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Die Wahrheit des Wortes

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Ich “himmle” mich

8. Februar 2009

Heute “himmle” ich mich, indem ich mich aufrecht hinsetze und durch die Nase ein- und durch den Mund ausatme. Dabei visualisiere ich, wie ich hinauf gehe in die geistige Lichtkugel über meinem Kopf und dort den breiten Lichtstrahl spüre, der aus Vater Himmel zu mir kommt. Ich atme in dieses liebevolle Licht hinein und hülle mich vollständig damit ein. Dieses Zitat haben wir im Newsletter der Heilerin gefunden. Und wir wundern uns, warum wir den Blick zum Himmel, wenn schon auch nur mit Nase und Mund, richten dürfen? Ist denn die Hauptbewegungsrichtung des Menschen nicht eine nach vorne? Ist denn die menschliche Anatomie nicht dafür ausgerichtet, gerade stehend und gerade nach vorne und seitlich blicken zu können? Nase und Mund in den Himmel zu recken, stellen wir uns auf Dauer schmerzlich vor.

Viele solcher Botschaften erreichen die Österreich-Redaktion von fairschreiben täglich. Und was uns dabei auffällt ist, dass es immer um den Himmel und das Oben geht. Doch wo leben wir eigentlich? Wohl doch hier auf der profanen Erde. Da gefällt uns in der Redaktion die indianische Symbolik vom Adler doch ein wenig besser: Obwohl der Adler zu den höchsten Höhen und bis zur Sonne fliegen kann, ernährt er sich von der profanen Erde. Er muss es sogar, und darf immer wieder zur Erde zurück kehren, um sich von ihr die Nahrung zu holen. Wo also kommt die Nahrung für diejenigen her, die ihre Nasenlöcher Richtung Himmel strecken?!

Gleichmal eine Statistik zum Drüberstreuen. Die Hälfte der österreichischen Unternehmen sind Einpersonenbetriebe, und der Frauenanteil beträgt gute dreißig Prozent. Weiters geben vierzig Prozent der österreichischen Unternehmen an, kein ausreichendes Einkommen mit ihrer Tätigkeit zu erwirtschaften. Das grundlegende Problem dieser “One-(Wo)Man-Shows” und der Kleinbetriebe bis neun Mitarbeiter ist es, dass sie vorwiegend in persönlichen Dienstleistungen aktiv sind. Viel Soziales, viel Lebenshilfe, viel IT, viel Beratung. Und diese Unternehmen, das sind übrigens rund      200 000 Betriebe (!), sind nach Auskunft des größten Strategieberatungsunternehmens in Österreich zu klein und haben kein Marktpotenzial. Österreich denkt groß und kauft groß. Österreich liebt große Konzerne – wohl ein sentimentales Relikt der Verstaatlichten aus goldenen Roten Zeiten – und Österreich redet sich gerne schön mit klein und fein und “eh genug Geld.” Außerdem, ohne Sozial- und Sozialversicherungsleistungen wären in Österreich 43 Prozent (!) der Bevölkerung armutsgefährdet. Das sind in Zahlen 3.582.730 Menschen!! Und die Sozialausgaben des Staates stiegen in den letzten Jahren weiter an. Schon eigenartig, dass gleichzeitig Geld- und Sachvermögen ebenfalls stiegen wobei sich die Geldvermögen verdoppelt haben. Den Großteil dieses Vermögens haben in Österreich die Finanzwirtschaft und die Wirtschaft. Die Zahl der Superreichen ist um 17 Prozent gestiegen, die der Empfänger von hohen Einkommen sogar um 52 Prozent. “Jedoch haben bis zu ZWEI Millionen Menschen Probleme, mit ihrem Einkommen auszukommen.”, so der Armuts- und Reichtumsbericht für Österreich der ÖGPP. Zu welchen zählen da wohl jene Newsletter-Schreiber, die ihre Nasen und Münder gen Himmel richten?

Es verwundert die Österreichredaktion, weshalb derartig “himmlische Botschaften” immer von Frauen geschrieben werden. Von Männern bekamen wir derartige Berichte noch nie. Wenn von denen etwas Spirituelles in die Redaktion flatterte, dann wohl eher Daten, wie es tatsächlich aussieht. Und wir wundern uns, dass trotzdem so viele vorwiegend Unternehmerinnen diesen Himmlischen Gehör schenken. Weiß doch Dr. Stürmer von R&S im Interview zu berichten, dass vielen Kleinunternehmern die Begeisterung für ihr Produkt näher liegt als deren betriebswirtschaftliches Vermögen.

Paradigmenwechsel hin oder her. Faktum ist, wir leben nach wie vor in einem Wirtschaftssystem, das sich nur stabil hält, indem es wächst. Weizsäcker vergleicht das mit einem Fahrrad. Der Sinn des Fahrrades besteht darin, dass es fährt. Wird nicht in die Pedale getreten, fällt es um. Faktum ist auch, dass seit gestern das Ungarische Forint in sich zusammen brach. Ein Euro für 300 Forint. Inflation vom Feinsten. Und diese Ernüchterung darf dann mal ganz schnell die vielen Ikarusse auf den Boden der Realität zurück holen. Warum also nicht die Fakten beim Namen nennen und an Lösungen hier auf Gottes Boden suchen. Und nochmals Weizsäcker: unsere Wahrnehmung dürfen wir verändern, und weder das eine noch das andere “in den Himmel” loben. Sturer Kapitalismus auf – verzeihen Sie, denn es liegt mir auf der Zunge – Teufel komm raus ist genauso verfehlt, wie sich allein aufs Spirituelle zu berufen. Nur wenn wir die Wahrnehmung einer Sache verändern und die möglichen Perspektiven erkennen, dann finden wir auch Lösungen. Das Vertrauen in den Himmel dabei zu haben, kann helfen. Jedoch nur allein auf die himmlischen Lichter zu hoffen, ist für manche von uns wohl zu viel Blauäugigkeit und könnte sich gar böse rächen.

…meint kritisch AMW und wünscht einen schönen Wochenausklang.

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Kategorie: Ein Kommentar zur Woche · Europa · Gesellschaft · Neues aus Österreich · Wirtschaft

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