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Die Wahrheit des Wortes

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Daisy verpasste Ruhr.2010

11. Januar 2010

Laut Auskunft einiger Medienvertreter sollte es ein Katastrophenwochenende werden, denn das Schneetief Daisy erfasste Deutschland. Genau an diesem Wochenende startete im nordrhein-westfälischen Essen im Ruhrgebiet auch das kulturelle Highlight des Jahres, die Ruhr.2010. Denn das Ruhrgebiet ist in diesem Jahr Kulturhauptstadt Europas und auch hier hatte man Notfallpläne, die man auch voraussetzen musste, wenn eine Eröffnungsfeier im Winter als Open-Air-Veranstaltung geplant ist. Nun ist das Wochenende vorbei, die Katastrophe blieb zum Glück aus aber es zeigte sich auch wieder an vielen Stellen, dass einiges in diesem Land doch sehr merkwürdig ist und dies bezieht sich ganz und gar nicht auf das Thema Schneefall im Winter, auch wenn es in diesem Jahr wieder sehr schön ist zu sehen, wie überrascht man doch immer wieder vom Winter ist.

Wir sind alles
Am Samstag eröffnete der Essener Bürgermeister Reinhard Paß (SPD) offiziell die Ruhr.2010 und somit hat Deutschland nun mit einer ganzen Region, in der gut 5,3 Millionen Menschen leben, eine Kulturhauptstadt. Die Eröffnungsfeier in der Zeche Zollverein Essen stand unter dem Motto `Wir waren Kohle, jetzt sind wir Feuer`. Da fragte man sich, was wir noch alles sind? Wir sind Deutschland. Wir sind Papst. Wir sind Feuer und das all dies natürlich ein Wintermärchen ist, welches bestimmt auch noch zu einem Sommermärchen wird, ist selbstverständlich aber auch ebenso erschreckend für ein solch kulturelles Highlight. Bevor die Akteure zur Präsentation ihrer Performance die Bühne nicht ganz für sich hatten, da immer fleißige Helfer den Schnee entfernen mussten und Salz streuten, hatte die große Politik das Wort. Es gab Grußworte, begonnen beim Bundespräsidenten Horst Köhler, über José Manuel Barroso, Präsident der Europäischen Kommission, bis hin zum nordrhein-westfälischen Landesvater und Wahlkämpfer Jürgen Rüttgers (CDU). Diese Reden hatten alle eines gemeinsam, manch einer wird sich gefragt haben, wovon diese Menschen gesprochen haben.

Da waren sie wieder die Lobeshymnen auf Deutschland, auf Europa und natürlich auch auf das Land Nordrhein-Westfalen, persönlich gesehen fehlte allerdings scheinbar oftmals der Bezug zur Realität. Denn außer, dass man beim Ruhrgebiet vom größten Ballungszentrum Europas spricht, muss man auch einräumen, dass es eine strukturschwache Region ist, die noch immer in großen Teilen am Boden liegt, wo Städte, wie zum Beispiel Oberhausen, letztendlich nichts anderes mehr tun können, als ihre Schulden zu verwalten. Kein gutes Vorbild für gelungenen Strukturwandel. So könnte man nun alle drei Reden Stück für Stück abarbeiten aber was würde dies bringen, am Ende würde es doch wieder heißen, dass solch negative Aspekte in einem solchen Rahmen nichts zu suchen hätten. Aber wo und wann dann? Es ist wieder einmal so, dass von wesentlichen Problemen mit Unterhaltung abgelenkt wird und ein großer Teil der Medien spielt dieses Spiel mit und hat somit natürlich auch eine Mitverantwortung für die Folgen. Man kann nur hoffen das im Laufe der Ruhr.2010 auch die kritischen Töne lauter werden und nicht nur die Kunst und Kultur gefeiert wird. Natürlich steckt hier auch eine große Aufgabe für die Beteiligten Kulturschaffende drin, denn die Kunst und Kultur sollte den Anspruch haben nicht nur zu unterhalten und einfach schön zu sein.

Komm zur Ruhr
Im Rahmen dieser Eröffnungsfeier präsentierte auch Herbert Grönemeyer seine neue Ruhrgebietshymne `Komm zu Ruhr` und man muss hoffen, dass diese Aussage auch nachhaltig gesehen wird, denn so sehr man sich nun im Ruhrgebiet und dem Rest der Republik freut, bleiben die massiven Probleme im Land. Natürlich und auch das haben die letzten Tage immer wieder bewiesen, beschäftigen sich zum Beispiel Nachrichtensender wie n-tv doch scheinbar lieber mit dem Schüren von Katastrophenszenarien, wie im aktuellen Kontext zu Daisy, anstatt auch nur im Ansatz so ausführlich über die Politik in diesem Land zu berichten. Während man diskutiert, ob man Hartz-IV-Empfänger nicht noch schlechter stellen sollte, während man sich fragt, wo eigentlich die im Herbst letzten Jahres wiedergewählte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) seitdem hin abgetaucht ist etc., macht man in den Nachrichten Schnee im Winter zur Hauptnachricht. Die Armut steigt und steigt und man redet über das Wetter, die einzigen die dieser Trend freuen dürfte, sind die Künstler und Kulturschaffenden und nicht nur die, die bei der Ruhr.2010 aktiv mitwirken, denn dort wo es schlecht läuft, hat Kunst und Kultur immer gute Chancen.

Leerstehende Ladenlokale, alte, oftmals fast abbruchreife Hallen und ähnliches, die Schandflecken des gescheiterten Raubtierkapitalismus, werden doch immer wieder gerne Künstlern und Kulturschaffenden zur Wiederbelebung zur Verfügung gestellt und das oftmals mit einer großen Erwartungshaltung im Kontext der Dankbarkeit. Gelingt es so neue, interessante urbane Bereiche zu schaffen, steigen die Mieten schnell so massiv, dass die Kultur meistens wieder abziehen muss und ihren Dienst geleistet hat. Diese Art der Ausbeutung von Kunst und Kultur, für die man wohl kaum auch noch Dankbarkeit zeigen sollte, wird allerdings nicht nur im Bereich der Politik oder Wirtschaft zelebriert, man findet sie auch in anderen Bereichen der Gesellschaft. Die Kirchen machen es genauso, da die Gotteshäuser immer häufiger leer bleiben, weil die Menschen ihre Probleme scheinbar auch nicht mehr mit dem Glauben und Gott gelöst bekommen, nutzt man auch hier immer häufiger die Kunst und Kultur um Leben anzuziehen. Auch Papst Benedikt XVI. geht diesen Weg, wie jüngst seine Künstlergespräche zeigten. Man kann für das Ruhrgebiet nur hoffen, dass hier ein anderer Weg gegangen wird, ein nachhaltigerer Weg von dem nach 2010, wenn die Ruhr.2010 Geschichte ist, alle profitieren, die Kunst, die Kultur und die Gesellschaft. In diesem Sinne: Glück auf!

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Kultur · Medien · Politik · Wirtschaft

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