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Die Wahrheit des Wortes

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Ein Nobelpreis gegen die Kirche

6. Oktober 2010

In dieser Woche wurde bekannt gegeben, dass der Brite Robert Edwards den Nobelpreis für Medizin erhält. Der Pionier auf dem Gebiet der In-vitro-Fertilisation (IVF) hatte dafür gesorgt, dass auf diesem Weg 1978 das erste Kind gezeugt wurde und auf die Welt kam. Das Nobelpreiskomitee hatte lange mit dieser Auszeichnung gewartet, weil man sicher gehen wollte, dass die so gezeugten Kinder auch gesund bleiben. Nun ist man dort offensichtlich der Meinung, dass dem so ist. Seitdem mit Louise Brown vor 32 Jahren das erste Retortenbaby zur Welt kam, sind die Methoden der künstlichen Befruchtung kontinuierlich weiterentwickelt worden aber es bleiben trotzdem viele Fragen im Gesamtkontext offen, denn natürlich spielen hier auch ethische und moralische Fragen eine große Rolle. In diesem Zusammenhang wundert es auf den ersten Blick auch nicht wirklich, dass die Kirche sich umgehend negativ zu diesem Nobelpreis äußerte.

Von Obama bis Edwards
Nun muss man natürlich im Zusammenhang mit der Vergabe von Nobelpreisen auch einräumen, dass sich auch auf diesem Gebiet einiges in den letzten Jahren bewegt hat. Man erinnert sich noch sehr gut an den Friedensnobelpreisträger Barack Obama, der die Auszeichnung für seine Träume und Visionen bekam, während er weiterhin Krieg in Afghanistan führt und ähnliches. Viele Menschen kritisierten diese Entscheidung des Nobelpreiskomitees doch sehr entschlossen. Bei Robert Edwards verhält es sich ein wenig anders, denn natürlich ging es bei seiner Erfindung nicht so sehr um Träume und Visionen, sondern darum Millionen Menschen auf der Welt eine konkrete Möglichkeit zu bieten, die sie sonst wohl nie bekommen hätten. Trotzdem reden wir hier von einem Eingriff in die Natur, ins menschliche Leben, dessen Folgen man wohl kaum nach etwas mehr als 30 Jahren abschätzen kann und auch dies sollte, trotz aller Freude über diese medizinische Revolution, im Bewusstsein sein. Es sind auch genau diese Fakten, die dafür sorgen, dass man diese Entscheidung des Komitees auch durchaus kritisch beleuchten muss.

Was passiert in den nächsten Generationen? Louise Brown hat gerade erst auf normalen Wege ein eigenes Kind bekommen und auch dieses ist kerngesund. Aber damit reden wir gerade erst von der zweiten Generation und es gibt noch viele Möglichkeiten, die man einfach im Moment noch gar nicht absehen kann. Es geht gar nicht darum sich dem Fortschritt, der Technik in den Weg zu stellen oder die Erfindung von Edwards zu verteufeln, es geht einfach nur um eine realistische Betrachtung. Außerdem stellt sich natürlich auch an dieser Stelle wieder die große ethische Frage, wieweit darf sich die Medizin einmischen. Natürlich sind es Schicksalsschläge für unzählige Paare, wenn sie auf normalen Wege ihren Kinderwunsch nicht erfüllen können aber gibt dies der Medizin das Recht, soweit oder zukünftig vielleicht noch viel weiterzugehen? Es sind diese Fragen, die man auch häufiger diskutieren sollte. Wenn man diese Entscheidung des Komitees als Anlass nimmt auch diese Debatten zu führen, könnte man dies natürlich durchaus schon einmal als einen Pluspunkt im Gesamtkontext ansehen.

Ein weiteres Ablenkungsmanöver
Es gibt aber noch einen ganz anderen Punkt der im Zusammenhang mit dem Nobelpreis für Medizin in diesem Jahr ans Tageslicht gekommen ist. Es geht einmal mehr um das Verhalten der katholischen Kirche, denn schon kurz nachdem bekannt geworden war, wer diesen Nobelpreis erhält, kam scharfe Kritik aus dem Vatikan und das ist natürlich mehr als verwunderlich. Denn wenn man sich in Rom zu Fragen von Ethik und Moral äußert, gibt es wohl einige Sachverhalte im eigenen Haus, um die man sich zu erst kümmern sollte. Missbrauch, Gewalt und mehr spielen in der katholischen Kirche offensichtlich eine nicht unerhebliche Rolle, wie sich gerade auch in diesem Jahr in Deutschland immer wieder zeigte, allerdings tut man sich hier im Vatikan mit Kommentaren doch sehr schwer. Es wäre wohl nur angemessen sich erst einmal um die eigenen Probleme zu kümmern, diese aufzuklären und angemessen zu kommentieren, bevor man sich in Sachen Robert Edwards beschwert, alles andere müsste man wohl als Heuchelei ansehen. Mit einer solchen Art löst die katholische Kirche ihre Probleme nicht im Ansatz.

Auch dies ist eine Art für welche die Menschen im Land kein Verständnis mehr aufbringen, denn man muss festhalten, dass ein solches Verhalten nur durch zwei Dinge zu erklären ist, entweder man hat wirklich ein völlig absurdes Verständnis im Bereich Ethik und Moral oder aber man versucht die vermeintliche Gunst der Stunde für ein weiteres Ablenkungsmanöver zu nutzen. Es gilt festzuhalten, dass man es natürlich als eine Aufgabe der Kirche ansehen kann, sich um ethische und moralische Fragen zu kümmern. Dies bedeutet aber dann auch, dass man bei sich selbst damit beginnt und diesen Teil nicht einfach unter scheinheiligen Argumenten versucht unter den Teppich zu kehren. Denn so wie es im Moment abläuft, stellt sich natürlich die Frage, woher man in Rom die Legitimation für solche Kritik nimmt. Gerade auch ethisch ist diese Entscheidung des Komitees natürlich auch fragwürdig aber man muss eben auch hier das große Ganze sehen. Wenn man es im Umfeld von Papst Benedikt XVI. wirklich so genau mit Ethik und Moral nimmt, wie man es von dort erwarten sollte, gibt es viele Möglichkeiten positive Zeichen zu setzen und dies sollte man dann endlich einmal tun, anstatt sich um andere externe Baustellen zu kümmern.

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Kategorie: Ein Kommentar zur Woche · Europa · Gesellschaft · Technik

Bis jetzt 1 Kommentar ↓

  • 1 Andreas Hahn // 6. Okt 2010 at 16:15

    Was die katholische Kirche bewegt, das ist nur verständlich, wenn man das mit dem Verhalten von Juristen und Behörden vergleicht: formales und stures Beharren auf Förmlichkeiten, von denen man eine gewisse Bedeutsamkeit behauptet hat. Und die Preisgabe dieser Behauptung würde – so sehen es diese Katasterknechte – würde wiederum die Glaubwürdigkeit der Kirche untergraben. Ergo, koste es was es wolle, das ein Mal behauptete muss auf Gedeih und Verderb erhalten bleibe.

    Vor einiger Zeit hörte ich im DLF einen Bericht über eine Nonne, die seit 40 Jahren in Afrika für die katholische Kirche gearbeitet hatte. Sie war aus der Kirche ausgeschlossen worden, weil sie in ihrer Nonnentracht Kondome zur Verhinderung von AIDS verteilt hatte. Das Kirchendogma nun ist – und das lächerlicherweise trotzdem die Kirchenfürsten sich jahrhundertelang totgefickt haben, dass der Geschlechtsverkehr, wenn er nicht zur Zeugung von Nachwuchs dient, eine Todsünde sei. Und – ächz, röchel, kotz – da ja Kondome eine Zeugung verhindern und so der Ausübung des Geschlechtsverkehrs zwecks Lustgewinns Tür und Tor öffnen, so sind eben Kondome verboten.

    Lieber Ratzinger-Huber-Beneficius-Spinner: ein gedachter Gedanke, auch noch falsch und gegen die Natur, soll mehr wert sein, als das durch Kondome verhinderte unendliche Leid von Halb- oder Ganzwaisen, die mit AIDS im Körper aufwachsen, und um die sich niemand auch nur einen Teufel schert?

    Ich bedaure den Glaubensverlust der modernen Menschen sehr, denn die Profanisierung aller Dinge ist schon traurig. Aber wenn solch krankhafte Gedanken mit solchem Pomp zum schaden der Menschen verbreitet werden, dann ist das die einzig gerechte Reaktion. Die Nonne übrigens berichtete – wie auch andere aus der Kirche ausgeschiedene, dass die Kirche keinesfalls jemanden herausschmeißt, sondern nur darauf drängt, dass jener so weise sein soll, selbst auszutreten, um so hinterher behaupten zu können, das ganze sei auf Wunsch des Betroffenen geschehen.

    Die Nonne übrigens, die mich mit ihrem frommen und schlichten Wesen tief beeindruckt hat, sagte, dass sie seither viel Unterstützung und Zuwendung erfahren hat und diesen Schritt nicht bedauert. Eine andere berühmte Person in solchen Zusammenhängen ist übrigens Prof. Dr. Eugen Drewermann.

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