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Die Wahrheit des Wortes

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Davos 2009 – von Demut zur Entscheidung II

2. Februar 2009

Eigentlich dürfen wir jetzt den Titel hier korrigieren: “Von Demut zur Krise II”, weil das griechische Wort “Krise” ja “Entscheidung” bedeutet. Doch genug des Wortspieles. Es ist ernster als manche glauben wollen. Zum Jahreswechsel hatte Österreich gute 280 000 Arbeitslose. Heute, einen Monat später, haben wir die 300 000er-Marke bereits überschritten. Und es wird munter in diesem Tempo weiter gehen. Davos war die “Abschiedsparty dieser Epoche”, so Hannes Androsch in der Sendung IM ZENTRUM, im ORF am 01.02.2009.

Es droht uns allen eine Kündigungswelle, die von den USA ausgehen wird. In Österreich rechnet man mit 26 000 Kurzarbeitern bis März 2009. Doch die Kurzarbeit bietet nicht die Lösung des Problems. In besagter Diskussionsrunde im ORF stellt man fest, dass Kurzarbeit ein probates Mittel in einer konjunkturellen Delle darstellt. Für eine Krise, die übrigens einzigartig ist, hilft dieses Arbeitsmodell wenig. Die Situation, in der sich die Weltwirtschaft heute befindet, ist deshalb gefährlich, weil sich erstmals Finanzkrise und Wirtschaftskrise die Hand geben. Zwei Krisen auf einen Schlag – das gab es noch nie, und die Vergleiche mit den 30er Jahren sind völlig berechtigt. Da hilft uns kein Herummauscheln mehr. Europa steht vor seiner größten Probe, ob es wirklich fähig ist, gemeinsam zu handeln und Maßnahmen zu setzen.

Claus Raidl, Generaldirektor von Böhler-Uddeholm, gewinnt der Situation wenig Positives ab: “2010 wird auch nicht positiv werden.”  Und Wirtschaftsforscher Felderer spricht von einem Umsatzeinbruch in einer Höhe von 50 Prozent. “Das werden nur wenige Unternehmen überleben.” Hier sei angemerkt, dass 90 Prozent der österreichischen Unternehmen weniger als 10 Mitarbeiter beschäftigen. Und immer noch wird bei diesen Diskussionen darüber gesprochen, dass man den Mitarbeitern helfen will. Kommt das Gespräch auf die UnternehmerInnen, dann hört man Floskeln. Von Hilfe bei Krediten ist die Rede, von Eigenkapitalquoten erhöhen – doch in Wahrheit bekommen die österreichischen Kleinunternehmer kaum noch Kredite. Basel II verhindert das, weil die vielzitierte Bonität abhanden gekommen ist. Welcher österreichische Betrieb ist heute wirklich noch so liquide, dass er Basel II erfüllt? Die Beratungsstelle in der Wirtschaftskammer Steiermark, die für Mikrokredite zuständig ist, spricht mit uns offen über die Situation. Man erlebe es als bedrückend, täglich hören zu müssen, dass es nicht mehr um Investitionen, sondern vielmehr um Umschuldungen geht, um Rettungsaktionen für den Betrieb. Die Dame, mit der wir dort sprechen, vermutet, dass gut die Hälfte der österreichischen Unternehmen keinen gesunden Betrieb mehr führen. Doch davon will man seitens der WKO in Wien nichts hören. Man habe eine Helpline eingerichtet und einen Ombudsmann bestellt, berichtet die Generalsekretärin der WKO, Frau Hochhauser. Der Ombudsmann geht dann mit dem ins Wanken geratenen österreichischen Unternehmer zur Bank und hilft beim Kreditgespräch. Und man gibt zu, dass Betriebsmittelfinanzierungen schwierig geworden sind.

Von Davos hört man heute nichts mehr. Wäre der Eklat mit dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan nicht gewesen, hätte man überhaupt nichts vom Wirtschaftsgipfel mitbekommen. Einen der Teilnehmer hat der ORF gestern interviewt. Der meinte prophetisch, dass der Großteil der Anwesenden sich der Tatsache nicht bewusst ist, dass sie selbst die Verursacher diese Krise sind. Kein Wunder also, dass man nichts von Stiglitz und Co hört. Kein Wunder, dass Lösungen nicht möglich waren, wenn das Problembewusstsein zu fehlen scheint. Das Einzige was durchdringt: die Prognosen stehen schlecht. Man darf sich auf eine mehrjährige Rezession gefasst machen.

Hannes Androsch hat dafür harte Worte. Man habe zuviel schön geredet, gesund beten und Beruhigungsparolen ließen wertvolle Zeit verstreichen, und das Schlimmste steht uns noch bevor. Die Weltkonjunktur wird um 7 Prozent zusammenbrechen, und die Weltarbeitslosigkeit wird sich verfünffachen – auf 230 Millionen Arbeitslose. In Europa wird heute schon Spanien als Arbeitslosen-Spitzenreiter gehandelt; die 4 Millionen-Grenze wird überschritten. Wenn es nach unserem Promi-Industriellen Hannes Androsch geht, dann sind wir mitten in einer Epochen-Zäsur.

Kurz und gut, die so genannten Experten wissen keinen Rat. Weder in Davos noch in der Runde heute Abend bei IM ZENTRUM. Nur das Bankensystem wieder ins Laufen zu bringen, nach staatlicher Kontrolle zu rufen, hilft wenig. Wie das passieren soll, weiß keiner so richtig. Man schiebt den Ball zur Politik. Und das kann dauern. Vielleicht ist es in dieser Situation angebracht, mit dem Hausverstand zu handeln: “Wir müssen zu denen gehen, die nicht im System sind. Die haben die Lösungen!”, höre ich heute bei einem privaten Telefonat mit einer Bekannten. Und vielleicht sind wir jetzt besonders im Querdenken gefordert. Unkonventionell und mutig. Um mit Weizsäcker zu schließen: der Krise ausweichen hilft uns nichts. Wir haben sie als Zustand anzuerkennen und ermöglichen uns selbst damit zu unverhofften Lösungen zu kommen. Not macht schließlich erfinderisch.

AMW

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Kategorie: Gesellschaft · Neues aus Österreich · Politik · Wirtschaft

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