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Die Wahrheit des Wortes

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Eure Armut kotzt uns an

10. Juni 2009

Arcandor geht nun wohl endgültig in die Insolvenz und selbst dieser Fakt wird noch als etwas Positives verkauft. Das wohl weder Anteilseigner, Banken, noch Gläubiger ein tiefergehendes Interesse an diesem Unternehmen haben, denn anders ist es nicht zu erklären, dass die weitere, von der Bundesregierung eingeräumte Frist, nicht genutzt wurde, geht in der momentanen Nachrichtenlage etwas unter. Auch diese Insolvenz wird Tausende an Arbeitsplätzen kosten, egal wie sie ausgeht. Bei einer Fusion mit Kaufhof unter dem Dach der Metro AG, werden genau so Stellen abgebaut werden, wie im Falle einer Zerschlagung des Unternehmens. Nun hofft scheinbar auch in dieser Situation wieder jeder auf sein persönliches Wohl und spielt damit auch das, erst am gestrigen Tage ausformulierte, Spiel der Entsolidarisierung mit. Genau an diesem Tag, strahlt das ZDF, Johannes B. Kerner (JBK) im Gespräch mit Karl Lagerfeld aus. Ein Skandal wie wir hier in der Redaktion meinen.

Der arme alte Mann

Es war erschreckend, was das ZDF da am gestrigen Abend ausstrahlte. Es ging um den Dialog zwischen JBK und Karl Lagerfeld. Wer nun meint, dass es hier um Mitleid, Toleranz oder gar Verständnis des Modezar mit den Betroffenen der Krise ging, liegt völlig falsch. Nein, nein man spricht schon über das was man hat, wie zum Beispiel circa 150 MP3-Player, die man natürlich nicht per Kopfhörer benutzen muss, sondern an ausreichend, lautstarke Anlagen in den jeweiligen Häusern anschließen kann. Lassen wir diese Aussage in der jetzigen Zeit der Krise einfach ein Mal dahingestellt sein und widmen uns nur dem Fakt, dass diese kaum noch zu übertreffende Form der Dekadenz, auch noch vom Publikum beklatscht wurde. Dies galt übrigens auch für den Fakt, dass er bei den Europawahlen am Wochenende nicht gewählt hat, denn wenn einem alles gefällt wie es ist, braucht man auch nicht wählen zugehen, meint Lagerfeld. Hier wird sehr deutlich, was für ein großer Demokrat in Karl Lagerfeld steckt und das er wohl auch die Krise in Ordnung findet. Natürlich kommen all diese Statements so rüber, dass sich der durchschnittliche Talkshowbesucher schon hier und da fragen muss, ob der Mann das alles wirklich so meint oder doch nur ein Teil der Augsburger Puppenkiste, also Teil eines großen Puppentheaters ist.

In dem vermeintlichen Streit zwischen Heidi Klum, ihrem Ehemann Seal und Karl Lagerfeld, der doch auch irgendwie an eine gelungene PR-Aktion aller Beteiligten erinnert, ging es um die Aussage von Seal, dass Karl Lagerfeld nur ein armer alter Mann sei. Dies wurde von Lagerfeld nur damit kommentiert, dass Seal wohl kaum über sein Vermögen im Bilde wäre. Die Frage ist nur, was Seal meinte. Vielleicht ging es gar nicht um die Armut im finanziellen Sinne, sondern viel mehr um die geistige Armut, auf die sich auch die Überschrift dieses Artikels bezieht. Denn die Frage nach geistiger Armut stellte sich natürlich auch bei JBK, denn woher bezieht ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender diese Menschen, die dazu klatschen, wenn jemand die Erfolge des Turbokapitalismus, an dessen Negativfolgen im Moment Zehntausende zu Grunde gehen, auch noch so dekadent zur Schau stellt. Karl Lagerfeld fühlt sich zu mindestens durch nichts bedroht in seinem gepanzerten Hummer, den er natürlich auch noch ein Mal gerne hervorhebt. Das der Mutterkonzern dieses Fahrzeugs in der Pleite steckt, stört einen Modeverkäufer, dessen Geschäfte gerade erst in Moskau mehr als gut liefen, scheinbar gar nicht. Man merkt schon bis zu diesem Punkt, wie weit die Bodenhaftung mancher Deutscher, mögen sie auch sonst wo auf der Welt leben, verloren gegangen ist.

Rache ist süß

Diese weitverbreitete These vertritt auch Karl Lagerfeld. Die Frage ist nur, ob das immer so bleiben wird? Ob er dieser These auch noch aus einer gewissen Opferrolle heraus folgen würde, ergeben die 75 Minuten Sendezeit nicht. Käme er jemals in diese Situation, würde er sich wahrscheinlich auch schon gar nicht mehr an diese Aussage erinnern. Denn man hat zum Teil das Gefühl eine nicht ganz gelungene Kopie von Helmut Schmidt (SPD) vor sich zu haben, denn auch der kontert unpopuläre Fragen gerne ein Mal mit dem Hinweis auf altersbedingte Probleme, wie zum Beispiel Gedächtnislücken. Man muss aber auch anmerken, dass dies nicht das einzige ist, was Lagerfeld scheinbar kopiert, denn auch sein Fable für Handschuhe erinnert stark an schon bekannte Promi-Allüren, wie zum Beispiel die von Michael Jackson. Es wirkt häufig alles so, wie das hilflose rudern eines alternden Kapitäns in einem Rettungsboot. Auf der anderen Seite macht sein Verhalten selbst aber auch noch ein Mal sehr schön deutlich, wo er steht. `Strich ist Strich` dies kann man jetzt rein künstlerisch betrachten, man kann aber auch auf eine gewissen Prostitution in Lagerfelds Unternehmen bzw. in der gesamten Branche schließen. Natürlich versuchte er auch immer wieder auf Stil und Bodenständigkeit hinzuweisen, wie zum Beispiel durch die Eheringe seiner Eltern, die er an einer Kette um den Hals trägt aber dies reichte nicht im Ansatz aus, um von dem abzulenken, was er dort sonst zelebrierte. Wie förderlich eine solche zur Schau gestellte Dekadenz in der heutigen Zeit in Deutschland ist, ist mehr als fraglich. Genauso, wie die Frage, ob so etwas förderlich für den Sozialen Frieden in Deutschland ist, was hier ausgestrahlt wurde.

Um bei der Überschrift dieses Artikels zu bleiben, stellt sich abschließend die Frage, welche Armut einen so ankotzt? Es ist wohl kaum die finanzielle Armut unter der auch in Deutschland immer mehr Menschen leiden. Es ist wohl eher die geistige Armut, dieses intellektuelle Unvermögen, der Menschen die meinen in Zeiten einer solchen Krise, wie sie die Bundesrepublik Deutschland noch nicht erlebt hat, ihre Dekadenz so nach Außen tragen zu müssen. Es betrifft aber im gleichen Maße die Leute, die diese Art auch noch durch Beifall unterstützen. Die Armut in Deutschland wächst immer rasanter an, Kinderarmut wird zu einem immer größer werdenden Problem in unserer Gesellschaft und dann beklatschen diese Menschen 150 MP3-Player, die alle nicht ganz gefüllt sind, damit ein Herr Lagerfeld auch nicht den Überblick über seine Musik verliert. Sollte der Umgang des Publikums vom gestrigen Abend, wirklich die breite Masse im Land abbilden, was wir hier nicht hoffen wollen, sieht es wirklich schlecht für Deutschland aus, denn ändern wird sich so nichts. Man muss den Leuten, die die Krise offensichtlich in Ordnung finden, die Stirn zeigen und ihnen klar machen, dass es so nicht weitergeht und sie nicht noch in ihrer Art mit Beifall unterstützen.

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Medien · Politik · Wirtschaft

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