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Die Wahrheit des Wortes

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Gelebtes Österreichertum will gelernt sein

31. Oktober 2008

Packerlland

Als gelernter Österreicher – ich meine hier Frauen und Männer – muss man in diesem Land zwischen den Zeilen lesen. Da wird von Innovationen gesprochen, von 7-Punkte-Konjunkturprogrammen, und von Paketen. Eines für die Banken, eines für die Konjunktur und das nächste fürs Sparen – damit auch der Kleine Mann dran kommt, beim Packerlversand. Schließlich steht ja Weihnachten vor der Türe. Und damit niemand wirklich nachvollziehen kann, um was es tatsächlich geht, wirft man in Österreich mit Zitaten nur so um sich. Da liegt der Verdacht nahe, dass altbewährte Verbalstrategien der Verschleierung die hoch dotierten Entscheidungsträger schützen sollen. 

Innovationen sollen retten

Die gegenwärtigen Zeiten fordern alle heraus. Der Österreicher versucht derzeit lieber, den Kopf einzuziehen und den Sturm drüber brausen zu lassen – das hat mit Kyrill schon funktioniert und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Denn statt konkreter Überlegungen wie man mit der Wirtschafts- und Finanzkrise umzugehen gedenkt, ruft man nach Innovationen. Das Dilemma dabei ist, dass jene, die rufen, den Begriff selbst nicht einmal verstanden zu haben scheinen. Denn im 7-Punkte-Konjunkturprogramm der ÖVP liest man dazu: „Innovative Unternehmen sollen durch eine spezielle Konjunkturprämie zum Investieren auch in Krisenzeiten angeregt werden.“ Und wo findet man diese Unternehmen? Nach LR Christian Buchmann im Ausland, denn nur wo viele Kulturen zusammen treffen, gäbe es Innovation. Das ist für den Wähler nur schwer nachvollziehbar, denn gerade die ÖVP, der Buchmann angehört, hat sich im Wahlkampf entschieden gegen eine progressive Zuwanderung in Österreich ausgesprochen. Noch verwirrender wird es, wenn man Rob Bekkers, GF der Payer Group, Glauben schenkt: „…man benötigt einfach ausländische Arbeitskräfte, um zu seiner Identität zu finden und um neue Ströme zu erschließen.“ Bekker ist der Überzeugung, nur mit „Multikulti” in Österreich am Markt bestehen zu können. Was bitte hat Identität mit Innovation zu tun? Und wie soll die Ansiedelung neuer Unternehmen vor der Wirtschaftskrise schützen, wenn anscheinend die bereits vorhandenen Unternehmen das Land nicht retten können?

Die Crux mit den Zitaten

Doch zurück zum Ausgangspunkt dieser Diskussion – um Innovation und Beharren geht es da im „Einmaligen Wirtschaftsmagazin top of styria“. Besagter Landesrat Buchmann fühlt sich in Sachen Innovation einem Zitat von Tomasi di Lampedusa, dem Autor des Buches „Der Leopard“ hingezogen. „Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert.“ Und darin sind die Österreicher wirklich gut! Man wirft mit Zitaten um sich, die man zuvor aus dem Zusammenhang gerissen hat. Die zitierte Aussage von Trancredi in Lampedusa´s „Der Leopard“ bezieht sich nämlich auf ein durchaus philosophisches Paradoxon. Der Autor drückte damit die innere Verzweiflung seiner Hauptperson im Roman aus, dass dessen Welt der Aristokratie vorbei ist. Und nur indem diese endet, bleibt sie erhalten. Sie ist praktisch das Vermächtnis und Erbe der Veränderung. Und das fordert das philosophische Verständnis des Zitatbenutzers heraus. Es bedarf mehr, als auf Selbiges lapidar zu bemerken, das einzig Gewisse in Wirtschaft und Gesellschaft wäre der Wandel. Phrasen dreschen gehört doch schließlich auch zur Rhetorik, oder Herr Landesrat? – um hier mit einer Suggestivfrage zu antworten. Und darin liegt die Crux der Sache, denn mit Wissensautoritäten um sich zu werfen impliziert beim Leser die Angst des Werfenden vor Machtverlust. Der Leser, der diese Bühne hinter der Kulisse erkennt, fühlt diese Angst ebenso, wie der Leser, der unbewusst vorgeht. Spürbar ist die Verwirrtechnik allemal.

Gespräche ohne Inhalt

Verwirren, das können wir Österreicher im gesellschaftlichen Miteinander. Je verschleierter und fadenscheiniger die Argumente – besagter Artikel fliegt dann rücksichtslos Richtung Orbit und überspringt das Thema Innovation hin zu Kunst, Visionen und Politik – umso ernster steht es um das Land. Das pfeifen nun auch schon ORF-Kommentatoren vom Dach. Und es tut gut zu hören, dass es auffällt, dieses plumpe Verwirren und diese praktizierte Pseudointellektualität. Denn zum Schluss landen die Diskussionsteilnehmer im Artikel der “top of styria” in Visionen und politischen Grundsatzdebatten. Schöne Visionen spinnt man da, wie jene sich vorzustellen, mit dem französischen TGV von Wien nach Graz in 45 Minuten fahren zu können. Was hat das alles mit Innovation zu tun?

Was “Innovation” bedeutet

Ein Lichtblick flackert auf, wenn schon wieder Buchmann meint, Innovationen seien traditionelle Produkte, die zur Marktreife gebracht werden. Ich glaube, da hat der Herr Doktor der Wirtschaftswissenschaften einfach mal übersehen, dass man im Marketing „echte“ und „unechte“ Innovationen kennt – das liest man zumindest bei Diplomingenieur und Wirtschaftsbuchautor Erwin Matys. Erstere sind tatsächliche Neuerungen und bringen etwas, was bisher nicht vorhanden war. Letztere werden auch als „Marktinnovationen“ bezeichnet und sind nur formale Neuerungen, was auf die meisten Innovationen zutrifft. Nichts wirklich Neues also. Auch eine solche Haltung ist bezeichnend für den gelernten Österreicher: Viel Lärm um Nichts. Oder wie es in der Expertenrunde des Club 2 im ORF vom 29.10.2008 treffend formuliert wurde: „Das Maß an Selbstkritik und Reflektion sei in Österreich völlig unterrepräsentiert bei gleichzeitigem narzisstischem Hang zur Selbstüberschätzung.“ Das fördere eine selbstherrliche Elite in diesem Land, und Eliten wird nachgesagt, dass sie nicht zuhören können und sich auch kein Feedback einholen. Jetzt ist es auch verständlich, dass besagter Artikel in der Zeitschrift „top of styria“ Birnen mit Äpfeln verwechselt. Und dass der von der ÖVP beschworene Weiß-Grüne Weg nicht die Rettung aus dem wirtschaftlichen Sinkflug des Landes bedeutet, sondern der hilflose Aufschrei der scheinintellektuellen Eliten ist, nicht mehr zu wissen um was es wirklich geht. Denn die Kaufkraft sinkt, die Rezession und Inflation naht, die AUA ist pleite, die Kommunalkredit Bank ebenfalls, und die Erste Bank verkündete einen Tag nach dem Club 2 das Bankenpaket des Staates nützen zu wollen – freilich, es ist ja nur eine „Schutzimpfung.“

Warum immer dieser LR Christian Buchmann mit eigentümlichen Sagern aufwartet? Vielleicht weil er Steirischer Landesrat für Wirtschaft, Finanzen und Innovationen ist. Vielleicht, weil er noch eine Woche vor besagtem Club 2 verkündete, dass sein „Kurs der Vernunft“ keine neuen Euro-Schulden machen wird. Vielleicht, weil er sich zu Zitaten eines durchaus umstrittenen italienischen Autors hingezogen fühlt, der für seine Kombination von Realismus und dekadenter Ästhetik kritisiert wurde.

AMW

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Neues aus Österreich · Politik · Wirtschaft

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