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Die Wahrheit des Wortes

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Fassungslose Unternehmen warten auf den Crash – Ist das Problem gar hausgemacht?

26. Februar 2009

Teilweise ist es anstrengend, den Ereignissen zu folgen. Da vermeldet eine Bank einen Milliardengewinn, um im selben Atemzug von Problemen im Ostgeschäft zu sprechen. Da hört man über Steuerflucht in Steueroasen, und Österreich soll dazu gehören. Das leidige Bankgeheimnis liegt der Politik seit ein paar Tagen gehörig im Magen. Der Tourismus vermeldet Rekordbuchungen, Tausende gehen in Kurzarbeit. Der Personalverantwortliche der Telekom findet sich auf Youtube wieder und gibt ein beeindruckendes Zeugnis mangelnder sozialer Kompetenz ab. Man wisse schon, wie man Mitarbeiter los wird, heißt es da. Die Tageszeitungen reagieren sofort und schon sind die Titelseiten voll mit Mobbinggeschichten, die angeblich auch von den Chefs ausgehen. Und zu guter Letzt sind bereits ein Drittel der Arbeitsplätze im steirischen Transportgewerbe von der Krise betroffen – rund 6000 sollen das sein. Von denen schreibt niemand. Und man liest auch nichts darüber, ob das Problem gar hausgemacht ist.

Kein Licht am Ende des Tunnels. In den Unternehmeralltag geblickt, findet sich wenig Hoffnungsvolles. Wir sprechen mit einem, der durchblicken lässt, dass selbst als bezahlter PR-Artikel manche Medien die Fakten der Krise nicht abdrucken. Von offenen Türen Einrennen ist man bei den eigenen Wirtschaftsvertretern meilenweit entfernt – manche Branchen haben keine Lobby, weil sie eben nicht den Banken gehören, hört man da. Und dann hören wir etwas, was in die Vergangenheit gehört. Die Banken knebeln jetzt schon Unternehmen, die bis 2007 positiv bilanziert haben. Kein Geld heißt es plötzlich. Und die Banken wären an der Misere Schuld, und die paar Wenigen, die dahinter stehen. Aber die dürfe man ob der eigenen historischen Vergangenheit nicht nennen. Diese Krise sei eine Angelegenheit für die nächsten zehn Jahre. Aber wahrscheinlich werde man den Aufschwung und Neustart als Unternehmen nicht erleben – weil es dieses bald nicht mehr geben wird.

Weltverschwörung, Bankenmafia, Streik als letztes Mittel – das klingt doch verdächtig nach den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Manche klugen Köpfe, die übrigens auch in Deutschland sitzen, meinen, wir müssten jetzt all unsere Kraft zusammennehmen, dass die Krise die Gesellschaft nicht in die damaligen Zustände führt. Wie das geschehen soll? Mit offener Berichterstattung und mehr Mut unter den Journalisten, die gemeinsam mit mutigen Medien aufdecken. Denn jetzt werden nur Löcher gestopft. Ein paar Milliarden hier, ein paar dort. Haben Sie das auch bemerkt, liebe Leserinnen und Leser von fairschreiben, dass man vor ein paar Jahren noch bei Millionenbeträgen von Krise sprach? Da ist doch glatt eine Null dazu gekommen, weil sich Aktienpoker eben nicht mit ein paar wenigen Millionen auszahlt. Übrigens, man fragt sich hier in Österreich, warum das Glücksspiel in diesem Land ein Monopol ist, doch die Banken mit dem Geld der heimischen Wirtschaft auf Teufel komm raus zocken.

Wir erinnern uns. Damals hatte man die STRABAG hoch gelobt. Ein neuer Markt war erschlossen und die Aktie ging mit rund 45,00 Euro auf den Markt. Heute ist diese im Keller, der Oligarch vom Hans Peter Haselsteiner (STRABAG-Chef) kommt auch abhanden, weil er mit der gemeinsamen Zocke fast 90 Prozent seines Vermögens verloren hat. Und nach der Ostöffnung zog neben den Banken auch die heimische Bauwirtschaft und Ölproduktion (ÖMV) frisch fröhlich nach Osten. Haben Sie auch schon bemerkt, dass man sich auf Branchen hinausredet, die nachweislich eine Krise immer zeitverzögert spüren? Davon betroffen sind die Baubranche und der Tourismus. Übrigens, wann die Krise am Bau herrscht, hängt immer von den Vorlaufzeiten der Baustellen ab. Betragen diese ein Jahr, wird z. B. der Stahlbau erst 2010 etwas von der Krise spüren. Damit Tourismus etwas bemerkt, muss erst die kritische Masse an Kurzarbeitern erreicht werden, denen dann das Fünftel weniger Lohn beim Urlaubmachen, sprich: Caorle fahren und Therme plantschen, abgeht.

Kopfloses Geplänkel. Und haben Sie auch bemerkt, dass man sich mit viel Geplänkel um Beratungsangebote und Konjunkturpakete aus der Affäre ziehen will. Da flattert doch tatsächlich eine Einladung in die Redaktion: Hilfe in der Krise gibt die Wirtschaftskammer Steiermark. Unternehmenssanierung nennt man das mit klingendem Namen, und am 26. März soll das statt finden. Man zeigt, laut Einladung, wie man einen Liquiditätsengpass bekämpft, und die Zahlungsstockung, welche Finanzierungsinstrumente es gibt, und wie man frisches Kapital findet. Das klingt wie im Supermarkt bei der Feinkosttheke – dort gibt es wohl auch frischen Fisch. Und wenn der unternehmerische Fisch zu stinken beginnt, dann will man gleich noch zeigen, wie man sich aus der Haftung entlässt und eine Entschuldung herbei führt. Das alles bietet der Rechtsservice der WKO Steiermark. Hatten wir da nicht im Zuge einer Recherche vor ein paar Wochen erfahren, dass Beratung gratis sei, bei der Wirtschaftskammer? Warum also dann für diese zweieinhalb Stunden 30,00 Euro pro Nase verlangen? Geht die WKO Steiermark nun aufs Geldbörserl ihrer zahlenden Mitglieder los?

Viele Fragen und wenig Antworten. Lapidares Schönreden ist angesagt. Wenn man mit den Betroffenen draußen spricht, den Unternehmern zuhört, dann haben da die wenigsten von ihnen noch die Kraft den Betrieb zu erhalten. Und sie machen sich Sorgen um ihre Mitarbeiter, wie die weiterkommen werden. So sind sie die kleinen Unternehmer in Österreich. Ein paar Ausnahmen mag es schon geben. Das sind dann die, deren Branche vielleicht noch  wenig von der Krise spürt. Jene, die mit ihrem Betrieb eng verbunden sind, weil es vielleicht ein Familienunternehmen ist, werden aus solchen Einladungen zu Veranstaltungen der Wirtschaftskammer wohl nur Hohn heraus hören können. Was viele aber nicht hören wollen ist die Frage, ob denn die wirtschaftliche Krise im eigenen Unternehmen, der eigenen Branche gar hausgemacht ist.

AMW

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Kategorie: Ein Kommentar zur Woche · Europa · Gesellschaft · Medien · Neues aus Österreich · Politik · Wirtschaft

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