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Die Wahrheit des Wortes

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Dauerwerbesendung zum Tode von Lech Kaczynski

13. April 2010

Am Samstag gegen 9.00 Uhr unserer Zeit kam der polnische Präsident Lech Kaczynski mit seiner Ehefrau Maria und einer sehr hochrangigen Delegation der polnischen Elite bei einem Flugzeugabsturz im westrussischen Smolensk ums Leben. Ein Schock für ganz Europa aber vor allem natürlich ein Schock für alle Polen, denn zum zweiten Mal innerhalb von nur 70 Jahren wurde fast am gleichen Ort, ein großer Teil der geistigen Elite dieses Landes ausgelöscht. Die Tragweite dieser nationalen Tragödie wird sich erst ganz langsam zeigen und ist im Moment erst in den Grundzügen zu erkennen. In diesem gesamten Kontext war es umso erstaunlicher, was sich am Wochenende im deutschen Fernsehen abspielte. Es ist schwer zu beurteilen, ob es hier einfach nur um Kostenersparnis ging oder ob der Untergang des Fernsehens immer deutlichere Formen annimmt. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem.

Werbung und Autorennen
Als wir hier in der Redaktion in Köln, kurz nachdem Absturz der Präsidentenmaschine, erfasst hatten, was für eine Tragödie sich in Smolensk im Westen Russlands abgespielt hatte, versuchten wir uns zu erst ein Bild der Lage über die Nachrichtensender zu verschaffen und was uns hier aus deutscher Sicht erwartete, war mindesten erstaunlich. Ein Beispiel. Der Nachrichtensender n-tv sendet ganz normal sein Programm, was um diese Zeit bedeutet, dass man sich eine Reisedauerwerbesendung anschauen konnte. Danach kurz ein Nachrichtenblock, immerhin ging es hier im Schwerpunkt um die Katastrophe, um die gerade verstorbene polnische Elite aber dann ging es auch direkt mit einer Livesendung über ein Autorennen weiter. Auf N24, dem anderen großen deutschen Nachrichtensender, sah es im übrigen nicht sehr viel besser aus. Man darf wohl anmerken, dass man sich unter einem Nachrichtensender etwas anderes vorstellt. Natürlich kann man nicht behaupten in diesem Land nicht ausreichend informiert zu werden, schließlich gibt es noch CNN und natürlich das Internet. Auch die am gestrigen Tage begonnenen Versteigerungen der LTE-Lizenzen zeigen ganz eindeutig in die Richtung, dass die Zukunft auch hier durch das Internet bestimmt werden wird.

Man merkt einfach an einem solch tragischen Beispiel sehr deutlich, wo sich die Medien hin bewegen. Ein großes Lob gilt an dieser Stelle den deutschen Printmedien, die schon kurz nach dem Flugzeugabsturz mit ständigen Neuigkeiten im Netz vertreten waren. Dies bezieht sich übrigens nicht nur auf die Großen der Branche, sondern zum Teil auch auf recht kleine Tageszeitungen. Man erkennt ganz deutlich, wo die Zukunft liegt und muss wohl festhalten, dass dies nicht im Bereich des Fernsehens ist. Die öffentlich-rechtlichen TV-Sendern hatten im Rahmen ihrer Nachrichtensendungen einige Specials zu diesem Thema, wie man sie kennt. Hiermit waren aber auch die Privaten irgendwann am Start. Erstaunlich war nur, dass Sender, wie zum Beispiel ARD und ZDF, die ansonsten zum Beispiel so gut wie jede größere Royale Veranstaltung in Form einer Livesendung übertragen, hier auch nichts vergleichbares im Kontext des verstorbenen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski zu bieten hatten. Als der Leichnam wieder polnischen Boden in Warschau am Flughafen berührte, war wieder nur CNN live dabei. Als kurios muss man wohl auch anmerken, dass sich n-tv mit seiner Liveberichterstattung kurz vorher vom Warschauer Flughafen verabschiedet hatte.

Was ist eine Nachricht?
Es bleibt festzuhalten, dass bei dieser Katastrophe in Russland vor allem auch fast 100 Menschen verstorben sind und diese haben Angehörige, dies ist also vor allem neben der politischen und gesellschaftlichen Tragödie, auch ein fast 100-facher persönlicher Schicksalsschlag. Es ist ebenso richtig, so zynisch dies auch klingen mag, dass wenn 100 Menschen bei einem Flugzeugabsturz irgendwo in Afrika ums Leben gekommen wären, dies wahrscheinlich noch nicht einmal eine Hauptschlagzeile gewesen wäre. Am Rande sei angemerkt, wie relativ die Aussage ist, dass alle Menschen gleich seien. Seit den schrecklichen Attentaten vom 11. September 2001 in den USA hat sich die Nachrichtenwelt so oder so noch einmal grundlegend verändert und man fragt sich unter ganz anderen Gesichtspunkte, was heute noch für Sondersendungen oder ähnliches geschehen muss. Wir hier in der Redaktion in Köln vertreten die Meinung, dass dies was sich am Wochenende im Kontext der polnischen Elite abgespielt hat, eine große Sonderberichterstattung verdient gehabt hat, vor allem wenn man sich die Hintergründe dieser Katastrophe anschaut und natürlich muss man auch berücksichtigen, wie viele Menschen mit polnischen Wurzeln in Deutschland leben. Seit einigen Stunden können die Polen nun direkt von ihrem Präsidenten Abschied nehmen, bevor er beerdigt wird. Es bleibt dann abzuwarten, wie man aus Sicht der Medien in Deutschland mit dieser Beerdigungszeremonie umgehen wird.

Die deutschen Fernsehmacher sollten sich genau vor Augen halten, dass eine solche Schwerpunktverschiebung ins Internet das Ende des klassischen Fernsehens bedeuten wird. Im Internet wiederum gelten natürlich völlig andere Spielregeln, gerade auch was die Einnahmen im Bereich der Werbung angeht und die Bedeutung dieser Einnahmen scheint auch im Bereich der Nachrichten bzw. im Bereich der Informationen allgemein eine immer größere Rolle zu spielen. Leider scheinen hierbei die Inhalte allerdings immer weiter in den Hintergrund zurücken, was es noch mehr erschweren wird, sich gut zu informieren. So muss man sich dann natürlich fragen, wie sich klassische TV-Sender im Internet auf Dauer positionieren werden bzw. wer wohl alles auf der Strecke bleiben wird. Die Tragödie vom Wochenende hat ganz klar gezeigt, dass die Internetauftritte der Printmedien und andere Formate erst einmal ganz weit vorne waren und den Weg verstanden haben. Wie die Zukunft aussehen wird bleibt abzuwarten, wobei man in dieser Woche auch einräumen muss, dass die Zukunft Polens wohl wesentlich wichtiger ist. Denn, wie bereits erwähnt, darf man bei all dem nicht unterschätzen, um welche menschlichen Schicksale und Tragödien es hier letztendlich geht und auch unsere Anteilnahme gilt natürlich den Hinterbliebenen dieser Katastrophe und letztendlich dem gesamten polnischen Volk.

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Kategorie: Ein Kommentar zur Woche · Europa · Gesellschaft · Medien · Politik · Wirtschaft

Bis jetzt 1 Kommentar ↓

  • 1 Ludwik // 11. Mai 2010 at 20:36

    Im Internet kann man fragen, und es gibt Antworten!
    Im Fernsehen… was..

Schreib was dazu