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Die Wahrheit des Wortes

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Der plötzliche Abpfiff im Leben des Robert Enke

12. November 2009

Alle sind durch den Selbstmord des Nationaltorhüters und Keeper von Hannover 96 Robert Enke überrascht worden. Mit nur 32 Jahren warf er sich am Dienstagabend gegen 18.30 Uhr in der Nähe von Hannover vor einen Regionalexpress und verstarb noch an der Unfallstelle. Der Unglücksort liegt nur gut 200 Meter vom Grab seiner Tochter Lara entfernt, diese verstarb vor gut drei Jahren an den Folgen eines angeborenen Herzfehlers. Enke hinterlässt eine Frau, sowie seine acht Monate alte Adoptivtochter Leila, die seit Mai in der Familie lebte. Allein schon der von den Fans spontan arrangierte Trauerzug mit 35.000 Menschen quer durch Hannover, zeigte am gestrigen Abend, wie groß die Anteilnahme ist. Natürlich bleibt auch bei ihnen die Frage nachdem `Warum?` und selbst wenn man diese Frage nun medizinisch beantwortet hat, bleiben viele weitere Fragen offen.

Der DFB und der Leistungsdruck
Gestern war wohl der Tag an dem es die bewegensten Pressekonferenzen seit langer Zeit gab. Großer Respekt gilt hier natürlich vor allem der Witwe von Robert Enke. Teresa Enke stand noch nicht einmal 24 Stunden nachdem Tod ihres Mannes vor den versammelten Vertretern der Medien und versuchte zu erklären, wie es zu dieser Tragödie kommen konnte und wer ihren Worten Gehör schenkte, stellte bald fest, dass es im Leben nicht immer das Einfache, das Offensichtliche ist, was Fragen beantwortet. Denn in dieser gesamten Pressekonferenz wurde auch klar, dass es nicht, wie vielfach im Vorfeld vermutet, um den Schmerz, den Verlust seiner Tochter Lara vor über drei Jahren ging. Robert Enke litt an Depressionen und dies schon seit seine Karriere richtig begann. Er hatte massive Versagensängste. Man sieht hier sehr deutlich, dass Enke ganz offensichtlich mit dem Druck dieser Leistungsgesellschaft nicht klar kam. Es scheint fast ähnlich zu sein, wie bei dem Tod von Michael Jackson, der in diesem Jahr auch schon unzählige Menschen weltweit tief berührte. Jackson bekämpfte den Druck mit Medikamenten, die ihm dann letztendlich das Leben nahmen.

Es scheint im Moment etwas zynisch, wenn sich nun genau die Menschen schockiert zeigen, die natürlich ihren Teil für den Leistungsdruck in unserer Gesellschaft beitragen. Natürlich scheint es da fast verständlich, dass Theo Zwanziger, als Präsident des Deutschen Fußball Bundes (DFB), versucht eine Teilschuld der Erkrankung in den Schicksalsschlägen, wie eben dem frühen Tod der Tochter Lara zu suchen. Natürlich kann man nicht von einer Schuld des DFB reden, da die Problematik natürlich weit über Deutschland hinausgeht, schließlich hat Enke an vielen Orten in Europa gespielt und natürlich muss man es dem DFB anrechnen, dass er das Länderspiel am Samstag gegen Chile in Köln abgesagt hat. Diese Absage ist ein wichtiges Signal, welches sich Menschen, wie Robert Enke, wahrscheinlich schon öfters in ihrem Leben gewünscht hätte. Es wird deutlich gemacht, dass es auch im Sport wesentlich wichtigeres gibt, als immer nur Höchstleistung. Man darf natürlich auch nicht vergessen, dass diese Entscheidung des DFB auch eine Komponente im Kontext zur Wirtschaft hat, denn natürlich reden wir auch hier über viel Geld und das man auch dies in diesem Fall hinten angestellt hat, ist sehr lobenswert.

Die ohne Namen
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht von 10.000 Menschen pro Jahr aus, die sich in Deutschland das Leben nehmen. Dies macht deutlich, dass Robert Enke bei weitem kein Einzelfall war, er stand eben nur in der Öffentlichkeit, was natürlich über seinen tragischen Tod hinaus wirkt. Wie viele dieser Menschen deren Namen niemals in der breiten Öffentlichkeit auftreten werden, ein ähnliches Schicksal wie Enke durchlebt haben, bleibt ungewiss aber man sieht, wie hoch das Problem mit dem Leistungsdruck in unserer Gesellschaft ist und dies bezieht sich natürlich nicht nur auf den Bereich des Sports. Zum Teil scheint es auch wieder so, als würde es sich die Menschheit einmal mehr zu einfach machen und hier eine Person, als krank und jede Hilfe ablehnend darstellen, dies mag zum Teil auch den Fakten entsprechen, bezieht sich, so hart es auch klingen mag, allerdings wieder rein auf die Symptome. Das abgesagte Länderspiel ist, wie gesagt, ein sehr gutes Zeichen für die Menschlichkeit aber es muss noch mehr folgen, denn man muss wohl auch festhalten, dass die heutige Gesellschaftsform ganz offensichtlich viele Menschen krank macht und sich diesem Kern zu widmen ist wichtiger, als an den Symptome herumzudoktern.

Martin Kind, der Präsident von Hannover 96, wo Robert Enke seit 2004 spielte, war noch einige Stunden vor seinem Tod damit beschäftigt, sich dafür stark zu machen, dass es im deutschen Fußball ähnliche Finanzierungsmodelle geben soll, wie es sie bereits in England gibt. Diese wesentlich raubtierkapitalistischeren Modelle würden natürlich auch noch einmal den Druck der Vereine erhöhen und somit natürlich, letztendlich auch den Druck für jeden Spieler selbst. Kind scheiterte vorerst mit seinen Plänen und man muss wohl anmerken, dass dies eine positive Entscheidung war. Es geht in diesem Artikel nicht darum nach Schuldigen zu suchen, denn letztendlich trägt Robert Enke alleine die Verantwortung für seine Entscheidung aber trotzdem ist es wichtig, die einzelnen Rädchen zu beleuchten, die dafür sorgen, dass diese Maschinerie der Leistungsgesellschaft läuft. Wenn jeder seinen Teil dazu beiträgt, dass nicht immer nur Leistung, dass ist was ganz oben steht, teilen vielleicht in Zukunft weniger Menschen das Schicksal eines Robert Enkes, egal ob man sie kennt, weil sie in der Öffentlichkeit stehen oder nicht. Wenn nur dies erreicht würde, würde es dem Tod von Robert Enke noch ein klein wenig Sinn verleihen.

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Kategorie: Ein Kommentar zur Woche · Europa · Gesellschaft · Sport · Wirtschaft

Bis jetzt 8 Kommentare ↓

  • 1 Der BALLacker » Neuer Manager für Bayer 04? // 15. Sep 2010 at 00:01

    [...] Verletzungspause auch völlig normal war. Dann, am letzten Wochenende, beim Unentschieden gegen Hannover 96, direkt die nächste Verletzung, die ein weiteres Aus für mehrere Wochen bei Bayer 04 [...]

  • 2 Art for Europe » Amy Winehouse - Das Leben ist ein Spiel // 30. Sep 2011 at 15:51

    [...] starben in diesem Zusammenhang, wie erst zuletzt der tragische Tod des Keepers von Hannover 96, Robert Enke, zeigte. Es gibt allerdings einen gravierenden Unterschied, denn bei Enke wusste so gut wie niemand [...]

  • 3 Der BALLacker » Schlimmer geht immer – Die Nations League // 2. Apr 2014 at 08:01

    [...] den deutschen Fußball sehr zynisch. Im November ist es ein halbes Jahrzehnt her, dass sich Robert Enke in der Nähe von Hannover vor einen Zug warf und seinem jungen Leben so ein Ende setzte. Der [...]

  • 4 Der BALLacker » Der spanische Sieg und die deutschen Patzer // 5. Jun 2014 at 16:19

    [...] das Gefühl, als hätten die Aktiven, wie auch die Medienvertreter schon vergessen, dass Robert Enke hier fast zwischen den Pfosten gestanden hätte. Ein großer Aufschrei ging noch Ende [...]

  • 5 Der BALLacker » Und wieder die Sache mit der 13 // 23. Nov 2015 at 09:15

    […] Babak Rafati versuchte umzubringen. Außerdem ist der November seit dem Selbstmord von Robert Enke im Jahr 2009 allgemein mit Trauer im Kontext des deutschen Fußballs belegt. Und im November […]

  • 6 Der BALLacker » Wortsport des Monats November 2015 // 25. Nov 2015 at 09:32

    […] Der November scheint im Fußball doch ein eher kritischer Monat zu sein. 2009 nahm sich der Keeper Robert Enke von Hannover 96 das Leben und versetzte Fußballdeutschland in einen kurzfristigen Schock. Es folgten viele […]

  • 7 Der BALLacker » Wegen Trauerfall geschlossen // 21. Nov 2016 at 08:27

    […] dunklen Jahreszeit passten, um es ganz vorsichtig zu formulieren. Dies reicht vom Selbstmord von Robert Enke 2009 bis zum Terror von Paris und der ominösen Spielabsage von Hannover im letzten Jahr. In diesem […]

  • 8 Art for Europe » Der Tod und die Kunst // 27. Jul 2017 at 07:04

    […] Freund genau an dem Tag, an dem Cornell 53 Jahre alt geworden wäre. Bennington litt unter Depression und Selbstmord war schon häufiger ein Thema, alles gar keine Frage. Dies sind auch Erklärungen, welche […]

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