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Die Wahrheit des Wortes

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Die große Heuchelei des Sportjournalismus

15. Dezember 2009

Zum Jahresende scheint der Sport noch einmal in den Fokus zu rücken und dies leider auf eine sehr unsportliche Weise. Es geht um den `Fall` Jens Lehmann, wobei direkt angemerkt sei, dass allein schon diese Formulierung letztendlich falsch ist, denn hier von einem Fall zu sprechen ist schon eine maßlose Übertreibung und es sei auch direkt angemerkt, dass die Unsportlichkeit in diesem Kontext weniger auf dem grünen Rasen, also beim Keeper vom VfB Stuttgart zu suchen ist, als viel mehr bei den Kollegen des Sportjournalismus. Es ist gerade einmal taggenau einen Monat her, dass der Keeper von Hannover 96, Robert Enke, beerdigt wurde und scheinbar hat man diese Tragödie im Bereich des Sportjournalismus schon vergessen, denn sollte dem nicht so sein, wäre all das Gesagte von damals nichts anderes als Heuchelei gewesen, um möglichst gute Quote zu machen.

Die Fälle Kahn
Um noch einmal auf den Begriff `Fall` im Kontext mit dem was sich am Wochenende im Spiel zwischen dem 1. FSV Mainz 05 und dem VfB Stuttgart abgespielt hat zurückzukommen, sei gesagt, dass man dann wohl auch von unendlich vielen `Fällen` des Oliver Kahns reden müsste, dessen Rücktrittsforderung an Lehmann an Zynismus nicht mehr zu überbieten ist aber seinem scheinbar völlig unfairen Charakter entspricht. Aber der Reihe nach. Im Sonntagsspiel des VfB Stuttgart foulte der Mainzer Aristide Bancé den Stuttgarter Keeper auf so rustikale Art, dass Lehmann multiple Verletzungen erlitt. Dieses Foulspiel blieb ohne größere Folgen. Im weiteren Spielverlauf stieß Lehmann ihn mit den Fäusten, die er vor der Brust hielt und trat ihm auf den Fuß, daraufhin ging der Mainzer Spieler Oscarreif zu Boden. Diese Szene blieb allerdings nicht folgenlos, sondern brachte dem Stuttgarter Keeper eine rote Karte ein und Mainz den Spielentscheidenden Elfmeter. Es ist korrekt, dass Lehmann seinen Gegner, egal in welcher Form, so nicht hätte angehen dürfen. Insofern muss man wohl auch sagen, dass der Schiedsrichter diese rote Karte durchaus geben konnte aber was in der Folge aus dieser Situation gemacht wurde, ist einfach nur lächerlich.

Jedes Wochenende passieren Szenen im Fußball, die bei weitem brutaler, unsportlicher und unfairer sind und es wird im Ansatz nicht ein solcher Wind gemacht, womit wir wieder bei Oliver Kahn wären. Der ehemalige Torhüter des FC Bayern München fiel in seiner Karriere nicht nur einmal durch brutalste Ausraster auf, wo gegen Lehmann mit seiner Aktion vom Wochenende, wie ein Chorknabe aussah. Rückritt, Skandal oder ähnliche Begriffe musste man damals allerdings mit der Lupe suchen. Wäre Kahn für die Situation vom Wochenende verantwortlich gewesen, hätte er wahrscheinlich noch nicht einmal die rote Karte gesehen und die so fairen und unabhängigen Sportjournalisten hätten dies auch noch gerechtfertigt. Genau diese Art, die hier von Seiten der Medien an den Tag gelegt wird, dürfte auch einer der Gründe sein, die es manchem Spieler im Fußball so schwer machen. Wo dieser Druck in der Spitze hinführen kann, hat der tragische Selbstmord von Robert Enke vor einem Monat gezeigt. Die Berufsgruppe, die damals vom Erbe des Robert Enkes sprach, die ein Umdenken forderte, hetzt jetzt schon wieder gegen den nächsten Spieler, so etwas ist an Heuchelei kaum noch zu überbieten. Wie das eben geschilderte Verhalten eines Oliver Kahns in diesem Kontext zu beurteilen ist, erklärt sich wohl von selbst.

Der Fall Michael Schumacher
Wenn Menschen nach einem solchen Spiel, wie dem vom Sonntag in Mainz, mit Kapuze über dem Kopf einfach so verschwinden, ist dies nicht zwingend als Scham über ein verhältnismäßig unspektakuläres Foul anzusehen, sondern vielleicht eher als Desinteresse sich mit diesen Menschen, die eine solche Heuchelei an den Tag legen, zu unterhalten und dies ist wohl durchaus verständlich. Da sich, wie das folgende Beispiel zeigt, an der Berichterstattung im Sport auch nach dem Tod von Robert Enke ebenso wenig geändert hat, wie im Sport selbst auch, muss man wohl auch weiterhin mit solchen Tragödien, wie der um den Keeper von Hannover 96 rechnen. Beim nächsten Mal wäre es nur schön, wenn man dann auf großartige Trauersendungen etc. verzichtet, denn scheinbar war von alldem kaum etwas ernst gemeint. Es sind immer die anderen Schuld, dies gilt natürlich auch für den Bereich der Medien, die selbst nicht davor zurückschrecken einen Zusammenhang zwischen Jens Lehmanns Foul und dem Tod von Robert Enke herzustellen, wie es Wolf-Dieter Poschmann am gestrigen Tag im Mittagsmagazin des ZDF tat.

Auf der anderen Seite sieht man dieser Tage die Gerüchte um ein Comeback von Michael Schumacher in die Formel Eins, welches natürlich skeptisch zu betrachten ist, schließlich gab es in diesem Jahr schon ein Comeback-Versuch. Dieser skeptische Blickwinkel bezieht sich allerdings sehr stark auf wirtschaftliche Aspekte und weniger auf die sportlichen. Da der Sport natürlich immer mehr zu einem Teil der Wirtschaft wird, gelten hier in der Betrachtungsweise sowohl durch die Medien, wie auch durch die Gesellschaft selbst, noch einmal andere Maßstäbe. Sportlich betrachtet und hier ist man schon wieder hart an der Grenze, kamen mit den Gerüchten zu einem Comeback des ehemalige Formel-Eins-Stars auch gleich wieder Spekulationen dazu auf, wie leistungsfähig er nun eigentlich noch sei. Da ist er wieder der Leistungsdruck, der es vielen Sportlern so unendlich schwer macht und von dem später angeblich niemand wirklich weiß, woher er immer wieder kommt. Ein weiterer Teil dieser großen Heuchelei. Es sind angeblich nicht die Journalisten, nicht die Verbände und auch nicht die Sportkollegen oder Sponsoren die diesen Druck aufbauen. Da fragt man sich, wer es denn sonst sein sollte? Abschließend bleibt zu sagen, dass das Verhalten mancher Sportjournalisten in `Fällen`, wie denen von Lehmann und Schumacher wohl einen Tiefpunkt in dieser Branche für das Jahr 2009 darstellt, vor allem nach der Tragödie um Robert Enke.

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Kategorie: Ein Kommentar zur Woche · Gesellschaft · Medien · Sport · Wirtschaft

Bis jetzt 6 Kommentare ↓

  • 1 clhu // 15. Dez 2009 at 13:23

    Dieser Artikel ist -mal wieder- sehr gelungen.
    Ich kann Ihre Meinung dazu zu 100% teilen!

  • 2 Claudia // 15. Dez 2009 at 13:57

    Traurig, aber wahr. Was hat ein solches Verhalten eigentlich noch mit Sport zu tun? Von Fairness ganz zu schweigen. Schade, die Sportler sind gut und hochmotiviert. Wenn Fehlentscheidungen getroffen werden oder “Mücken zu Elefanten” hochstilisiert werden, kann von Sportlichkeit tatsächlich keine Rede sein. Auch Schiedsrichter sind nur Menschen, aber sie sollten fair beurteilen und nicht nach Gesicht. Und Oliver Kahn… da fällt mir überhaupt nichts mehr ein außer “wer im Glashaus sitzt”.

  • 3 Der BALLacker » Der spanische Sieg und die deutschen Patzer // 12. Jul 2010 at 14:28

    [...] WM für Robert Enke Zum anderen zeigte die WM 2010 aber auch, wie viel Heuchelei auch in dieser Sportart zur Tagesordnung gehört. Man hatte das Gefühl, als hätten [...]

  • 4 Der BALLacker » Paul starb auf dem Weg ins Achtelfinale // 27. Okt 2010 at 23:50

    [...] der FCB sein sollte, dies dann wahrscheinlich in den Augen einiger vermeintlich unabhängiger Sportjournalisten wohl verdient sein wird, kommt Paul in jedem Fall in einen Pott und zwar in eine Urne, die dann im [...]

  • 5 Der BALLacker » Mit den Gedanken bei Robert // 8. Nov 2010 at 00:12

    [...] überzugehen. Im übrigen gilt dies auch für den größten Teil der Medienvertreter. Diese Menschen sollten sich schämen und diese Leute sind es auch die beim Fußball [...]

  • 6 Der BALLacker » Der wahre Skandal des 28. Spieltags // 4. Apr 2011 at 07:13

    [...] werden, was genau wie der Umgang mit dem tragischen Tod von Robert Enke belegt, wie groß die Heuchelei im deutschen Fußball ist. Das ist der wahre Skandal dieses Spieltags. Artikel bookmarken [...]

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