fairschreiben

Die Wahrheit des Wortes

fairschreiben header image 2

Hoch Höher Absturz

18. September 2009

Die Woche war geprägt von unvorstellbarer Gewalt in unserer Gesellschaft. Es war die Tragödie um den 50 Jahre alten Münchener Geschäftsmann, der zu Tode geprügelt wurde, weil er Kinder in der S-Bahn vor Bedrohungen einiger Heranwachsender beschützen wollte, der die Menschen die ganze Woche beschäftigte. Es war aber auch der Fall der neun Jahre alten Cassandra aus Velbert in Nordrhein-Westfalen, die schwerverletzt und bewusstlos in einen Kanalschacht geschmissen wurde. Aber die Gewaltorgien sollten noch weitergehen, so kam es am gestrigen Tag im fränkischen Ansbach zu einem Amoklauf, den ein 18 Jahre alter Schüler an seiner Schule verübte. Während sich die Bremsspuren der Krise scheinbar immer mehr in der Gesellschaft abzeichnen, läuft es an den Börsen in der Eröffnungswoche der 63. Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt immer besser und ein Jahreshoch jagt das nächste.

Zorn und Frustration

Der DAX steigt und steigt zu immer neuen Höhen auf. Der Höhenflug des Goldes scheint schon lange nicht mehr aufzuhalten zu sein und ähnlich sieht es auch mit dem Euro aus. Weltwirtschaftskrise? Fehlanzeige, denn die hat man schon vor geraumer Zeit als beendet erklärt. Wenn man einmal von den Prognosen der vermeintlichen Experten, die schon oft genug bewiesen haben, was man von ihren Einschätzungen zu halten hat, absieht, sind die Fakten eher düster. Genau dies scheint aber wieder einmal so gut wie niemand zu interessieren. Zum Zeitfenster ist zu sagen, dass sich der Beginn der Weltwirtschaftskrise in dieser Woche gerade zum ersten Mal jährte und man meinen sollte, dass Menschen nicht so schnell vergessen können. Denn auch damals, kurz bevor Lehman Brothers in die Pleite ging und so der Startschuss zum Absturz fiel, sah man alles gerne rosarot, was dann folgte ist bekannt. Anstatt das man zu mindesten aus diesen Ereignisse lernt, macht man weiter wie bisher. Die Bundesrepublik Deutschland ist jetzt schon auf Generationen hin höchst verschuldet aber trotzdem geht der grenzenlose Ausgabenwahn weiter. Nun stehen in Deutschland in gut einer Woche Bundestagswahlen an, da ist klar, dass der Wahrheitsgehalt der Aussagen von Politikern noch einmal sinkt aber man muss auch festhalten, dass es in anderen Ländern ohne Wahlen auch nicht besser ist.

In einem System in dem es nur noch um die totale Rentabilität, den totalen Profit geht, verschärfen sich natürlich auch die Spielregeln und natürlich klafft die Schere zwischen den Armen und den Reichen immer weiter auseinander. Zu den Spielregeln sollte man übrigens festhalten, dass die Darstellung in den Medien, dass die Märkte völlig unreguliert und unkontrolliert seien, so nicht ganz stimmt. Es gibt ausreichend Regeln und auch die Kontrolle funktioniert nach gewissen Mechanismen. Man muss aber wohl sagen, dass die ausführenden Personen eben nicht das Gemeinwohl im Blick haben, sondern den persönlichen Reichtum. Wenn dieser vermeintlichen Elite dann auch noch von der Politik klar gemacht wird, dass sie scheinbar alles machen können was sie nur wollen, da im Notfall nicht sie, nicht ihr Kapital in der Verantwortung steht, sondern das des Steuerzahlers, ist es nur verständlich, dass alle Dämme brechen. In einer Wirtschaftswelt, als Teil der Gesellschaft, in der Ethik und Moral scheinbar ganz unten auf der Agenda stehen und sich in manchen Bereichen völlig anarchistischer Kapitalismus breit macht, darf es nicht überraschen, dass sich auch die Gesellschaft in ihrem Ganzen verändert. Wenn der unterbezahlte und ausgebeutete Arbeitnehmer sieht, dass er trotz schwindelerregende Sozialbeiträge immer mehr soziale Eigenverantwortung tragen muss, während einer kleinen vermeintlichen Elite aufgezeigt wird, dass sie sich an keinerlei Regeln zu halten haben, führt dies zu Zorn und Frustration.

Nichts zu verlieren

Die Stimmung in der Gesellschaft schlägt immer mehr um. 52 Prozent der Menschen in Deutschland vertreten die Meinung, dass es in diesem Land ungerecht zu geht, da ist es nur natürlich, dass immer mehr Menschen mit diesen Lebensbedingungen nicht mehr klar kommen. Der Druck wächst und wächst immer massiver an, dadurch erhöht sich zum Beispiel auch die Anzahl psychosomatischer Krankheitsbilder massiv. Noch wirkt sich all dies quantitativ nicht großartig auf die Kriminalstatistiken aus und man kann in Fällen, wie bei der Tragödie von München, noch von Einzelfällen sprechen. Allerdings müssen wir uns Tag für Tag mit einer ganz neuen Qualität in der Kriminalität beschäftigen und dürfen diese nicht auch weiterhin völlig ignorieren. Denn wenn Menschen gar nichts mehr zu verlieren haben, einfach gar keine Perspektive im Leben mehr sehen, kommt man ihnen auch mit Haftstrafen oder ähnlichem nicht bei. Einer der Täter von München sprach von einem Blackout, den er gehabt haben will. Man kann sich überlegen, wie lange und wie oft diese Personen gegen den bewusstlos am Boden liegenden Körper des Opfers getreten haben müssen, damit es zu insgesamt 22 Verletzungen kommen konnte. Das soll alles geschehen sein ohne eine wirklich Wahrnehmung? Wie krank muss ein Mensch sein der so etwas tut oder aber ein neun Jahre altes Mädchen fast zu Tode prügelt und sie dann einfach so in einen Kanalschacht wirft und diesem dann wieder mit einem circa 50 Kilogramm schweren Deckel verschließt?

Es ist diese Brutalität, diese völlige Gewissenlosigkeit gepaart mit einer wahnwitzigen Radikalität, wie man sie eben auch beim Amoklauf am Carolinum in Ansbach erleben musste. Hier kann man nur von Glück sprechen, dass sich im Verhältnis zur vorhandenen kriminellen Energie die Opferzahl als recht gering bezeichnen lässt. Radikalität, Gewissenlosigkeit, sogar kriminelle Energie sind allerdings alles Begriffe, die man nicht nur im Kontext zu diesen grausamen Straftaten setzen kann, die Begriffe finden sich auch immer wieder in der Berichterstattung im Bereich der Wirtschaft wieder. Es scheint so als setze sich etwas aus dem einen Bereich der Gesellschaft in einem anderen Bereich fort. Auch im Bereich der Wirtschaft scheinen viele Menschen jegliche Limits verloren zu haben. Diese Fakten die sich hier in der Gesellschaft immer mehr manifestieren und dann in den unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft, völlig unterschiedlich ausgelebt werden, sind die Krebszellen die unsere Gesellschaft mehr und mehr zerfressen. Da sich weder die Politik, noch die Kirche in der Verantwortung sieht hier einen gesellschaftlichen Heilungsprozess in Gang zu setzen, in dem sie sich für bessere Regeln einsetzen, sieht es um den Patienten Deutschland im Moment nicht gut aus. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dann auch noch bei der Eröffnung der IAA die Posse um Opel lobt und den deutschen Einsatz für Europa in diesem Kontext herausarbeitet und auch noch den russischen Markt auf Basis ihrer DDR-Vergangenheit lobt, fragt man sich, ob die Regierungschefin noch ausreichen im Bilde ist, wie es in ihrem Land aussieht.

Freude teilen: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • email
  • Facebook
  • Fark
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • LinkedIn
  • Twitter


Kategorie: Ein Kommentar zur Woche · Europa · Gesellschaft · Medien · Politik · Wirtschaft

Bis jetzt 1 Kommentar ↓

  • 1 Andrea Bondi // 18. Sep 2009 at 08:46

    Danke für diese Zeilen! Es ist tröstlich zu lesen, dass es auch noch andere “Sehende” gibt, die sich nicht durch Politik, Medien und Rundfunk blenden lassen! Sehende, die beginnen, sich in ihrem Rahmen, gegen das Establishment zur Wehr zu setzen und aufzeigen, wie krank unsere Gesellschaft mittlerweile schon ist! Die momentane Situation erinnert an den Tanz um das goldene Kalb. Und was danach kam, ist wohl hinlänglich bekannt. Wahrscheinlich bedarf es wieder eines riesigen Knalls, dass die Menschen in die richtige Bahn katapultiert werden und der falsche Gott “Mammon” auf den Platz verwiesen wird, der ihm zusteht!
    In diesem Sinne – nochmals vielen Dank für diesen Beitrag!
    LG
    Andrea Bondi

Schreib was dazu