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Die Wahrheit des Wortes

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Die ökologische Revolution als kulturelle Herausforderung

25. März 2009

Die vierte Berliner Rede des Bundespräsidenten Horst Köhler bot einen interessanten Blick auf Deutschland und die Welt aber wirklich Neues hatte auch er nicht zu verkünden. Diese Rede, die gut 40 Minuten dauerte, fand in der Elisabethkirche im Berliner Bezirk Mitte statt. Der Bundesadler neben einem Kreuz in einer Kirche, sprach nicht gerade für die Trennung von Staat und Kirche aber ließ schon die Vermutung zu, dass man sich auch hier in Zeiten der Krise auf den Glauben beruft. Allgemein erinnerte die Rede doch phasenweise sehr stark an eine Predigt. Insgesamt war es die zwölfte Berliner Rede, die 1997 zum ersten Mal vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog gehalten wurde und als die Ruckrede in die Geschichte einging. Natürlich stand diese vierte Berliner Rede von Horst Köhler auch im Zeichen der am 23. Mai 2009 anstehenden Wahlen des Bundespräsidenten. Genau an diesem Tag entscheiden dann die 1.224 Wahlmänner bzw. Wahlfrauen der Bundesversammlung darüber, ob Horst Köhler noch eine zweite Amtszeit erhält, die er anstrebt. In sofern bleibt es auch noch offen, ob dies seine letzte Berliner Rede war. In gut zwei Monaten sind wir alle etwas schlauer, dies gilt im übrigen auch für einige Inhalte seiner Rede.

Die Geschichte des Scheiterns

Bundespräsident Horst Köhler eröffnete seine vierte Berliner Rede mit der Geschichte seines Scheiterns als geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF). Er beklagte sich über mangelnde Unterstützung und darüber, dass die Politik nicht über der Wirtschaft stand. Ein Problem, welches wir alle aus der heutigen Zeit kennen, nur dass es scheinbar seit damals noch massiver wurde. Deshalb war es auch wieder eher befremdlich, dass nun auch der Mann mit dem höchsten Amt im Staate, Floskeln verwendete, wie zum Beispiel die, dass in der Krise auch eine Chance liegt bzw. das man aus dem Negativen auch immer etwas Positives ziehen kann. Alles natürlich unter der Bedingung, dass man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hätte. Gerade die jüngste Vergangenheit, die letzten Wochen und Monate, müssten allerdings auch ihm gezeigt haben, dass dem eben nicht so ist. Wahrscheinlich, weil ihm doch so etwas zu Ohren gekommen ist, versuchte er auch alle, auf weiter steigende Arbeitslosenzahlen einzustellen und an ihre Verantwortung zu erinnern. Was bei den immer wiederkehrenden Rufen nach Verantwortung auch hier wieder etwas unterging ist, dass viele Menschen Verantwortung beweisen, allerdings eine gewisse Minderheit von vermeintlichen Eliten und Experten verantwortungslos handelt und so alle anderen mit in den Abgrund reißt. An dieser Stelle die Unschuldigen an ihre große Verantwortung zu erinnern, wirkte ebenfalls eher befremdlich.

Absolut richtig war natürlich die Feststellung, dass die Gleichung :Weltwohlstand gleich Weltfrieden heißt. Das Ungleichgewicht zwischen der Welt des Nordens und des Südens, welches Köhler immer wieder gerne am Beispiel Afrikas aufzeigte, schien ihn zu beängstigen, genau dies sollte es auch tun. Denn welche Gefahren ein solches Ungleichgewicht mit sich bringt, sieht man heute schon überall und auch die Redaktion von fairschreiben.de weist in regelmäßigen Abständen auf diese Gefahr hin. Erschreckend war allerdings auch die inhaltlich absolut korrekte Aussage, dass es keinen Ausweg aus der Globalisierung geben würde, denn dies klang irgendwie schon etwas nach Resignation. Was wir hier im Hause gar nicht nachvollziehen konnten, war das Lob für die Arbeit der Regierung und die Aussage, dass die Richtung stimmt. Aber immerhin ermahnte er die Regierungsparteien auch, dass die Bundestagswahlen keine Befreiung von der Regierungsverantwortung bedeuten würden. Genau dieses Statement passte dann natürlich auch zu dem Hinweis, dass die aktuelle Krise auch eine Bewährungsprobe für die Demokratie sei. Das Thema Krise machte Köhler sehr stark an den Banken, also dem Finanzwesen fest. Es war immer wieder die Rede von den Informationen, die die Gesellschaft braucht, es war aber nicht die Rede von der Qualität dieser Informationen und da liegt der Knackpunkt viel mehr. Doch er erhob auch schwere Vorwürfe gegen die deutsche Bankenlandschaft und lenkte so auch geschickt davon ab, dass es sich schon lange nicht mehr um eine reine Finanzkrise, sondern um eine Wirtschaftskrise handelt.

Freiheit ohne Verantwortung

Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft immer weiter auseinander. Die Banken haben sich von der Gesellschaft abgekoppelt. Der Markt braucht Regeln und Moral und ist auch nicht alles. Bei solch geballter verbaler Schlagkraft, war das Ergebnis kaum zu übersehen, es war die Überleitung zum Loblied auf die Soziale Marktwirtschaft, was soweit auch durchaus in Ordnung geht, allerdings tat Köhler so, als würden wir in dieser leben. Es ging ein bisschen unter, dass die Zeiten der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland schon lange vorbei sind und der kümmerliche, kleine Rest der geblieben ist, nun auch noch von den wutstampfenden Füßen der Großen Koalition in Grund und Boden getreten wird. Nicht nur an dieser Stelle hatte man das Gefühl, dass er einige Aspekte beschönigte und genau dieser Fehler, dieser ständige krampfhafte Zwecksoptimismus, ist auch ein großer Faktor im Kontext der Verantwortung der Weltwirtschaftskrise. Über dies hinaus stellte natürlich auch er sich gegen Protektionismus, was im Land des Exportweltmeisters auch keine wirkliche Überraschung war. Genauso wenig wunderte es, dass er den Euro lobte und sich hier nur die Frage stellt, welches Szenario wahrscheinlicher ist, eine Rückkehr zur guten alten D-Mark oder eine Weltwährung, die man dann doch sehr schön `Worldy` nennen könnte. Das Thema Kapital war natürlich eines der Hauptthemen dieser vierten Berliner Rede und man muss wohl auch davon ausgehen, dass seine Vita nicht ganz unschuldig an dieser Tatsache war. Genau in diesen Zusammenhang passten dann natürlich auch Aussagen, dass er Weltbank und IWF alleine in der jetzigen Form nicht mehr für ausreichend hält. Er sprach sogar von einer Unterversicherung der Weltwirtschaft, was natürlich schon etwas bedrohliches hat. Dagegen war die Aussage, dass das Kapital den Menschen dienen sollte und sie nicht beherrschen sollte, schon richtig philosophisch.

Natürlich waren die Ausführungen zu den Auswüchsen auf den internationalen Finanzmärkten und deren gesellschaftliche und politische Auswirkungen noch lange nicht alles womit er seine Rede füllte. Auch die industriellen Probleme, die wir dieser Tage alle spüren, wurden von Köhler thematisiert. Es ging um die guten Ingenieure von Opel ohne dabei anzusprechen, dass deren geistiges Eigentum längst in den USA verpfändet wurde. Er sprach von den Problemen von Märklin bis Schiesser und merkte an, dass sich die Fabrikhallen immer mehr von Menschen entleeren würden und es so zwangsläufig zu einer Neuorientierung in der Wirtschaft kommen müsste. Er sparte natürlich auch die Themen, wie zum Beispiel Entwicklungshilfe, Klimawandel und Erderwärmung nicht aus, wobei man zum Schluss seiner Rede schon das Gefühl bekam, einer Aufzählung folgen zu müssen, wie sie im Lehrbuch steht. Auch Hinweise, dass wir alle Abstriche machen müssten, was er natürlich auch wieder als etwas Positives verkaufte, wie auch das die armen Länder aus unseren Fehlern lernen müssten, untermauerte eine große Vermutung im Zusammenhang mit dieser Rede. Deutschland hörte eine recht gute, wenn auch teilweise etwas beschönigte, Auflistung der Probleme die diese Republik und der Rest der Welt hat. Man hörte aber auch spannende Zukunftsvisionen, wie alles werden könnte. Ein Punkt fehlte aber ganz offensichtlich, die Schnittstelle. Denn schlüssige und glaubwürdige Argumente oder gar Konzepte, wie man aus der Weltwirtschaftskrise in eine rosige Zukunft gelangt, fehlten. Die Aussage, dass wir eine ökologische Revolution als kulturelle Herausforderung annehmen müssen, reicht da bei weitem nicht aus.

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Kultur · Medien · Politik · Technik · Umwelt · Wirtschaft

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