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Die Wahrheit des Wortes

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Das Ende des Vollzeit-Jobs ist absehbar

14. April 2009

Das sagt heute der Wirtschaftspsychologe Othmar Hill zum Kurier. Und er nennt drei Faktoren, welche dieses Ende ausgelöst haben: die Globalisierung, das Internet und der Werteverfall. “Jeder schaut selbst, wie er durchkommt.” Die Krise wird vermutlich diese drei Faktoren noch verstärken. Und mit den Worten von ATTAC gesprochen, nimmt die Gefahr der Entsolidarisierung jetzt zu. Die österreichische Politik mit ihren Entscheidungsträgern scheint hier wenig Bewusstsein für diese Vorgänge an den Tag zu legen. Vielmehr bekommt man den Eindruck, man sitzt wie gelähmt in Wien und hat den Überblick nun endgültig verloren. Man faselt vor sich hin über Konjunkturpakete, Bankenhilfe, Innovationen, Maßnahmen setzen – wenig Fleisch zum Anfassen.

Fremdwort “soziale Verantwortung”. Weniger arbeiten, das ist der Trend. Doch kann man mit dem Weniger an Geld, was verkürzte Arbeitszeit so mit sich bringt, auch leben? Fast drei Millionen Menschen kommen in Österreich kaum bis gar nicht mit ihrem Einkommen aus. Die Einkommensschere geht weiter auseinander. Christian Felber, Gründer von ATTAC Österreich, schilderte in seinem Interview mit fairschreiben – wir haben berichtet -, dass vor allem die Armut bei Alleinerzieherinnen und -erziehern eklatant ansteigt. In Deutschland würde jedes vierte (!) Kind in einem HartzIV-Haushalt leben. Und die jüngst veröffentlichten Zahlen für Österreich sind nicht viel besser. Kinderarmut herrscht in einem der reichsten Länder der Welt! Die Politik sieht zu, indem sie das Vermögen der Oberen Zehntausend nicht besteuert und sich taub stellt für derartige Reformen; und sie sieht dabei zu, dass man  die von Armut Gefährdeten glauben lässt, sie wären selbst Schuld an der Situation. Darin liegt die wahre Polemik – in der Gier der Mächtigen. Und zu denen zählen auch Entscheidungsträger, deren soziale Verantwortung nun gänzlich auslässt.

Subkultur Freeganer. Wenn die von Othmar Hill prognostizierte Verlust der an Vollzeit-Jobs ebenfalls ins Land zieht, dann wird auch die Anzahl der “Working Poor” in Österreich zunehmen. Spannend ist es zu beobachten, dass genau aus dieser sozialen Spannungssituation heraus ein neuer Trend entsteht – eine neue Subkultur, den Lebensalltag zu meistern: die Freeganer kommen. Nein, keine außerirdische Rasse ist das, sondern ganz normale Menschen verbergen sich hinter diesem Begriff, der aus “free” und “vegan” zusammengesetzt ist. Akademiker, Hochqualifizierte, “normale” Bürger, die dem Konsumwahn abschwören und mit einem radikalen Perspektivenwechsel gut durch den Alltag kommen, das sind Freeganer. Man stöbert im Warenausschuss von Supermärkten nach Lebensmitteln, und das hat durchaus etwas “Eventartiges” an sich: mit Stirnlampe nach Geschäftsschluss dunkle Müllcontainer nach Kostbarkeiten absuchen. Da findet man alles, was man benötigt, und – die Lebensmittel sind völlig intakt. Die fairschreiben-Redaktion von Österreich hat es selbst ausprobiert. Es funktioniert, das “Containern”. Gleichzeitig verweigert man als Freeganer den Konsumrausch – angeschafft wird nur, was man WIRKLICH braucht; Massentierhaltung und Industrielandwirtschaft hat im Leben eines Freeganers keinen Platz. So könnte die Stadt Graz vom Brot, das in Wien zum täglichen Ausschuss gehört, einen ganzen Tag leben! Da hat sich nichts geändert. Wir werfen Lebensmittel täglich weg, weil das Konsumverhalten es anscheinend so fordert. Weil am nächsten Morgen wieder “frische” Ware im Regal liegen muss. Nicht einmal Angestellte von Lebensmittelmärkten dürfen die Waren nach Hause mitnehmen. Das wäre Diebstahl, so argumentiert die Konzernleitung. Was macht das Brot um 19.05 Uhr zur verderblichen Ware, wenn es um 18.55 Uhr noch verkauft werden darf? Das sind die Lebensmittel, die Freeganer verwenden!

Um auf das Ende der Vollzeit-Jobs zurück zu kommen – vielleicht liegt im Entstehen einer neuen Subkultur auch die Basis für neue Tätigkeiten. Arbeit entsteht nämlich dort, wo Bedarf dafür ist. Und erst durch diesen Bedarf entsteht Geld. Geld ist ein Tauschmittel, um Bedarf zu decken. Zinsen sind kein Bedarf des Alltags. Zinswirtschaft nützt nur den Oberen Zehntausend, die sich ihrer Verantwortung für Arbeitsplatzbeschaffung der Zivilgesellschaft schon längst entledigt haben.

AMW

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Kategorie: Ein Kommentar zur Woche · Europa · Gesellschaft · Medien · Neues aus Österreich · Politik · Umwelt · Wirtschaft

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