Ukraine, dass man den Schein nur mit noch mehr Schulden erhalten kann. Dies bedeutet die Kosten für das Turnier sind jetzt schon mehr als dreifach so hoch, wie ursprünglich einmal geplant, da man zum Ende wesentlich anders vorgehen musste, als es die ursprünglichen Pläne vorgesehen hatten, um überhaupt noch eine Chance zu haben, halbwegs annehmbare Zustände zu schaffen, was man auch immer darunter verstehen mag, außer einem finanziellen Desaster. Man kann sich vorstellen, was eine solche, völlig ungeplante Mehrbelastung für ein Land wie die Ukraine bedeutet und auch dort ist es nicht anders, als in der EU oder auch in Deutschland, die Zeche werden auch hier die Bürger bezahlen. Ob die alle so fußballbegeistert sind, dass sie dies gerne hinnehmen, darf dann wohl eher bezweifelt werden.
Genau dieser Weg, weit entfernt von den Menschen, weit entfernt vom Kern des Sports, ist es natürlich auch, der zeigt, wie sehr eben auch dieser gesellschaftliche Bereich mittlerweile schon im globalisierten Raubtierkapitalismus verankert ist. Das die Verantwortlichen immer wieder andere Dinge behaupten, wirkt da in den meisten Fällen schon einfach nur noch lächerlich. Man darf nun mit großer Spannung sehen, wie sich die ganz direkte Zukunft in der Ukraine in den nächsten Wochen und Monaten entwickeln wird und wird sehen, wie die Verantwortlichen des europäischen Fußballs darauf reagieren. Mit Sicherheit wird man schon spannende Ausreden vorbereitet haben und wird sich natürlich auch wieder sehr überrascht von alldem zeigen, was dort passiert. Es wird außerdem auch sehr spannend zu sehen sein, wie sich die Linien und Strategien zum Beispiel der EU, die der Ukraine schon drohte, und der UEFA unter einen Hut bringen lassen werden, denn dass, was man bisher sehen dürfte, hat keinen Sinn ergeben und es scheint auch für das nahende Szenario keine wirklich gemeinschaftlich passenden Antworten zu geben. Neben den Menschen in der Ukraine ist dies alles natürlich auch wieder einmal eine große Enttäuschung für alle Fußballfans, die nun zu mindestens im Bezug auf den Austragungsort Ukraine in einer großen Unsicherheit verharren müssen und dies kann unter gar keinen Umständen das Ziel eines solch großen Sportevents sein und auch darüber sollten die Verantwortlich einmal nachdenken, bevor sie Turniere an solchen Orten planen.
Kategorie: Europa · Gesellschaft · Politik · Sport · Wirtschaft































Bis jetzt 1 Kommentar ↓
1 Der BALLacker » Das awr 2011 // 15. Nov 2011 at 13:12
[...] Kontingent erkennen und genau dies muss Jogi Löw bis zum großen Turnier in Polen und der Ukraine im nächsten Sommer noch ändern, sonst gibt es schon wieder nichts mit einem, dieser [...]
Schreib was dazu