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Die Wahrheit des Wortes

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Die Welt ist krank und der Arzt hat frei

13. März 2009

Die hier gewählte Überschrift ist am gestrigen Tag in der Redaktion aufgegriffen worden und stammt aus einem der unzähligen Internetbeiträge zum Amoklauf des Tim K. in Winnenden in Baden-Württemberg. Er tötete am Mittwoch 15 Menschen, bevor er sich selbst das Leben nahm. Dieses grausame Massaker führt natürlich zu verschiedenen Diskussionen und erstaunlichen Entwicklungen. Das die Welt krank ist und der Arzt ganz offensichtlich frei hat, zeigt sich zum Teil auch in den Medien. Am zweiten Tag nach dieser Bluttat scheint zu mindestens ein Sachverhalt geklärt zu sein, sowohl die Gesellschaft als solche, wie auch die Berichterstattung in den Medien, hat auch aus diesem Drama nicht wirklich etwas gelernt. Dies wiederum bedeutet, dass sich wohl auch dies Mal nichts tiefgreifendes ändern wird, weder in der Gesellschaft, noch in der Berichterstattung.

Umschwung in der Berichterstattung

Das grausame Blutbad in dieser beschaulichen Stadt in Baden-Württemberg führt natürlich erst ein Mal wieder zu den üblichen, eigentlich ziemlich unnützen Reflexen, wie das Renate Künast (Bündnis 90/Die Grüne) die Existenzberechtigung von Schützenverein global in Frage stellt. Bei dem was die Grünen an politischen Entscheidungen in Deutschland alles mittragen, müsste man dann wohl im Gegenzug auch die Existenzberechtigung dieser Partei global in Frage stellen. Aber auch die klassischen Medien reagieren dies Mal ein wenig anders, denn man ist doch erschrocken darüber, dass es nun mehr und mehr eine neue Form der Berichterstattung gibt. Sie nennen es immer gerne, auch etwas abwertend, Bürgerjournalismus. Dieses Verhalten vieler Medienvertreter wirkt eigentlich einfach nur peinlich bis ängstlich. Die Qualität der klassischen Medien lässt immer mehr nach. Wenn man nach den Gründen sucht, ist es immer wieder das liebe Geld was fehlt um besser zu arbeiten. In einem solchen Fall sollten sich die Vertreter der klassischen Medien etwas mit ihrer Kritik zurückhalten, denn wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Denn es gibt doch viele journalistische Plattformen, die nichts mit den großen Mediengruppen oder ähnlichen zu tun haben und hervorragende Arbeit leisten.

In diesem Kontext geht es auch immer schnell um die Moral mit der berichtet wird. Auch hier sollten sich die klassischen Medien in Zurückhaltung üben , denn das Handyvideo auf dem der Selbstmord von Tim K. zu sehen war, lief am gestrigen Tag eigentlich auf so gut wie allen Kanälen (Wir verzichten an dieser Stelle ganz bewusst auf den Link zu dieser Aufzeichnung). Die Aussage, dass es sich hierbei um wichtige journalistische Inhalte handelt, darf in diesen quotengetriebenen Zeiten durch aus als Heuchelei angesehen werden. Quote ist überhaupt ein gutes Stichwort, denn durch das Internet hat nun jeder die Möglichkeit zu publizieren und die breite Masse an Usern entscheidet dann, welchen Stellenwert die Inhalte haben und genau dies dürfte den klassischen Medien mehr und mehr zu schaffen machen. Gestern berichteten auch wir hier von der Vorankündigung des Amoklaufs in einem Internetchatforum. Im Moment werden große Zweifel an dieser Nachricht laut, da man auf dem Rechner des Täters wohl keine Datenspuren des Chateintrags gefunden hat. Allerdings bezogen wir unsere Nachrichten in diesem Kontext, wie wohl alle andern auch, von der gestrigen Pressekonferenz. Wir hier in der Redaktion haben beschlossen dieses Thema nun erst wieder zu behandeln, wenn alle Fakten geklärt sind. Andere Nachrichtensendern berichten nun schon von einer massiven Ermittlungspanne, die noch gar nicht bewiesen ist. Ob ein solches Verhalten seriös ist, muss jeder Nachrichtenempfänger selbst beurteilen.

Public Viewing vor der Kirche

Neben den Medien, ist es aber auch interessant sich die gesellschaftliche Reaktion dieser Tragödie vor Augen zu halten. Da sind als erstes die Kirchen, die sich eigentlich ständig über sinkende Mitgliederzahlen beschweren, allerdings steigt in Zeiten der Krise auch der Bedarf an kirchlichen bzw. göttlichen Beistand naturgemäß immer wieder massiv an. So werden die Trauergottesdienste für die geschockten Menschen von Winnenden und der Umgebung, nun auch in einer Art Public Viewing auf Großleinwänden übertragen, damit auch alle Gottes Botschaft erreicht. Man hört im Zusammenhang mit den Trauernden auch immer wieder, dass man nun zusammenrückt, was natürlich sehr hilfreich ist, allerdings auch die Frage aufwirft, warum eine Gesellschaft immer erst nach solchen grausamen Tragödien zusammenrückt und nicht auch im Alltag so nah beieinander steht. Wäre der enge Verbund, der nun in Zeiten der unendlichen Trauer besteht, vorher schon da gewesen, wäre die Tragödie vielleicht zu verhindern gewesen. Sehr viele Menschen aus dem Umfeld des Amokläufers äußern sich nun zu Tim K., die Frage ist, warum sind sie nicht vorher aktiv geworden, hat diese Person sie vielleicht vorher gar nicht interessiert? Wie immer bei solch schrecklichen Taten schwebt der dunkle, große Verdacht der Heuchelei über vielem.

Wir hier in der Redaktion vertreten die Meinung, man sollte die Schuld für solche Taten nicht nur bei Schützenvereinen, dem Internet oder Ego-Shootern suchen, sondern viel mehr in den alltäglichen Belangen des Lebens. Schaut man sich unabhängig von solchen schweren Tragödien die Nachrichten an, bestätigt sich allzu oft der Hinweis, dass die Welt krank ist. Immer mehr Familien rutschen in die Armut ab, wo in vielen Fällen gerade die Kinder drunter zu leiden haben, während die vermeintlichen Eliten in den Vorständen sich die Taschen voll stopfen. Für das Bildungssystem in Deutschland fehlt das Geld, um marode Banken zu retten, können im Notfall Hunderte von Milliarden ausgegeben werden. Die medizinische Versorgung wird immer schlechter und droht teilweise zu kollabieren, während jeder einzelne mehr für genau diesen Bereich bezahlen muss. Letztendlich betreffen all diese gerade genannten Fakten nur den Mikrokosmos Deutschland und wir haben noch gar nicht von der Masse an Krieg und Hunger in der ganzen Welt gesprochen. An diesem Punkt ist es wohl mit Sicherheit zulässig davon zu reden, dass die Welt krank ist, die Gesellschaft driftet auseinander und droht mehr und mehr zu zerbrechen. Wenn man sich dann die grauenvollen Taten von Winnenden auch noch anschaut, ist man ganz schnell beim zweiten Teil der  Aussage und stellt fest, dass der Arzt wohl frei hat.

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Kategorie: Ein Kommentar zur Woche · Gesellschaft · Medien · Politik · Wirtschaft

Bis jetzt 1 Kommentar ↓

  • 1 Stapf // 10. Sep 2010 at 04:19

    Der Titel ist von Helge Schneider

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