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Die Wahrheit des Wortes

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Josef Fritzl und der Fall Amstetten

29. April 2008

Im westlichen Niederösterreich liegt das beschauliche Amstetten. Hier leben knapp über 23.000 Einwohner und seit einigen Tagen hat dieser Ort auf grausamste Weise Berühmtheit erlangt. Der 73 Jahre alte Josef Fritzl sperrte hier vor 24 Jahren seine damals 18 Jahre alte Tochter Elisabeth in den Keller und zeugte mit ihr 7 Kinder, von denen eines unmittelbar nach der Geburt verstarb. Dieses verbrannte er scheinbar in einem Heizofen. Drei Kinder lebten mit ihrer Mutter Elisabeth im Kellergefängnis, welches mit einer schweren, tresorartigen Tür gesichert war. Die anderen drei, ebenfalls durch Inzest gezeugten Kinder, zog er scheinbar völlig normal zusammen mit seiner Frau Rosemarie und den anderen gemeinsamen Kindern auf. Ein Mal mehr ist die Welt geschockt, vielleicht sollte man sich daran gewöhnen, dass die Gesellschaft die wir geschaffen haben krank ist und so etwas wohl mehr und mehr zu unserer aller Realität werden wird.

Natascha Kampusch und die Rolle der Medien

Es kommt einem schon fast wie ein altbekanntes Ritual vor, wie die Medien sich seit Tagen auf den Kriminalfall von Amstetten stürzen. Es werden Computeranimationen der Räume, wo die vier Personen gefangen gehalten wurden, erstellt. Es werden Minihubschrauber eingesetzt, um das Haus der Familie Fritzl aus der Luft zu zeigen und vor allem werden Mengen an Zeugen, Bekannten und ähnliche rekrutiert. Viele der Dinge, um die es sich hier dreht, haben mit dem Recht auf Information, was wir alle haben, schon lange nichts mehr zu tun. Es geht wieder Mal in der Hauptsache darum, dass Leiden von Menschen bestmöglich zu vermarkten. Man darf die Ware menschliches Leid nicht unterschätzen. Man darf sich natürlich auch fragen, wie zulässig so etwas ist. Dieser Fall aus Niederösterreich ist nun schon der zweite Fall in dem Menschen in diesem Land für lange Jahre verschwinden, ohne das es jemandem auffällt. Ohne das Nachbarn, Mitbewohnern oder Familienangehörigen etwas merkwürdig vorkommt. Das letzte Opfer war Natascha Kampusch, die gut acht Jahre lang in Gefangenschaft war.

Im aktuellen Fall tritt sie als Helferin und Spenderin für die Opfer auf und ruft dazu auf zu spenden. Natürlich nicht ohne sich auch ein Mal mehr medienwirksam in einem Exklusivinterview zu präsentieren. Denn man darf wohl sagen, dass Frau Kampusch zu einer Medienexpertin geworden ist, was auch nicht zu letzt ihre Internetseite auf der sie `Nataschas Welt` zeigt, beweist. Es ist ethisch und moralisch sehr fraglich, wie weit man gehen darf oder viel mehr gehen sollte, auch als Opfer. Denn wenn man die Geister, als die man in diesem Fall wohl die Medien ansehen muss, ein Mal rief, wird es nur sehr schwer sie wieder loszuwerden. Allgemein geht es auch in diesem Fall wieder mehr um die Dinge, die strafrechtlich gar nicht so relevant sein dürften, sondern Quote und damit Geld bringen. Es wird von Fernbedienungen für die tresorartige Tür berichtet und über die Versorgungslage der Opfer, während eines Thailandurlaubs des Peinigers, philosophiert. Das bedenklichste ist aber wohl, diese nicht zu entschuldigende, perverse Tat irgendwie erklären zu wollen.

Darf es noch ein bisschen schlimmer sein?

Zerfetzte Leichen, Opferinterviews und das alles am besten hautnah und in Hochauflösenden Farben, das ist sie, unsere neue Welt. Die Menschen hängen gebannt vor ihren Fernsehern und schauen sich an, wie grausig die Welt zwischen Tibet und dem Irak ist. Scheinbar vergessen darüber hinaus nur viele Menschen sich mit dem, was sich tatsächlich direkt vor ihrer Haustür geschieht, auseinanderzusetzen. Wenn dann der Tag kommt, wo bei ihnen um die Ecke etwas passiert, sind sie aber direkt dabei und geben Interviews und erklären vor allem, dass sie sich das Geschehen nicht erklären können. Das müssen sie letztendlich auch so darstellen, denn sonst wären sie mitverantwortlich und wenn auch nur durch Ignoranz. So spielen alle das Spiel mit und keiner trägt Schuld. Fragen, wie man es zum Beispiel schaffen kann, für eine vierköpfige Familie, die in einem Keller 24 Jahre lang gefangen gehalten wird, einzukaufen und ähnliches, ohne das es jemand mitbekommt, bleiben erst ein Mal unbeantwortet.

Wir alle sind Teil dieser abgestumpften Gesellschaft für die 30 Tote bei einem Selbstmordattentat schon keine Schlagzeile mehr ist. Es ist eine scheinbare Gier nach immer dunkleren Tragödien, die sich dann am besten noch direkt vor unserer Nase abspielen. Über all dies verdrängen wir dann, dass was uns auch interessieren sollte. Wie kann es in einem vereinigten Europa, in dem immer höhere Sicherheitsstandards gelten, in dem die Freiheit des Einzelnen immer mehr zum Wohl der Gemeinschaft eingeschränkt wird, passieren, dass Menschen 24 Jahre lang gefangen gehalten werden. Der Peiniger von Natascha Kampusch nahm sich das Leben. Da der Täter im aktuellen Fall auch schon 73 Jahre alt ist, hat er auch kein unendlich langes Leben mehr vor sich. Dies bedeutet in der Hauptsache bleiben die Opfer, bleibt das Grauen und das Warten auf die nächste grausige, blutige Tragödie. Die sich dann hoffentlich nah bei einem, aber auch nicht zu nah, abspielt.

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Medien · Neues aus Österreich

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