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Die Wahrheit des Wortes

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Ein Taschengeld für Lidl

17. September 2008

Letzte Woche informierten die Medien über die Geldstrafen im Bespitzelungsskandal beim Lebensmitteldiscounter Lidl. Diese erstreckten sich über eine Bandbreite von gut 10.000 Euro bis hin zu über 300.000 Euro. Insgesamt war die Rede von einem Volumen von 1,5 Millionen Euro. Jedem Normalverdiener in diesem Land verschlägt es nun den Atem bei solchen Summen. Aber man muss es sich ein Mal in Ruhe auf der Zunge zergehen lassen und überlegen was 1,5 Millionen Euro für einen der führenden Lebensmitteldiscounter wirklich bedeuten. Satirisch gesehen könnte man behaupten, dass dies gerade Mal die Pfandeinnahmen des Unternehmens an einem guten Tag seien. Was für eine Strafe.

Stasimethoden in der Wirtschaft

Hier wurden die Mitarbeiter systematisch durch Detekteien ausgespäht und dies bis weit in ihr Privatleben. Selbst die Räume des Unternehmens, die absolute Privatsphäre bieten sollten, wie zum Beispiel Ruheräume, wurden systematisch überwacht. Bei all diesen Fakten können wir natürlich auch immer nur von den bekannten Bespitzelungsdetails reden und wie in anderen, ähnlich gelagerten Fällen, darf man auch hier durchaus davon ausgehen, dass es sich wahrscheinlich nur um die Spitze des Eisbergs gehandelt hat. Das Lidl kein Einzelfall ist, dürfte jedem seit der, auf der gleichen Grundlage basierenden, Affäre bei der Telekom bekannt sein. Wir reden hier zum Teil von Methoden, wie man sie damals in der DDR angewendet hat und so etwas nun in einer angeblich so freien Gesellschaft wieder anzutreffen, ist einfach nur erschreckend und darf durchaus als Warnsignal gewertet werden.

Ganz offensichtlich spielt hier nicht mehr der Staat den großen Bruder, sondern die Wirtschaft. Man mag all diese Vorfälle jetzt auf den Bereich der inneren Arbeitsverhältnisse abwälzen aber das wäre fahrlässig. Denn bei der Telekom ging es ganz offensichtlich letztendlich um die Bespitzelung von Journalisten, was man durchaus als Angriff auf die Pressefreiheit werten kann. Dies wäre dann ein Angriff auf das Grundgesetz dieses Staates und so etwas betrifft letztendlich jeden. Im Kontext zu den Überwachungen bei dem angesprochenen Discounter, stellt sich auch die Frage inwieweit Kunden ausgespäht wurden. Die Bilder die durch die Medien gingen, lassen einen solchen Verdacht durchaus zu. Vielleicht studierte man so auch genau das Einkaufsverhalten der Kunden ohne diese darüber zu informieren. Möglich ist scheinbar alles. Genau dieser Fakt macht diesen Skandal so erschreckend. Jeder der aber nun auf ein Zeichen aus der Politik wartet, wartet ein Mal mehr umsonst.

Einigkeit von Politik und Wirtschaft

Man darf, wie zu Beginn beschrieben, davon ausgehen, dass 1,5 Millionen Euro für ein solches Unternehmen keinen schmerzhaften Verlust darstellen wird. Gerade auch wenn man davon ausgeht, dass es letztendlich durch Preiserhöhung, Arbeitsplatzabbau oder Qualitätssenkung so oder so wieder beim Endkunden oder Arbeitnehmer ankommt. Da merkt man erst ein Mal die Ironie dieses Systems. Im Umkehrschluss ist man allerdings auch nicht überrascht, dass Lidl das Strafmaß einfach so annimmt. Man sieht an diesem Beispiel sehr schön, dass auch die Politik sich auf ganz neue Fakten einstellen muss. Vor allem aber muss sie schneller und flexibler werden. Man darf aber davon ausgehen, dass sie dies an dieser Stelle nicht tun wird. An dieser Stelle sei erwähnt, dass dies dann zu mindestens ehrlich ist. Denn Datenschutz und der Schutz der Privatsphäre ist allgemein nicht das höchste Gut dieser Regierung. Diese Übereinstimmung mit der Wirtschaft kommt auch nicht von ungefähr.

Mehr Überwachung bedeutet am Ende des Tages mehr Kontrolle und das ist was sie alle wollen. Der Staat hat ganz offensichtlich Angst vor den eigenen Bürgern und möchte diese breit möglichst unter dem Vorwand der Terrorgefahr überwachen. Die Wirtschaft möchte zum einen ihre Mitarbeiter bestmöglich zur Effizienzsteigerung überwachen, aber natürlich auch ihre Kunden um ihre Absatzchance sukzessive auszubauen. Ehe man sich in einem solchen System umgeschaut hat, lebt man in einem Staat, den sich wahrscheinlich George Orwell noch nicht ein Mal so hätte ausdenken können. Es darf einfach niemanden verwundern, dass in einem Staat in dem der Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) heimlich die Computer seiner Bürger überwachen will, ein Unternehmen, welches seine Mitarbeiter heimlich und hinterrücks überwachte, nur eine Strafe von 1,5 Millionen Euro erhält. Bei genauer Betrachtung, ganz ohne illegale Überwachungsmöglichkeiten, passt ein solches Taschengeld hervorragend in das System der Bundesrepublik Deutschland.

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Kategorie: Gesellschaft · Politik · Wirtschaft

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