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Die Wahrheit des Wortes

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Das schwere Erbe des Robert Enke

17. November 2009

Am Sonntag wurde der Nationaltorhüter und Keeper von Hannover 96 Robert Enke (32) im engsten Familienkreis neben seiner Tochter Lara beerdigt. Zuvor nahmen Zehntausende in einer bewegenden Trauerfeier im Stadion der niedersächsischen Landeshauptstadt Abschied von ihrem Idol. Enke nahm sich vor einer Woche das Leben, da er an schwersten Depressionen litt und mit dem Leistungsdruck in dieser Gesellschaft nicht mehr klar kam. Viele sprechen seitdem von einer Aufgabe, die Robert Enke der Gesellschaft durch seinen Tod aufgegeben hat. Nun ist die Frage, wie man mit diesem Erbe umgeht. Für seine ehemaligen Mannschaftskameraden aus der Nationalmannschaft beginnt diese Gradwanderung schon am morgigen Tag, denn da treten sie gegen das Nationalteam der Elfenbeinküste an. Natürlich wird damit wieder ein Stück Normalität, ein Stück Alltag einkehren und dies muss auch irgendwann so sein und es bringt auch nichts an dieser Stelle über den richtigen Zeitpunkt zu diskutieren, stattdessen sollte man sich auf die beschriebene Aufgabe konzentrieren.

Die Welt ist nicht im Lot
Sehr viele Menschen meldeten sich innerhalb der letzten Woche zu Wort und es ging immer wieder um den massiven Druck in unserer heutigen Leistungsgesellschaft und darum, dass in diesem System etwas grundlegendes falsch läuft. Selbst der niedersächsische Landesvater Christian Wulff (CDU) stellte in seiner Trauerrede für Robert Enke fest, dass die Welt nicht mehr im Lot sei. Man darf nun abwarten, wie lange dieser sinnlose Tod wirklich in den Köpfen ist und ab wann es wieder wichtigere Themen gibt, als den Tod eines einzelnen Menschen. Oliver Bierhoff, Teammanager der deutschen Fußballnationalmannschaft, sprach nach der Trauerfeier im Kontext zur Vorbereitung für das Spiel gegen die Elfenbeinküste, direkt schon wieder von der Erfolgsorientierung die sein Team haben muss, so etwas scheint dann natürlich schon makaber, einige Stunden nachdem jemand beerdigt wurde, der mit dem Erfolgsdruck im deutschen Fußball nicht klar kam. Aber auch hier liegt ein kleiner Fehler im Detail, denn man sollte nun nicht nur auf den Fußball, den Sport im allgemeinen schauen, sondern sich auf die gesamte Gesellschaft konzentrieren und hierzu zählen natürlich auch Bereiche, wie zum Beispiel die Politik und die Wirtschaft.

Seitdem Ende des Kalten Krieges, in dessen Kontext auch die Mauer fiel, was man gerade erst in der letzten Woche ausgiebig in Deutschland feierte, ist die Welt damit beschäftigt sich neu zu ordnen. Diese neue Weltordnung, die im Moment entsteht, steht aber in einem klaren Gegensatz zu alldem, was im Rahmen der Trauer um Robert Enke gesagt wurde, nicht umsonst spricht man in diesen Tage nur allzu gerne vom Raubtierkapitalismus, in dem eben nur die Starken gewinnen werden. 1 Milliarde Menschen, gut 15 Prozent der Weltbevölkerung, hungern, wie es im Rahmen des Welternährungsgipfels, der am gestrigen Tag in Rom startete, hieß. Auch ein Zeichen dafür, dass es nicht nur in Deutschland und Europa, sondern letztendlich auf der ganzen Welt sehr schlecht um den solidarischen Gedanken bestellt ist. Jeder kämpft erbarmungslos für sich selbst, jeder will ein Sieger sein, dass ist es was scheinbar nur noch zählt. Natürlich gibt es dort wo es Sieger gibt auch immer Verlierer und was aus denen wird interessiert meistens niemanden. Wie die Menschen, egal ob Sieger oder Verlierer, mit diesem Druck ganz allgemein klar kommen, zählt in dieser Gesellschaft schon einmal gar nicht, auch das hat der Tod des Robert Enke gezeigt.

Immer die anderen
Kurz nach dem Tod des Keepers von Hannover 96 wurde aber auch klar, wo sich etwas ändern muss, die Gesellschaft soll sich verändern und zwar von unten her. Da ist es wieder dieses System, dass die Masse nun für die Systemfehler den Kopf hinhalten soll. Von Seiten des Deutschen Fußball Bundes (DFB) her klang durch, dass die Fans diesen Druck mit zu verantworten hätten. Natürlich sind es die Fans, die jeden Samstag lautstark für oder gegen Spieler agieren aber dieser Teil des Drucks dürfte nur einen kleinen Teil ausmachen, denn dies sind gerade einmal ein paar Stunden die Woche. Wenn man sich nur anschaut, was sich kurz vor dem Tod von Robert Enke noch beim FC Bayern München abgespielt hat, wird bald schon klar, wo der viel größere Anteil des Drucks herkommt. Man kann nun nicht von den Fans verlangen ihren Unmut einschränken zu müssen, während die großen Vereine, die natürlich auch eine große Vorbildfunktion haben, so weiter machen, als wäre niemals etwas geschehen. Es kann nicht sein, dass die Wirtschaft weiterhin nur noch größtmöglichen Gewinnen hinterher läuft und dabei auch oft genug Schicksale negativ beeinflusst, während die Gesellschaft humaner werden soll. Diese Fehlentwicklung muss als erstes verändert werden. Es müssen nun klare Zeichen aus der Wirtschaft aber auch aus der Politik kommen, die den Menschen im Land klar machen, dass es auch anders geht.

Man wird das Gefühle nicht los, dass in Unternehmen, wie zum Beispiel Opel oder Karstadt, die Menschen ganz systematisch und ganz bewusst gegeneinander ausgespielt werden und so auch hier gilt, dass nur der Stärkste überlebt und es ist davon auszugehen, dass es hier auch in Zukunft so weiter gehen soll, wie bisher auch. Wenn dem so ist, wird Robert Enke nicht das letzte Opfer dieses Systems gewesen sein und dann sollte man sich nicht allzu verwundert zeigen. Wenn man die Berichterstattung der letzten Tage verfolgt, ist es spannend mit anzusehen, wie Menschen aus dem Sport, aus der Wirtschaft aber auch aus der Politik und den Medien bemüht sind jegliche Schuld an dieser Leistungsgesellschaft von sich zu weisen. Ein interessanter, wie auch zynischer Aspekt, denn die Politik lässt die Wirtschaft scheinbar machen was sie will und die Medien haben ihre systemkritische Haltung auch scheinbar schon lange verloren, denn offensichtlich möchte man nicht irgendwann einmal auf der Verliererseite stehen. Am Ende bleibt dann auch wieder hier die volle Verantwortung bei der breiten Masse der Bevölkerung, die angeblich all dies erst ermöglicht. Dies ist in sofern korrekt, dass gerade in einem demokratischen Land wie Deutschland es ist, an jedem selbst ist, ob er mit nach diesen Spielregeln spielt oder nicht. Natürlich kann man jetzt nur etwas verändern, wenn sich alle auf gleicher Höhe in eine Richtung bewegen und denen die nun sagen, dass sich etwas ändern muss auch zeigen, dass sich etwas ändern wird. Es bleibt nur die Frage, was aus dem DFB, der Wirtschaft etc. wird, wenn sich die Gesellschaft diesem Leistungsdruck entgegenstellt aber das hat man sich bestimmt überlegt, bevor man diese Aussagen getätigt hat, außer sie wären niemals ernst gemeint gewesen bzw. man würde darauf spekulieren, dass bald all das schon vergessen ist.

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Kategorie: Ein Kommentar zur Woche · Europa · Medien · Politik · Sport · Wirtschaft

Bis jetzt 1 Kommentar ↓

  • 1 Der BALLacker » Mit den Gedanken bei Robert // 8. Nov 2010 at 00:12

    [...] auf jeden Kommentar zum 11. Spieltag und widme meine Zeit und diesen Platz der Erinnerung an Robert Enke. Am Mittwoch ist es genau ein Jahr her, dass er sich ganz in der Nähe seines Hauses vor einen [...]

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