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Die Wahrheit des Wortes

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Fluggesellschaften als Meister des Zynismus?

19. April 2010

Am Wochenende fand in der polnischen Hauptstadt Warschau die große Trauerfeier für den Großteil der polnischen Elite statt, die am vorletzten Wochenende im russischen Smolensk bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Außerdem wurde das ebenfalls bei dieser Katastrophe getötete Präsidentenehepaar Kaczynski auf dem Wawel in Krakau beigesetzt. Viele der fast 100 internationalen Delegationen, die sich zu dieser bewegenden Trauerfeier angemeldet hatten, mussten leider kurzfristig absagen, da an diesem Wochenende zynischerweise der Luftraum über fast ganz Europa zusammengebrochen war. Das viele Staatsoberhäupter und Regierungschefs gerade aus diesem Grund nicht kommen konnten, ist natürlich wieder ein Schicksalsschlag für Polen aber die Sperrung eines Großteils des europäischen Luftraums sollte nicht nur schicksalhaft für die Polen sein, sondern auch noch ganz andere Fakten ans Tageslicht befördern.

Vulkanasche aus Island
Seit einigen Wochen spuckt der Eyjafjallajökull auf Island Lava. Da diese auf große Mengen Eis trifft, entsteht enorme Energie die dafür sorgt, dass dieses Gemisch aus Wasserdampf und Asche mehrere Kilometer hoch in den Himmel geschleudert wird. Genau diese Aschewolke breitet sich nun seit letzter Woche über einem immer größer werdenden Gebiet in Europa aus. Die Folge ist, dass nach und nach immer mehr europäische Flughäfen den Verkehr einstellen müssen, da der weitere Betrieb des Flugverkehrs zu riskant wäre. Wie verhängnisvoll allein schon mangelnde Sicht sein kann, zeigte sich erst vorletztes Wochenende, als die polnische Präsidentenmaschine mit einem großen Teil der polnischen Elite abstürzte und alle 96 Insassen inklusive dem polnischen Präsidentenpaares ums Leben kamen. Schon im Laufe der letzten Woche kamen erste Gerüchte auf, dass der Pilot dieser Maschine vielleicht durch die an Bord befindlichen Militärs, vielleicht aber auch durch den Präsidenten Lech Kaczynski selbst, so unter Druck gesetzt wurde, dass er diesen, letztendlich selbstmörderischen, Landeversuch durchgezogen hat. Fakt ist, hätte der Pilot auf die Anweisung des russischen Flughafen gehört und wäre nach Minsk oder Moskau ausgewichen, wäre wahrscheinlich niemand ums Leben gekommen, allerdings hätte man auch die Gedenkfeier in Katyn verpasst.

Genau dieses tragische Beispiel zeigt, was passieren kann, wenn man die Prioritäten falsch setzt. Natürlich war diese Gedenkfeier in Katyn für alle Beteiligten, gerade auch im Annäherungsprozess zwischen Polen und Russland, sehr wichtig aber man kann wohl auch mit Sicherheit sagen, dass der gezahlte Preis zu hoch war. Kommen wir aber zurück zu den Problemen die der Eyjafjallajökull im Moment in Europa auslöst und selbst die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf eine harte Probe stellte. Denn diese war in der letzten Woche gerade auf dem Rückweg von Kalifornien nach Deutschland und wollte ebenfalls mit Bundesaußenminister und Vizekanzler Guido Westerwelle (FDP), sowie mit dem Bundespräsidenten Horst Köhler an der Beisetzung des polnischen Präsidentenpaares auf dem Krakauer Wawel teilnehmen. Allerdings blieb ihr erst einmal nur die Möglichkeit in Lissabon zu landen, von dort aus dann einen Tag später weiter nach Rom zu fliegen, um dann mit dem Auto über Bozen zurück nach Deutschland zu gelangen. Auf Grund dieser Odyssee musste sie, wie auch viele ihrer Kollegen, die Teilnahme an der Trauerfeier in Polen absagen. Außer diesem ganzen Chaos, hatte die Delegation die mit der Kanzlerin unterwegs war aber noch mit anderen Problemen zu kämpfen, so platzte in Italien auf dem Weg nach Bozen auch noch ein Reifen des Begleitbusses.

Das Limit der hochtechnisierten Welt
Man sieht schon an diesen Beispielen, wie schnell unsere hochgelobte und vor allem hochtechnisierte Welt aus dem Gleichgewicht zu bringen ist. Scheinbar hatte auch niemand der vermeintlichen Experten und Eliten den Eyjafjallajökull auf dem Plan und auch jetzt sind die meisten Beteiligten noch völlig überfordert. Dabei war gerade dieser Vulkan eigentlich schon länger überfällig und man sollte an dieser Stelle auch berücksichtigen, dass er vor etwas weniger als 200 Jahren auch schon einmal mehrere Jahre sehr aktiv war. Dieses Szenario mag man sich in diesen Tagen gar nicht erst vorstellen. Aber nicht nur die direkten Folgen der Vulkanasche, die bis zum jetzigen Zeitpunkt auch noch gar nicht im vollen Umfang bestimmbar sind, zeigen die Limits unserer Zeit auf. Die Deutsche Bahn, die sich im Moment über den Posten als Retter in der Not freut, hat auch massive Probleme, wie man schon länger weiß. Ein gutes Beispiel dafür war, dass ebenfalls am vergangenen Wochenende auf der ICE-Trasse in der Nähe von Limburg eine Tür aus einem ICE fiel und die Scheiben des entgegenkommenden Bistrowagens eines ICE schwerst beschädigte und es sechs Verletzte gab. So war auch noch diese so wichtige Nordsüdverbindung zwischen Köln und Frankfurt für lange Zeit dicht. Bei all diesem Chaos scheint es fast egal, dass es in Europa bald schon Engpässe von Viktoriabarsch über israelische Kräuter bis hin zu argentinischem Rindfleisch geben könnte.

Allgemein ist noch gar nicht absehbar, wie groß der wirtschaftliche Schaden sein wird, wenn gleich der Flugverkehr auf einem ganzen Kontinent dieser so globalisierten Welt zusammenbricht. Aber auch hier scheint man so etwas wie pure Angst zu erkennen, schließlich hängt man auch ganz nebenbei noch tief in der Weltwirtschaftskrise. Die Fluggesellschaften machen seitdem Wochenende massiven Druck, gerade auch gegen das deutsche Flugverbot. Hier scheint sich auch wieder zu zeigen, dass es die Gewinnspanne ist, die am Ende des Tages zählt und nicht so sehr die Gesundheit und das Leben der Menschen. Allein das man über solche scheinbaren Gedankengänge gut eine Woche nach der Flugzeugkatastrophe in Smolensk nachdenken muss, ist an Zynismus kaum noch zu überbieten. Viele Menschen mögen an dieser Stelle denken, dass es jedem freigestellt ist, ob er fliegen würde oder nicht und bevor am Ende des Tages noch mehr Arbeitsplätze verlorenen gehen oder in Kurzarbeit übergehen, sollen die doch ruhig fliegen. Jeder der so denkt, sollte nur berücksichtigen, dass im schlimmsten Fall auch ein Flieger auf sein Haus fallen könnte, denn letztendlich geht es auch um die Sicherheit am Boden. Man sieht die Woche beginnt mit dem totalen Chaos und ein Ende ist auch noch nicht einmal im Ansatz in Sicht. Wie es weitergehen wird, kann zur Stunde noch niemand wirklich sagen und auch dies ist wieder durchaus als ein Zeichen unserer Zeit zu verstehen.

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Politik · Technik · Umwelt · Wirtschaft

Bis jetzt 1 Kommentar ↓

  • 1 nic // 19. Apr 2010 at 11:39

    abgesehen von leuten die in direkter umgebung des vulkans schaden genommen haben oder leuten die unfreiwillig irgendwo fest sitzen, find ich den gestoppten flugverkehr echt super: so ruhig ist es hier auf den fildern bei stuttgart selten, unsere äpfel hätten keinen kerosin-belag mehr wenn das so weiter ginge und im garten versteht man wenigstens sein eigenes wort. ich kann echt nur lachen, wenn ich höre, wie hoch der angebliche schaden eines systems sein soll, der solche fälle nicht berücksichtigt – kann man nur sagen: selber schuld wer ausschließlich auf globalisierung setzt. zeigt sich einmal mehr die hybris der modernen menschheit. dieses ganze gelaber bezüglich arbeitsplätze kann ich eh nicht mehr hören – wir werden über kurz oder lang alle umdenken müssen, neue produkte schaffen, umweltfreundlicher arbeiten usw und damit eben auch neue arbeitsplätze schaffen. je mehr man etwas festhält um so massiver wird der verlust sein wenn es der evolution im wege steht und das globalisierungs-system wie es derzeit in wirtschaft, politik und damit erzwungernermaßen für viele arbeitnehmer verstanden wird, dient meiner meinung nach einfach nicht der menschlichen entfaltung sondern sorgt hauptsächlich für einseitigkeit und totale pseudo-abhängigkeit. wenn der vulkanausbruch in einigen köpfen einiges wieder ins recht mittel rückt, dann hat er finde ich was gutes gehabt. okay ich rede von weit weg, aber mein mitgefühl gilt ganz klar denen, die eben auch ganz nah dran sind und nicht denen, die derzeit auf ihre flugmangos verzichten müssen ;) und übers ausgefallene pompöse staatsbegräbnis bin ich ehrlich gesagt auch nicht traurig.

Schreib was dazu