fairschreiben

Die Wahrheit des Wortes

fairschreiben header image 2

Der unerschütterliche Glaube an die Macht des Kredits

24. März 2009

Gerade sendete der ORF das “Bürgerforum”, und hundert Menschen stellten im Studio Finanzminister Josef Pröll (ÖVP) und Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) Fragen zur Krise. Da wurde viel über Kredite gesprochen, dass man Vertrauen haben muss und die österreichische Regierung viel gegen die Krise tut. Auch Zukunftsforscher Michael Horx war anwesend. Der meinte, man würde immer noch zuviel jammern und nicht die Chancen sehen. Was nach einer Stunde Diskussion übrig blieb war der schale Beigeschmack, dass sich die politische Führung selbst beweihräuchert und man sich auf “wir werden tun” und Konjunkturpakete hinausredet.

Da glaubt man an die Macht der Kredite. Denn die Kredite, die man jetzt gewähren will, sollen die Unternehmen wieder nach vorne bringen, die Wirtschaft ankurbeln und Arbeitsplätze sichern. Gleichzeitig meint ein Herr Finanzminister Pröll, dass es falsch wäre, die Krise mit Schulden machen zu bekämpfen. Was ist dann gar ein Kredit? Ist dieser nicht auch eine Form Schulden zu machen? Gerade Kredite ohne Schufa führen in die Verschuldung, weil man glaubhaft vermittelt, nur mit einem Kredit hätte man wieder Chancen auf Gewinn und Ertrag. Ist das nicht absurd? Und ein Kredit muss bedient werden, doch wenn der Markt fehlt, weil Österreich stark exportorientiert ist, dann kann mangels Absatz der Kredit wieder nicht bedient werden. Genau deshalb spricht man schon von der “Kreditklemme”, weil die Banken mit der Vergabe von Krediten vorsichtig geworden sind. Schließlich wollen die ihr Geld wieder sehen. Und was man bei der ganzen Debatte vermisst hat, war der Umstand: Niemand sprach über die gegenwärtigen Kredite. Niemand der hundert Anwesenden erwähnte, dass Menschen ja Kredite laufen haben. Warum denkt man beim Konjunkturpaket nicht an diese Kredite und hilft, deren Rückzahlung sicher zu stellen? Klar doch, weil Banken ihr Einkommen aus der Vergabe von Krediten erwirtschaften. Also müssen neue Kredite her, damit die Banken wieder etwas verdienen können. Das ist mit dem Ankurbeln der Wirtschaft gemeint. Herr Pröll, das ist doch Schulden machen pur!

Gleich mal zum Vorgeschmack, wenn die bereits vorhandenen Kredite nicht mehr bedient werden können. USA ist Vorreiter in Sachen Notlösung und das Leben ist zynisch genug, diese Notlösung wie ein Flüchtlingslager aussehen zu lassen. Seit einem Jahr entstehen vor allem in Kalifornien “tent cities”, Zeltstädte. Jene, die ihr Haus räumen mussten, weil sie die Kreditraten nicht mehr aufbringen konnten, hausen jetzt in Zeltstädten, rund um Los Angeles, Santa Barbara und Sacramento. Sieht doch gut aus, oder? Und das trotz Billionen-Konjunkturpaket. Wenn im Land der unbegrenzten Möglichkeiten auch eine solche (unbegrenzte) Möglichkeit des Wohnens vorhanden ist. Wer dort wohnt? Ganz einfach, Menschen des Mittelstandes, die einer völlig normalen Arbeit nachgingen. Ja, “gingen”, weil sie heute arbeitslos sind. “You have 30 minutes!”, heisst es da lakonisch. Und du darfst zusammen packen und gehen. So schnell wird in den USA gekündigt. Nur dort? Nein, auch hier. Der ORF bringt in besagter Sendung den Fall eines 21-Jährigen. Da geht der gelernte Elektroanlagenmonteur ganz normal zur Arbeit, und der Chef fragt ihn dann: “Gehst du, oder soll ich einen andern rauswerfen?” Cool, nicht?

Liebe Politiker dieses Landes. Hört endlich auf eure Maßnahmenpakete schön zu reden. Sie sind weder bereits in Kraft, noch werden sie eine Wirkung haben. Fakt ist, dass mit Jahresende rund 600 000 Menschen in Österreich keine Arbeit haben werden – das hat euch Stefan Pierer (KTM-Chef) schon zum Jahreswechsel prophezeit. Und sorgt euch nicht um die Kreditausfälle in Osteuropa. Sorgt euch lieber um die Kreditausfälle in Österreich, wenn Menschen deswegen auf der Straße stehen, weil “nix mehr geht”. Macht es da nicht mehr Sinn, mit Regiogeld Initiativen zu starten, so viel wie möglich vor Ort in den Regionen und Kommunen von der Krise abzufangen? Ihr sitzt schon wieder dem Irrglauben auf, mit Geld pumpen etwas bewegen zu können. “Erst muss Geld her, dann passiert was.” Damit lässt man Wissen und Innovationen außen vor. Man vergisst auch die Menschen, die Ideen haben, sich zu helfen. Schaut doch nach Vorarlberg mit der Talente Börse oder ins Waldviertel mit dem Waldviertler Regional. Werdet euch endlich bewusst, dass man Ideen nicht kaufen kann, sondern dass diese vor eurer Haustüre liegen! Denn gerade dieser Irrglaube, nur mit Geld eine Krise bewältigen zu können entspringt einem Wirtschaftsverständnis, das mittlerweile als überholt in deutschen Lehrbüchern für Humangeografie beschrieben wird. Dort steht, es ist falsch zu glauben, nur der sei reich, der Rohstoffe und Geld hat. Diejenigen sind reich, die über Wissen, Mut und Anwendung ihrer Ideen verfügen. Lasst diese Menschen endlich zum Zug kommen.

AMW

Freude teilen: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • email
  • Facebook
  • Fark
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • LinkedIn
  • Twitter


Kategorie: Ein Kommentar zur Woche · Europa · Gesellschaft · Medien · Neues aus Österreich · Politik · Wirtschaft

Bis jetzt ohne Kommentar ↓

  • Bisher noch ohne Kommentar - Fang an und sag Deine Meinung

Schreib was dazu